

nach dem Roman von Werner Bräunig
Vier Jahre sind vergangen seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. In einem Städtchen tief im Erzgebirge treffen sich Gesandte und Versprengte, Hasardeure und Ewiggestrige, um ihren Teil am Aufbau des Arbeiter- und Bauernstaates zu leisten. Das Bergwerk wird zum Versuchslabor, in dem sich schon nach kurzer Zeit Gelingen und Scheitern dieses Experiments abzeichnet. Der Autor Werner Bräunig, selbst ein Heimatloser wie die meisten seiner Figuren, zeigt in seinem in den sechziger Jahren entstandenen Roman den eisernen Aufbauwillen der jungen Nachkriegsgeneration, aber auch die früh einsetzende Unterdrückung konstruktiver Kritik durch die DDR-Ideologie. Seine schonungslose Analyse der ersten fünf Jahre dieses Systems, zu dem er sich selbst durchaus bekannt hatte, durfte nicht veröffentlicht werden.
Werner Bräunig zerbrach an diesem brutalen Akt der Zensur und starb bereits mit 42 Jahren. Erst 2007 wurde sein Roman publiziert und als Theateradaption im Januar 2009 am Maxim-Gorki-Theater in Berlin uraufgeführt. Die deutsch-deutsche Teilung war im Alltag Göttingens stets präsent, mehr als in vielen anderen Städten der Bundesrepublik. In Werner Bräunigs unvergleichlichem Zeitdokument suchen wir nicht die Bestätigung alter Vorurteile, sondern finden einen Teil unserer eigenen Geschichte.
Premiere: 29. Mai 2010
Rummelplatz
Nach Armin Petras wagt sich nun auch Christina Friedrich an eine Adaption. Oder doch nicht ganz: Nur als thematische Anregung braucht die Regisseurin den Roman und hat für ihre Göttinger Inszenierung sowohl Narration als auch jeden Dialog über Bord geworfen. Stattdessen entwickelt sie einen knapp zweistündigen Reigen aus Tanz und Gesang, aus Sinn- und Blick- und Berührungsbildern, und legt aus dem Off nur einige wenige Bräunig-Texte als atmosphärische Stichworte übers Geschehen.
In der Alltagskleidung unserer Tage kommen die Schauspieler (samt überaus diszipliniertem Jagdhund) auf die Bühne, wo bereits ein ausgestopftes Rehkitz, einige Holzscheite und ein angedeuteter Bergbauschacht auf sie warten. Weil sich große Teile der Vorlage in der Wismut zutragen, wo seinerzeit Uranerz gefördert wurde, legt das Ensemble rote Halstücher um, setzt Russenmützen auf und schuftet. Oder kippt flaschenweise Bier, versucht, ausgelassen zu sein, springt und lacht und tanzt über den Rummel, weint und ermüdet, arbeitet weiter, baut auf. All das penibel choreografiert und begleitet vom "Deutschen Requiem" oder der "Wachet auf"-Kantate von Bach.
Später schunkeln auf einer Leinwand die Wehrmachtssoldaten, während sich Daniel Sellier ein schwarzes Abendkleid überstreift und "Davon geht die Welt nicht unter" schmettert. Das Deutschlandlied schallt der Internationalen entgegen, und wo eben noch die Hitlergrüße ausgetauscht wurden, stürzt sich im nächsten Moment eine aufgekratzte Jugend in den Boogie-Woogie. Und dann das Blutvergießen vom 17. Juni 1953: Alles stürmt, jemand stürzt. Danach ein neues Lied aus dem Wunderhorn der oppositionellen Ideologien.
Solche Vignetten von deutscher Seele und deutscher Kultur sind wahrlich nicht neu, ihre suggestive Verknüpfung aber schlägt faszinierende Assoziationsfunken. Wie bei Bräunig erscheinen die "Spätgeborenen des großdeutschen Schlussverkaufs" in Christina Friedrichs musikalischem Panorama als sich verzweifelt Häutende, die orientierungslos nach neuen Verkleidungen haschen und nach neuen Hymnen. Diese Deutschen wollen wieder jemand sein: Herrenmensch oder Arbeiter, Kapitalist oder Kommunist - irgendwas. Oder wie es im "Rummelplatz" heißt: "Da saßen sie nun und suchten den entgötterten Himmel ab, suchten die Abenteuer und den enormen Wind, und suchten in Wahrheit ein Vaterland."
Ja, die Suchenden: Es ist das mit gewaltigem Körpereinsatz auftrumpfende Ensemble, das aus dem deutschen Identitätsverlust der Stunde Null ein beeindruckend vitales und differenziertes Menschentheater macht - und am Ende sehr konsequent die Zuschauer dazu auffordert, beim "Freude schöner Götterfunken" mit einzustimmen - in eine letzte Utopie.
Friedrich nimmt den Roman als Vorlage, erarbeitet aber mit Hilfe anderer aus dem Off eingesprochenen Texte und mit Filmausschnitten ein Zeitbild. Übrig bleibt vor allem der Rahmen, das Bergwerk - von Susanne Uhl sparsam aber gelungen in Szene gesetzt: Schwarze Steinwände, ein aus einfachen Latten gezimmerter Stollen, die Umkleide der Bergleute. Nicht die einzelnen Charaktere und ihre Biografien stehen im Vordergrund, auf eine Handlung wird ebenso verzichtet wie auf fest zugewiesene Rollen. Versatzstücke lässt die Regisseurin das Ensemble bieten, ohne viel gesprochenen Text, dafür aber mit Tanz, Kampf und viel Körpereinsatz (...).
Die vergangene Gesellschaft mir ihren Demütigungen, der Krieg, die harte Arbeit im Bergbau. Immer wieder sind es solche Szenen, die die Verletzungen der Menschen zeigen. Ihre Unfähigkeit, nach dem Erlebten zu lieben. Männer, die nach zunächst gewalttätigen Annäherungen wie kleine Kinder zusammenbrechen. Natürlich Kriegsszenen. (...) Auf harte Arbeit folgt der Spaß beim Biertrinken und auf dem Rummelplatz. Die Gesellschaft entwickelt sich weiter, von harmlosen Häschen wird das Vergangene abgetan, alle waren doch irgendwie unschuldig.
Aber ergibt das ein aussagefähiges Ganzes? Dass es nicht bloß ein Reigen aneinander gereihter Szenen ist, ist zum einen dem Ensemble mit seiner stark geschlossenen Leistung zu verdanken. Innere Leere ihrer Figuren, deren Verzweiflung, aber auch die Sucht sich abzulenken, dem Erlebten zu entkommen, machen sie glaubhaft. Zum anderen funktioniert ein Kunstgriff der Regisseurin: Friedrich hat keine Pause vorgesehen. Ein weiser Entschluss. Denn erst über die Dauer gelingt das Bild.