
Premiere 26. September 2010, Hinter dem Eisernen
von Sybille Berg
Der Chef lädt ein und keiner wagt zu fehlen: Die alljährliche Betriebsfeier einer Versicherungsfirma steht an und reißt deren Mitarbeiter für einen Abend aus ihrem dumpf-anonymen Großraumbüro-Hamsterrad in die Nahkampfzone sozialen Miteinanders.
Noch schnell den Magensäureblocker aufgefrischt und die Versagensängste gut kaschiert, denn der Chef plant Besonderes. Vor dem biologisch-dynamischen Spezialitätenbuffet erklärt er seinen Angestellten gut gelaunt, dass zum Wohle der Firmenbilanzen Entlassungen anstehen über die der weitere Verlauf der Betriebsfeier entscheiden wird. Unversehens gerät die „Fahrt ins Blaue“ auf dem vom Chef angemieteten Vergnügungsdampfer zum knallharten Existenzkampf. Würde und Widerstand werden rasch über Bord geworfen. Wenn ein vermeintlich harmloses Partyspiel über den Erhalt des Arbeitsplatzes entscheidet, gewinnt die Büroratte, die sich in totaler Selbstaufgabe bis zum letzten Atemzug an das sinkende Firmenschiff klammert. Doch zwischen mittlerweile unverhohlen ausgetragenen Machtkämpfen finden sich immer wieder Inseln des Zwischenmenschlichen, in denen manchem Angestellten klar wird, dass sein aberwitziges Ringen um den Arbeitsplatz, zum Ringen um eine allgemeine Daseinsberechtigung, um den Sinn des Lebens überhaupt geworden ist.
Sibylle Bergs neuester, selbsternannter „Strassenfeger“ Hauptsache Arbeit! ist eine bitterböse Parabel auf die Lebens- und Arbeitswelt unserer Tage. Mit gewohnt bissiger und pointierter Sprache zeichnet Berg in dieser Tragikomödie ein messerscharfes Psychogramm der Generation „Humankapital“.
Premiere Frühjahr 2011
von Roland Schimmelpfennig
In Kooperation mit der Theaterakademie Hamburg
In der Küche des winzigen China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurants „Der goldene Drache“ leidet ein junger Chinese, „der Kleine“ genannt, an furchtbaren Zahnschmerzen. Da er sich ohne Papiere im Land aufhält, kommt für ihn ein Arztbesuch nicht in Frage. Also greifen die anderen Köche zur Rohrzange und versuchen sich in der Kunst des Zähneziehens. Der Erfolg ist allerdings schrecklich. Der Kleine stirbt an den Folgen und der herausgebrochene Schneidezahn landet durch einen unglücklichen Zufall im Wok, gerät in die Thai-Suppe und schließlich in den Mund einer wenig amüsierten Stewardess, die empört das Restaurant verlässt und den Zahn in den Fluss wirft, in dem auch der tote Chinese, eingewickelt in einen großen Drachenteppich, landet. Der Tote und der Zahn gelangen so zurück nach Hause, leider ohne die Schwester, die zu finden das Ziel der Reise des Chinesen war.
Roland Schimmelpfennig, 1967 in Göttingen geboren, hat dieses Stück angelehnt an die Fabel von der fleißigen Ameise und der lustigen, aber faulen Grille ein poetisches und berührendes Stück geschrieben. Mit minimalen Mitteln – fünf Schauspieler spielen unabhängig von Geschlecht und Alter die Rollen – erzählt er von der Brutalität unserer globalisierten Zeit, in der die Grillen von den Ameisen auf ganze neue Art kolonialisiert werden.Ein Dokumentartheaterprojekt von Lutz Keßler
Am 12. August 1759 fand während des Siebenjährigen Krieges die legendäre „Schlacht von Kunersdorf“ statt, die mit einer verheerenden Niederlage Friedrichs des Großen endete. Preußen war verloren. Den siegreichen Russen und Österreichern stand der Weg nach Berlin offen, doch ihre Uneinigkeit verhinderte eine strategische Ausnutzung des Sieges. Und so kommt es schließlich 186 Jahre später zur Neuauflage der Schlacht bei Kunersdorf. Auf ihrem Vormarsch nach Westen stößt die rote Armee Anfang Februar 1945 just in eben jenem fünf Kilometer östlich von Frankfurt an der Oder im heutigen Polen gelegenen Kunersdorf auf den letzten Widerstand auf dem Weg nach Berlin. Und mitten dritten kämpft ein einfacher Landser um sein Leben.
KUNERSDORF RELOADED dokumentiert auf der Basis des Kriegstagebuchs von Friedrich K. den Zeitraum vom 30. Januar bis zum 6. Februar 1945. Im Zentrum stehen dabei drei Biografien, deren Schicksal kriegsbedingt in jenen Tagen eine tragische Wendung erfährt.