

von William Shakespeare
König Lear ist des Regierens müde. Er beschließt daher, das Reich unter seinen drei Töchtern aufzuteilen. Zuvor unterzieht er sie jedoch einer Probe, um zu erfahren, ob seine Töchter ihn auch wirklich lieben. Die beiden älteren Töchter täuschen Lear durch schmeichlerische Liebesbeteuerungen, die jüngste jedoch, die als einzige den Vater aufrichtig liebt, verzichtet auf heuchlerische Worte, was ihr die Enterbung und die Verstoßung durch den zürnenden Vater einträgt. Lear bringt damit eine verhängnisvolle Ereigniskette ins Rollen, die fast alle in den Untergang zieht. Als ihn seine undankbaren Töchter entrechten, gerät Lears Glauben an die durch ihn installierte gerechte Ordnung seiner patriarchalischen Welt ins Wanken. Sein selbstgefälliges Herrschertum erscheint ihm von nun an als fragwürdig. Der Wahnsinn überfällt ihn. In Begleitung eines geistreichen Narren und eines Irren zieht er durch die sturmgepeitschte Nacht. Unbehaust harrt der gedemütigte Lear der Existenz eines Ausgesetzten. Erst nachdem er alles verloren hat, durchschaut Lear seine frühere Realitätsblindheit und die Sinnlosigkeit der Macht. Erst jetzt erkennt er den Menschen in seiner Kreatürlichkeit und damit sich selbst als ein armes, nacktes, zweizinkiges Tier.
KÖNIG LEAR ist Shakespeares kraftstrotzendes Meisterwerk von einer ungeheuer rohen Gewalt und apokalyptischer Wucht, das gleich einem Endspiel nach den letzten Fragen des Seins forscht.
Regisseur Mark Zurmühle verlegt das apokalyptische Endzeitszenario aus dem elisabethanischen England in eine Mischung aus Großbankzentrale und Tagesschau-Studio (Bühnenbild: Eleonore Bircher), in dem die Bedrohung nicht von Naturgewalten, sondern von menschlichem Leichtsinn ausgeht. An diesem Ort ist jeder zu beschäftigt mit den Zahlen auf dem Bildschirmen, um eine Katastrophe kommen zu sehen. Warnende Stimmen werden verbannt, Redlichkeit ist nicht Tugend, sondern Schwäche. (...)
Die Stärke der Inszenierung ist vor allem die Darstellung der Schicksalhaftigkeit der blutigen Tragödie. Dass keine von ihnen je die Bühne verlässt, zeigt, wie rettungslos die Figuren ineinander verstrickt sind. (...) Johannes Granzer spielt den einst stolz tönenden König in jeder Phase seines Verfalls sehr eindringlich. Er versteht es, einem schmutzigen, auf seine Kreatürlichkeit reduzierten Mann einen Rest Würde zu lassen. (...)
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