

von Ödön von Horváth
Ich hab dir mal gesagt, Mariann, du wirst meiner Liebe nicht entgehn -
Reich ist man nicht, aber redlich in einer stillen Straße im Wiener achten Bezirk. Dort lebt der Zauberkönig mit seiner Tochter Marianne. Schon lang hat er sie dem Fleischerlehrling Oscar vermacht, jetzt soll Verlobung sein. Nur die Witwe Mathilde bringt ein wenig Schlüpfrigkeit ins saubere Quartier. Ein und aus gehen bei ihr die jungen Liebhaber, so auch Alfred, der Spieler und Frauenheld. Ein Blick von ihm genügt der Marianne, da wirft sie Oscar den Ring ins Gesicht und fordert von Alfred ein Kind. Das schenkt er ihr und dazu eine kümmerliche Existenz.
Geträumt hatte sie es anders. Alfred überredet sie, den Bubi in Pflege zu geben. Sie selbst soll als Nackttänzerin für das nötige Einkommen sorgen. Dem Vater ist sie längst entfremdet. Bei einem unglücklichen Zusammentreffen im Nachtclub erleidet der stattliche Mann einen Schlaganfall, von dem er sich kaum erholt. Zur Versöhnung kommt es noch, alles scheint sich zu lösen. Der Bubi aber, den Marianne nun nach Hause holen darf, ist in der Donau ertrunken.
Premiere: 14. Juni 2008
Regisseurin Christina Friedrich hat mit ihren GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD eine Gesellschaft auf die Bühne gebracht, die noch schlimmer ist als Horváths kleinbürgerliche Schreckenswelt. Friedrichs Panoptikum strotzt vor Bosheit. Die Menschen, die hier vegetieren, waren schon tot, als sie ins Leben starteten. (...) Wie eine Fahrt in der Geisterbahn sollte der Theaterabend für das Publikum werden, so der Plan von Regisseurin Friedrich. Den hat sie mit großer Konsequenz verfolgt. (...)
Hans Kaul, Musikalischer Leiter des DT, hat für die Inszenierung ganze Arbeit geleistet. Er hat eindringliche Musik zusammengestellt, gar ein Requiem komponiert, das die Schauspieler vielstimmig singen. Ein wagemutiger Versuch, der überzeugend gelungen ist wie die ganze kompromisslose Inszenierung. (...) Friedrichs Inszenierung polarisiert. Endlich wird wieder über Theater gestritten.
Mit virtuos kaltem Herzen wehrt sich eine hervorragende Andrea Strube als Mathilde in der Welt der Männer mit den Waffen einer Frau. Erich, dem Studenten aus Kassel, gibt Alois Reinhardt geschmeidig-gefährliches Format. Daniel Sellier spielt den Striezi Alfred lauernd unter dem Wiener Schmäh. Und schließlich ist da noch die Marianne der Marie-Isabel Walke: wie eine da so ganz geradlinig ihr Leben anpacken will, das überfordert sie alle. Ein Vorstadtmädchen mit Stärke und mutigem Herzen. Zum Schluss viel Applaus für die Schauspieler.
Von Horváth wollte ganz bewusst das Volksstück reformieren, wollte heutige Menschen mit ihren heutigen Problemen in den Mittelpunkt stellen. Seine Figuren haben oft etwas beängstigend Animalisches, sie fürchten sich wie die Tiere, beißen, um nicht selber gebissen zu werden und zerstören in blinder Verzweiflung, ohne die Konsequenzen auch nur begreifen zu können. Das bringt die spannende aber für den Zuschauer mit 2 Stunden und 40 Minuten auch fordernde und anstrengende Inszenierung von Christina Friedrich auf den Punkt.
Schon das Bühnenbild steht im krassen Kontrast zu dem, was man sich gemeinhin unter Wien und seinen Vororten vorstellt. Eine dunkle, graue Kloake. Trostlos wie die Figuren, die in ihr agieren. Skurrile Figuren wie der Metzgergehilfe Havlitschek, im wahrsten Sinne des Wortes „wahnsinnig“ gespielt von Karl Miller, der genauso gut als Triebtäter im Landeskrankenhaus hinter Gittern sitzen könnte. Figuren, die versuchen mit ihrem Umfeld zu spielen wie Mathilde, Erich und Alfred und noch gar nicht bemerkt haben, dass sie längst die Kontrolle verloren haben. Eine Inszenierung, die einem dermaßen viel positive Energie entzieht, dass man sich fast schon im Abwärtsstrudel glaubt. Wer einfache Unterhaltung möchte, schaltet besser bei Kallwass ein, denn da gibt’s doch irgendwie immer ein Happy End.
Diese Gesellschaft, in der schon Karl Kraus die Larven und Lemuren erkannte, seziert Regisseurin Christina Friedrich am DT ganz im Sinne Horváths, der sein Schauspiel einen „Totentanz in sieben Bildern“ nannte. Und sie vertraut auf die theatralischen und emotionalen Zumutungen, wie sie die Bilder freisetzen. (...)
Die realen Schauplätze in Susanne Uhls Bühnenraum zu einem Gewölbe komprimiert. Wie durch eine Eisschicht dringen hier nur gelegentlich ein paar Sonnenflecken, während sich Horváths Totentänzer ihr Opfer allmählich einverleiben. Es sind schaurige Gestalten, in die sich das Schauspielteam hinein begibt, wo in einer Sprache der bewegenden Gesten all die gespenstischen Bildfantasien Gestalt annehmen, die in den Regionen einer herzlosen Finsternis lagern. Von diesen bizarren wie obszönen und oft auch grausamen Bildern geht eine tief empfundene Wahrhaftigkeit aus, die manche Zuschauer auch als Zumutung empfinden und dann doch lieber flüchten anstatt sich ihnen zu stellen.