FOKUS Kleist

Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen,
und wir werden davon nichts, als bloß den Umsturz der alten erleben.

Zum zweihundertsten Mal jährt sich 2011 einer der wohl legendärsten Selbstmorde der Literaturgeschichte. Am Berliner Wannsee erschoss sich der zu Lebzeiten mittel- und erfolglose Heinrich von Kleist im Alter von 37 Jahren. Vor allem die Art und Weise wie er diesen Suizid beging veranlasste die Kleist-Rezeption, diese Tat als seine letzte große Dichtung zu interpretieren. Kleist, der rast- und ruhelose Dichter, dem, wie er seiner Schwester "am Morgen meines Todes" schrieb, "auf Erden nicht zu helfen war", hatte endlich jene Ruhe gefunden, nach der er in seinem kurzen Leben vergeblich suchte. Jahre der zermürbenden Erfolglosigkeit, des quixotischen Kampfes um Anerkennung als Dichter, der radikalen und selbstzerstörerischen Gemütsschwankungen lagen hinter ihm; Jahre des Suchens und Scheiterns, des Hoffens und Bangens. Soldat, Schriftsteller, Wissenschaftler, Publizist, Beamter, Bauer, Söldner. Was war er nicht alles gewesen. Immer unterwegs in einer Welt, die nicht mehr die alte war, die im Furor der Französischen Revolution zu einer instabilen und unberechenbaren Sphäre politischer Wechsel, sozialer Umbrüche und gesellschaftlichen Wandels mutierte und die Menschen völlig unvorbereitet traf.

Kleists Dichtung gibt davon Auskunft. In ihr ist die Dramaturgie des Wechsels, der Unterbrechung, des Zwischen, des Schocks, der Epiphanie als zentrales Moment eingeschrieben. Kommt uns das nicht bekannt vor? Erleben wir die heutige Zeit nicht ganz ähnlich? Als "Nicht-mehr" und "Noch-nicht"? Der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann kennzeichnete das Wesen von Kleists Dramaturgie als Suche nach einem „toten Punkt“, einem Zustand, "an dem es weder auf noch ab, weder vor noch zurück geht". Ein plötzlicher Einbruch des Außen, eine plötzliche Erkenntnis und schon erscheint bei Kleist im Kontinuum der Welt ein Riss, eine Unterbrechung, eine Chance zur Rettung genauso wie die Möglichkeit des Untergangs.

Es gibt also viele gute Gründe, dem Leben und Werk Heinrich von Kleists in dieser Spielzeit einen prominenten Platz einzuräumen. Neben der Tragödie PENTHESILEA im Großen Haus werden wir uns an ganz unterschiedlichen Orten in Lesungen und szenischen Projekten mit dem erzählerischen Werk Kleists, u. a. Dasas ERDBEBEN VON CHILI und MICHAEL KOHLHAAS, seinen theoretischen Schriften ÜBER DAS MARIONETTENTHEATER, sowie seinem umfangreichen Briefwechsel auseinandersetzen. Münden wird dies in einen KLEIST-TAG zum Ende der Spielzeit, an dem wir einen Tag lang in unterschiedlichen Räumen des Theaters mit einer Vielzahl von kleinen Aufführungsskizzen und Lesungen das Werk Heinrich von Kleists würdigen.