

von Molière/Strauß
Ich schimpfe. Ich will nichts hören.
Falsche Küsse, falsche Tränen, falsches Lob – wie sehr hasst der Menschenfeind das Zeremoniell der Oberen Zehntausend, denen er angehört. Wie gern macht er sich unbeliebt bei seinen Freunden und Feinden, wenn es nur der Wahrheit dient. Alcestes moralische Ansprüche sind hoch, und so ist er ein Außenseiter inmitten derer, welche die Kunst der Diplomatie perfekt beherrschen, weil das ihr Überleben sichert. In seinem Kopf baut Alceste sich eine Welt zurecht, in der nur die Platz haben, die keine Verstellung kennen und keine Eitelkeit. Das sind genau genommen er selbst und die schöne Célimène, die er liebt und von der er, der Tugendwächter, sich bereitwillig blenden lässt. Sein Traum ist unerfüllbar, und so bleibt er als ein Enttäuschter zurück, dem kein Fluchtweg bleibt, denn auch er braucht sie ja, die schlimmen Anderen. Was wäre schließlich der Mensch ohne ein ausgeprägtes Feindbild?
Molière selbst spielte 1666 bei der Uraufführung der Komödie die Rolle des Alceste. Angesichts des starren Hofzeremoniells dieser Zeit, in dem jedem seine Rolle zugewiesen war und Individualität keinen Platz hatte, ist Alcestes Forderung nach einem offenen und ehrlichen Umgang couragiert. Und doch stellt sich die Frage, damals wie heute, wie viel Wahrheit zumutbar ist, und wo der Idealismus endet und der Wahnsinn beginnt.
Die Regisseurin Daniela Kranz ist am DT durch ihre Arbeiten DIE PRÄSIDENTINNEN, ANTIGONE und GOTT DES GEMETZELS bekannt. Vor allem junge Dramatik inszenierte sie in der letzten Zeit am Schauspielhaus Wien, am Düsseldorfer Schauspielhaus, am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken und am Theater Bielefeld.
Premiere: 4. Oktober 2008
Regisseurin Daniela Kranz spürt Parallelen nach zwischen dem Leben am Hofe König Ludwigs XIV. und der aktuellen Next-Topmodel-Popstars-Gesellschaft. (...) Wenn sich die Protagonisten ins Off zurückziehen, folgt ihnen gnadenlos die Kamera, die ihre Gesichter großformatig auf eine Leinwand überträgt. Selbst privateste Augenblicke werden ins Rampenlicht gezerrt. Doch in dieser Promi-Gesellschaft ist das allen bewusst, es gehört zum Spiel, also spielt man mit. Nur eben Alceste nicht. (...)
Die spätbarock anmutenden Kostüme sind nur Fassade, alles schöner Schein. Konsequent. Sinnlichkeit bringen hier vor allem die Schauspieler, die sich in Molières Figuren sichtlich wohl fühlen.
Unangestrengt gelingen der geradlinigen Inszenierung aktuelle Bezüge, etwa, wenn die Frauen an Célimènes Seite beim Nagelfeilen auf ihren Partyauftritt warten wie Topmodel-Kandidatinnen auf das Juryurteil. Der Gedichtvortrag des publicitysüchtigen Dichters Oronte wirkt in seiner schmalzigen Aufgeblasenheit wie in der Motto-Show von „Deutschland sucht den Superstar“. Laufstegposen und Discogehampel zu krachiger Technomusik. Selbstdarstellung – aber von welchem Selbst?
Besonders Sybille Weiser verschmilzt als Célimène die gepuderte Reifrock-Dame mit dem tätowierten Partygirl zu einer Epochen übergreifenden Figur. Florian Eppinger ist ein tapfer ausharrender Alceste, der sehenden Auges Schritt für Schritt in die Verbitterung hinabsteigt. (...)
Viel Applaus für einen überzeugenden Abend.