

nach Henrik Ibsen
Alles Lüge
Im Mittelpunkt des Stücks steht die Familie Ekdal,deren Existenz sich wohl mit dem Begriff prekär treffend beschreiben lässt und deren scheinbar heile Welt auf dem Fundament eines einzigartigen Lügenkonstrukts beruht. Nicht nur, dass Vater Hjalmar ahnungslos ist, dass seine geliebte Tochter nicht von ihm, sondern vom Kapitalisten Werle stammt, auch durchschaut er keineswegs, dass nicht er, sondern lediglich die verdeckte Alimentierung durch Werle den Lebensunterhalt der Familie sichert. So bliebe es wohl auch, setzte sich nicht ausgerechnet der Sohn Werles – Gregers – in den Kopf, die Ekdals mit der »Wahrheit« zu konfrontieren. In seiner Inszenierung untersucht Mark Zurmühle die Konfrontation einer Familie mit dem desillusionierenden Zusammenbruch der sie umgebenden fremdinszenierten Wirklichkeit. Dabei markiert die dem Prinzip von Versionsnummern bei Computerprogrammen entlehnte Zahlenkombination »2.0« die Differenz zwischen dem Heute und der Zeit Ibsens. Diente Ibsen die Fotografie als Medium zur Manipulation, sind es heute die digitalen Medien und das Internet, die unaufhörlich unsere Wirklichkeit inszenieren. Der Ibsensche Dachboden, im Stück der Ort des Imaginären und Unbewussten, ist längst aufgegangen in den unendlichen digitalen Weiten des Webs; mit einem entscheidenden Unterschied: Wir haben kaum noch die Kontrolle über unsere dort verstauten Informationen. Zugleich wird es in unserer medialisierten Welt für den Einzelnen immer schwieriger, zwischen Wirklichkeit und Lüge zu unterscheiden. Eleonore Bircher hat deshalb in ihrem Bühnenbild ganz bewusst darauf verzichtet, einen realistischen Ort zu gestalten, sondern einen Raum entworfen, der dem Zuschauer die Möglichkeit eieinräumt, seinen eigenen Assoziationen und Projektionen freien Lauf zu lassen. Wie aktuell Ibsen mit seinen Stücken ist, unterstreicht auch die Tatsache, dass es keiner textlichen Aktualisierung bedurfte, um die Inszenierung an das Zeitalter des »Web 2.0« anzudocken.
In seiner Inszenierung von Henrik Ibsens 1884 entstandenem Stück begibt sich Mark Zurmühle auf die Suche nach unseren Dachböden und Lebenslügen. Sind es heute nicht vor allem die modernen Medien, die uns einerseits in Traumwelten entführen, wie sie unsere Wahrnehmung von Welt zugleich manipulieren? Wer hat nicht schon einmal auf Bildschirmen Moorhühner gejagt, um der Tristesse des Arbeitsalltags zu entfliehen? Gaukeln uns soziale Netzwerke wie Facebook oder studiVZ nicht ein soziales Leben vor, das der Wirklichkeit nur selten entspricht, bzw. ganz im Gegenteil, die Gefahr der Vereinzelung noch weiter fördern? Sehen wir nicht täglich Dutzende Menschen im Fernsehen, die im Glauben an den schnellen Erfolg sich unwissentlich öffentlich der Selbsterniedrigung preisgeben und dabei nur das Schmiermittel einer zynischen Vermarktungsindustrie sind? Selten war Ibsens Schauspiel um das Verhältnis von Schein und Sein wohl so aktuell wie heute.
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