

Eine Kindertragödie von Frank Wedekind
Das Leben ist von einer ungeahnten Gemeinheit.
Sie sind jung, unangepasst und brennen vor Leidenschaft. Wendla, Melchior und Moritz sind drei Teenager mitten in der Pubertät, die den aufkeimenden Gefühlsverwirrungen schutzlos ausgesetzt sind. Für ihr Aufbegehren gegen die einengende Welt der Erwachsenen müssen sie hart büßen: Wendla stirbt an den Folgen einer Abtreibung, Moritz erschießt sich aus Verzweiflung, und Melchior wird in eine Erziehungsanstalt gesperrt.
Wedekinds Kindertragödie beschreibt den quälenden Aufbruch einer Jugendgeneration, die auf sich alleine gestellt mit den Ängsten und der Überforderung der Heranwachsenden klar kommen muss. Es ist eine Jugend, die sich verloren zwischen den angepassten Werten des Elternhauses und ihrer Sehnsucht nach einem unergründeten Leben selbst orientieren muss, dabei unentwegt auf der Suche nach der eigenen Identität ist. Es ist eine Generation, die zum Scheitern verdammt ist. Eine Generation, die ein Leben stets im Angesicht des Todes führt.
Die junge Regisseurin Alice Buddeberg ist Absolventin der Theaterakademie Hamburg. Mehrere Inszenierungen und Uraufführungen hat sie bereits während ihres Studiums am Theaterhaus Jena, am Bremer Theater und auf Kampnagel in Hamburg realisiert.
Premiere: 21. Februar 2009
Trailer FRÜHLINGS ERWACHEN
© Deutsches Theater in Göttingen
Regisseurin Alice Buddeberg erzählt die Geschichte nicht nach, sie legt einen Fokus. Weitgehend hat sie die Erwachsenen aus dem Geschehen verbannt, eine konsequente Entscheidung, denn sie lassen die Jung-Teens eh alleine mit sich und ihren existenziellen Nöten. Buddeberg beobachtet Wendla, Melchior, Moritz und die anderen bei ihrem Versuch, sich in der gerade erst entdeckten Welt einzufinden.
Klug hat die Regisseurin mit ihrem Ensemble die Charaktere entwickelt. Johanna Falckner spielt die 14-jährige Wendla. Das Mädchen stirbt nach einer dilettantischen Abtreibung, ihre Mutter hatte sie nicht aufgeklärt. Falckner zeigt Wendla ganz fein gezeichnet zwischen Kind und Frau. Sie besitzt viel Bühnenpräsenz und Souveränität. (…) Alois Reinhardt und Gastschauspielerin Johanna Diekmeyer haben zwei grandios-überzeichnete und urkomische Szenen.
Dass die sehr konsequent entwickelte Inszenierung polarisiert, machte das Premierenpublikum deutlich. (…) Das Gros jedoch applaudierte euphorisch - völlig zu Recht.
Bei Alice Buddeberg, die den All-time-greatest-hit der Pubertätsdramen am Deutschen Theater in Göttingen inszeniert hat, übersetzt sich der Weltschmerz in die Sprache des Pop und der heutigen Jugend: „This world is no dancefloor.“ Die Erkenntnis kommt nicht minder bitter als früher daher, nur ist sie jetzt mit Beats unterlegt. Existenzialismus reloaded.
Buddeberg, 26 Jahre alt, hat Wedekinds „Kindertragödie“ schmerzhaft in die Gegenwart geholt. Nicht mehr sexuell unaufgeklärt wie im Kaiserreich sind die Jugendlichen, sondern übersexualisiert. Gewöhnt an die Allgegenwart nackter Körper, verfügen sie über einen Schatz an Synonymen für den Geschlechtsakt, an pornografischen Posen. Aber ahnungs- und orientierungslos bleiben sie trotzdem. Und allein gelassen von den Erwachsenen. Die Inszenierung nimmt das wörtlich: Eltern, Lehrer, Autoritäten sind gestrichen. Und auch sonst bleibt kaum ein Stein auf dem anderen – bis hin zu den Geschlechterrollen: Moritz Stiefel wird von Sarah Hostettler nicht als Mann gespielt und nicht als Frau. Sondern unfertig, zerbrechlich, verloren. Ein einsames Wesen. (…)
Die junge Regisseurin ist ein Nachwuchstalent, um das sich die großen Häuser reißen. Und auch ihr Gastspiel in Göttingen lässt ahnen, warum. (…) Buddeberg will keine Geschichte erzählen, sondern ein Panoptikum pubertärer Pein erschaffen. Will die Zerrissenheit einer Generation zeigen. Sie modernisiert den Klassiker und greift dafür – neben einigen Improvisationstexten und der Musik von Stefan Goetsch – auf Klassiker zurück. (…) Und das Erstaunliche: Es funktioniert.
Die pubertären Nöte, die Wedekind in seinem Stück verwob, die schulischen Versagensängste, die elterlichen Erziehungsvorgaben und den sexuellen Überdruck mit dieser emotionalen Dünnhäutigkeit erfasst die Inszenierung wie durch ein Brennglas. In der Nahaufnahme muten all die widersprüchlichen Gefühle extremer an und radikaler. Und das ist es auch, was die Jugendlichen hier antreibt – Wendla und Melchior, Moritz und Martha, Ilse, Hänschen und Hans bei ihrer Suche nach einer Identität. (…) Lebenslust und Todessehnsucht liegen nahe beieinander. Anders als bei Wedekind ist die Welt der Erwachsenen hier fast ausgeblendet. Um Gefühle von Glück und Verzweiflung geht es und um all diese Anfälle von unbändigem Zorn über das, was das Leben so fragwürdig macht. (…)
Was der Abend an zeittypischen Etikettierungen für eine junge Generation mit zweifelhaften Aussichten vornimmt, verweist auch auf die tiefe Kluft zwischen den äußerlichen Bekenntnissen von Stärke und Widerspruchsgeist, den die Figuren demonstrieren, während sie in ihrer leidenschaftlichen Odyssee tödlich ermüden oder einfach erschöpft loslassen.