

von Elfriede Jelinek
Wieder spürt die Hassfigur der österreichischen Radikalkritik Elfriede Jelinek mit unerschrockener Wachsamkeit der gesellschaftlichen Fäulnis unserer Zeit nach.
Im Zeitalter zusammenbrechender Kapitalmärkte, einer schleichenden Krise, deren Ausmaß noch lange nicht absehbar ist, meldet sich Jelinek sprachgewaltig mit einem Stück zur Stunde wieder zu Wort. Was wäre da drängender als eine Wirtschaftskomödie über die Absurdität der Finanz- und Kapitalwelt? Ausgehend von aktuellen Skandalen in Österreich rechnet Jelinek höhnisch mit den Verbrechen der Wirtschaft, der Korruption der Manager, der entfesselten Gemeinheit und der Rendite-Gier der Kleinanleger als das ab, was die Krise offen legt. Jelineks Stück ist nicht nur eine knallharte Analyse der Weltwirtschaftskrise und deren Folgen oder eine schonungslose Abrechnung mit dem Irrationalismus des Finanzkapitalismus’, sondern führt uns den Ausverkauf des Kapitalismus als grotesken Totentanz vor.
Gewohnt scharfzüngig, mit bösartigem Humor und diskursgesättigter Reflektiertheit verbindet Jelinek assoziativ einen Zettelkasten von Medien-, Zeitungs- und Wirtschaftsstimmen zu einer virtuosen Sprachpartitur. DIE KONTRAKTE DES KAUFMANNS ist das erste Stück der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin am Deutschen Theater in Göttingen.
Jelinek lässt die Kleinanleger zu Worte kommen, die ihre Altersvorsorge einbüßten. Doch die Autorin schlägt sich nicht vorbehaltlos auf die Seite der Betrogenen. Denn auch sie wurden getrieben von Gier. Mindestens 15 Prozent Rendite jährlich hatte ihnen der Finanzjongleur versprochen. Wer auf einen solchen Gewinn spekuliert, ist entweder naiv oder nimmt betrügerisches Handeln billigend in Kauf. Bei Jelinek sprechen auch die Banker. Sie rechtfertigen sich wortreich, doch immer wieder bricht sich ihre Geringschätzung der Nichtreichen Bahn. Selbst Schuld, lautet ihre zynische Botschaft. Jelinek hat mit viel Wortwitz und lustvoller Boshaftigkeit geschrieben.
Regisseur Gersch ist es mit seinem Team großartig gelungen, diesem Wortschwall eine angemessene, weil strukturierende, aber dennoch ausreichend offene Form zu verleihen. Hier läuft kein chronologisches Geschehen ab, hier wird debattiert. Dafür hat Gersch mit vielen brillianten Regieeinfällen den Rahmen geschaffen. (...)
Das Ensemble spielte in diesen Szenerien geradezu rauschhaft. Die Akteure mussten viel sperrigen Text lernen, doch ohne Hänger bleiben bei dieser kaum lösbaren Aufgabe die Wenigsten. Also hat man aus der Not eine Tugend gemacht. Statt Textaussetzer zu überspielen, brüllen die Schauspieler in Richtung Souffleuse, deutlich vernehmbar hilft Gisela Bohmann weiter. Einer von vielen grandiosen Regieeinfällen, die zu einer bemerkenswert dichten, präzisen und humorvollen Inszenierung beitragen. Alles richtig gemacht, viel gewagt und schließlich gewonnen. Selten war nach einer Premiere ein derart vergnügtes und aufgekratztes Publikum zu erleben.
Es war wohl die innovativste, aber auch die schwierigste Premiere in dieser Spielzeit, denn Jelineks Textvorlage wollte erst für das Theater erschlossen werden: 100 Seiten Text, ohne verteilte Rollen, ohne erkennbare Handlung und mit wenigen strukturierenden Einschnitten. Ein wahrer Sprachfluss also, der wie die globale Finanzkrise über Schauspieler und Zuschauer hinwegschwappte. (...)
Virtuos wurden faszinierende Bilder aufgebaut, die sich bei genauerem Hinsehen als inhaltslose Scheinwelt entpuppten und einzig der Ablenkung von den wahren Machenschaften der Finanzjongleure dienten. Jelineks Stück, inspiriert vom Skandal um die österreichische Meinl-Bank, bietet angesichts der globalen Krise weder Lösungen noch Trost, aber viel Raum zum Nachdenken.
| Zum letzten Mal in Göttingen 16. April 2010, 19:45 Uhr bis ca. 21:45 Uhr |
Freier Verkauf - Karten |
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