

von Hugo von Hofmannsthal
Wer bin ich denn?
Jedermann führt ein Leben in Saus und Braus und schreckt vor keiner der sieben Todsünden zurück. Und dabei zeigt er nur wenig Mitgefühl für seine Mitmenschen. Weder dem armen Nachbarn gewährt er ein Almosen, noch erlässt er dem vom Schuldturm bedrohten Knecht die Schulden. Allein seiner Frau und seinen Kindern bewilligt er ein dürftiges Auskommen, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Gewarnt von seiner betagten Mutter, auch ihn könne plötzlich einmal der Tod treffen, befällt ihn während den Vorbereitungen zu einem Festmahl plötzlich Melancholie. In diesem Moment tritt allerdings auch schon seine Buhlschaft, geleitet von Spielleuten und Buben, fröhlich heran, um ihn zum Festmahl zu geleiten. Auf dem Feste jedoch fühlt sich Jedermann schwach und elend und hat sonderbare Erscheinungen. Da erscheint plötzlich leibhaftig der Tod und kündigt ihm sein nahes Ende an. Mit einmal kommen Jedermann sein schlechter Charakter und seine Untaten ins Bewusstsein, und er fleht den Tod an, ihm doch nur eine kurze Frist zu gewähren, damit er sich einen Freund suchen könne, der mit ihm vor die Schranken des Gerichtes Gottes treten wolle. Doch niemand will ihm diesen Dienst erweisen. So klammert er sich schließlich an seine Schätze, doch auch Mammon verweigert ihm höhnend die Gefolgschaft.
Hofmannsthals allegorisches Mysterienspiel über »Das Spiel vom Sterben eines reichen Mannes« ist von unvergänglicher Aktualität und erfreut sich auch hundert Jahre nach seiner Uraufführung größter Popularität, ob in Salzburg während der alljährlich dort stattfindenden Festspiele oder andernorts. Nun endlich darf der arme Sünder Jedermann auch in Göttingen Rechenschaft über seine Verfehlungen ablegen und das dazu auch noch an passender Stelle: in der mitten in der Innenstadt zwischen Konsumtempeln aller Art gelegenen St. Jacobi Kirche. In ihrem Inneren wird DT-Intendant und Regisseur Mark Zurmühle, unterstützt von einem Chor und begleitet von den zauberhaften Klängen der beeindruckenden Orgel St. Jacobis, Hofmannsthals Warnung vor allzu ungehemmtem Kapitalismus in Szene setzen. Freuen Sie sich also auf ein einzigartiges und sicher auch mitreißendes Theatererlebnis.
In Kooperation mit der St. Jacobi Kirche und der Kantorei St. Jacobi Göttingen
Premiere: 9. Juni 2012
"Packende, dichte eineinhalb Stunden über die letzten Dinge."
"Zuweilen schenken Theaterabende Erlebnisse, Berührungen bis ins Herz. Hugo von Hofmannsthal seit 1911 viel gespielter 'Jedermann', den Intendant Mark Zurmühle jetzt als Produktion des Deutschen Theaters in der sanierten Göttinger Jacobikirche inszenierte, war eine solche Beglückung. (...) Zurmühle verweigert da trotz Börsencrash ganz klug Trends und Zeitgeist aller Art und stellt am genius loci, am Geist des Ortes, ganz puristisch die menschliche Urfrage: wenn heute dein letzter Tag wäre, was würdest du tun?"
"(...) Doch der Tod kommt auf leisen Sohlen. Wie Florian Eppinger die nahende Gefahr erspürt, wie seine Wandlung hin zur Angst einsetzt, ist wunderbar subtil in Szene gesetzt, eine Meisterleistung."
"Das Spiel, das christliche Theologie und kritisch-weltliche Sicht auf Menschen und Gesellschaft verbindet, wird von einem großen Ensemble getragen, das bis in die kleinste Nebenrolle von Zurmühle sorgfältig geführt wird."
"DT-Intendant Mark Zurmühle bewahrt in seiner Inszenierung hohen Respekt vor Text und Aussage. Den 'Jedermann muss man nicht künstlich aktualisieren oder gar gegen den Strich bürsten. Worum es hier geht, ist derart existenziell, dass sich artifizielle Spielereien verbieten."
"(...) Florian Eppinger als Jedermann ist facettenreich (...) Angesicht des leibhaftigen Todes (ausgesprochen körperbeherrscht und eindringlich: Gerrit Neuhaus) geht ihm all [die] Sicherheit verloren. Das spielt Eppinger sehr glaubhaft (...). Lutz Gebhardt bringt für seine ungewöhnlich Rolle genau das richtige Maß an Größe und Souveränität mit. Als Teufel ist Michael Meichßner enorm eindrucksvoll in seiner frechen, selbstgewissen Lautheit. Viel Liebreiz bringt Marie-Kristien Heger für die Rolle der Buhlschaft mit, außerdem verdient sie ein besonderes Kompliment für ihr schönes Singen. Gaby Dey gibt Jedermanns Mutter mit anrührender Zuneigung zu ihrem Sohn. Wojo van Brouwer und Jan Exner, für diverse kleine Rollen zuständig, zeigen Wandlungsfähigkeit und Charkatierisierungskunst. (...) Sanft und stark zugleich ist Paula Hans als Glaube. Vielleicht der intensivste Moment des gesamten anderthalbstündigen Abends aber ist Marie-Thérèse Fontheims Darstellung der Werke: Wie genau sie Hinfälligkeit und Schwäche zeigt, mit welch vielfältiger Mimik und Gestik sie diese Rolle lebendig werden lässt, geht ganz tief zu Herzen."