

nach dem Roman von Fjodor Dostojewski
Warum gut sein, wenn die Welt verdorben ist? Der Mammon regiert die Gesellschaft in Sankt Petersburg und treibt die besitzlosen Menschen in den Abgrund. Zu den Verlierern der neuen Ordnung gehört auch der veramte Student Raskolnikow, der in elenden Verhältnissen lebt, hungert und große soziale Not erleiden muss, während sich Andere am entfesselten Kapitalismus bereichern. Als Intellektueller ist er von der Idee besessen, "wertloses" Leben vernichten und "zukunftsträchtiges" Leben befördern zu dürfen, um einen kulturellen Fortschritt im Zeichen der Vernunft zu begründen. Diese Anschauung reicht ihm, um seinen ethischen und bürgerlichen Gesetzesübertritt zu legitimieren und das perfekte Verbrechen zu begehen. Raskolnikow tötet eine alte Wucherin und deren Schwester, um sich mit dem geraubten Kapital sein Studium zu finanzieren. Doch die Tat aus höherer Einsicht bleibt nicht ungesühnt. Raskolnikow erleidet einen schwerwiegenden seelischen Zusammenbruch, da ihn die Last des Vergehens martert. Erst durch die Begegnung mit der Prostituierten Sonja erkennt Raskolnikow die erlösende Kraft der Liebe. Sonja zeigt ihm, dass der einzige Weg aus der Gewissensqual und der Einsamkeit über das Geständnis und die Bestrafung führt.
Dostojewskis Meisterwerk ist ein Kriminalstück von atemberaubender Spannung und philosophischer Sprengkraft, das den Einbruch des Kapitalismus in seinen bedrohlichsten Erscheinungsformen spiegelt.
Als Fundamentalist des Wortes hatte der Theatermacher Thomas Bischoff sich immer verstanden; Bischoff hatte und hat Stil. VERBRECHEN UND STRAFE ist - über den an sich schon bedeutenden Theaterabend hinaus - ein ebenso anstrengendes wie aufregendes Beispiel.
Mit dem sehr jungen Alois Reinhardt schließlich schickt Bischoff einen Raskolnikoff auf die Marathon-Strecke, der sich komplett unterscheidet von allen exzessiven Extrem-Darstellern zuvor in dieser Rolle – da steigt eher ein gefallener Engel vom Kreuz, kalt, karg, schmal und bleich. Als kenne er das Jenseits schon, auf das er zutreibt – mit ihm und dem durchweg starken Ensemble gelingt Bischoff eine Dostojewski-Erkundung, die auch weit über Göttingen hinaus bestehen könnte.
Mit großem Ensemble hat Bischoff den Roman auf die Bühne gebracht. (...) Um Alois Reinhardt, der den Raskolnikow sehr leidensstark spielt, hat er ein Personal versammelt, das großes leistet. Paul Wenning ist mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit Staatsanwalt Petrowitsch, der mit an Überheblichkeit grenzender Lässigkeit die Schlinge um den Täter enger und enger zieht. Philip Hagmann steht leidenschaftlich und bis zur Selbstaufgabe an der Seite seines Freundes Raskolnikow. Marie-Isabel Walke zeigt große Kraft als Raskolnikows Schwester, die so unentrinnbar verstrickt ist im fatalen Gespinst zwischen Familie und eigenem Leben. (...)
Mit große Intensität hat Regisseur Thomas Bischoff ganz im Sinne Dostojewskijs diese Geschichte voller psychologischer, soziologischer und kriminalistischer Motive entwickelt (...). Ausstatterin Isabelle Krötsch hat ein Bühnenbild erdacht, das mit minimaler Requisite maximale Räume schafft. (...) FM Einheit hat zu der Inszenierung Musik komponiert, die wie ein Puls den Lauf der Geschichte meist begleitet, manchmal forciert.