

von William Shakespeare
Die Welt ist schlecht, sie wird zu Scherben gehn,/ das Land voll Blut, doch keiner hats gesehn.
Um den Königsthron zu besteigen, schreckt Richard von Gloster, von Natur aus hässlich und missgebildet, vor nichts zurück. Jenseits jeder politischen Moral lässt er seine beiden Brüder und deren Kinder ermorden sowie all jene, die seinem Aufstieg hinderlich im Wege stehen. Richard III. ist die Ausgeburt des Bösen, dessen Charakterbild sich durch kalte Intelligenz, rhetorische Brillanz seines Witzes und virtuose Verstellungskünste auszeichnet. Meisterhaft beherrscht der blutrünstige Charismatiker das Spiel von Intrige, Korruption und Manipulation wie kein anderer. Zugleich ist Richard ein romantischer Idealist, der die Utopie einer neuen Welt in sich trägt, deren Schöpfung die vollkommene Zerstörung der alten Ordnung vorausgeht. Doch Richards Anspruch ist maßlos, denn seine Handlungen als König sind mehr von der Lust an der Zerstörung als von politischer Räson bestimmt.
Nach HAMLET, EIN SOMMERNACHTSTRAUM, ROMEO UND JULIA, OTHELLO, DER STURM und DER KAUFMANN VON VENEDIG setzt Mark Zurmühle seine erfolgreiche Auseinandersetzung mit Shakespeares dramatischem Werk fort.
Premiere: 27. September 2008
Interview mit Ilja Richter, von Elke Drewes (NDR-Studio Göttingen)
© NDR
OLD ROYAL FAMILY
KÖNIGIN MARGARET, Witwe Henry VI. Andrea Strube
LADY ANNE, Witwe Prince Edwards, später Frau von Richard Wanda Colombina Perdelwitz
NEW ROYAL FAMILY
HERZOGIN VON YORK Gaby Dey
KÖNIG EDWARD IV., ihr ältester Sohn Johannes Granzer
GEORGE HERZOG VON CLARENCE, ihr mittlerer Sohn Andreas Klumpf
RICHARD, Herzog von Gloster, ihr jüngerer Sohn, später Richard III. Aaron Bircher
KÖNIGIN ELISABETH, Frau König Edwards IV. Renate Winkler
PRINZESSIN ELISABETH, ihre Tochter Sarah Hostettler
EDWARD, Prinz von Wales, ihr ältester Sohn/ RICHARD, Herzog von Gloster, ihr jüngster Sohn Ilja Richter
LORD GREY, Sohn von Königin Elisabeth aus 1. Ehe/
MARQUIS VON DORSET, Sohn von Königin Elisabeth Alois Reinhardt
EARL RIVERS, Bruder von Königin Elisabeth Lutz Gebhardt
FUTURE ROYAL FAMILY
LORD STANLEY Andreas Klumpf
HENRY RICHMOND, später König Heinrich VII., Stiefsohn von Stanley / GEORGE, Sohn von Stanley Aaron Bircher
CIVILIANS
HERZOG VON BUCKINGHAM Philip Hagmann
LORD HASTINGS, Premierminister Daniel Sellier
LADY SHORE, Geliebte des Königs Marie-Isabel Walke
LORD MAJOR OF LONDON, Bürgermeister Andreas Klumpf
WILLIAM CATESBY, Privatsekretär des Königs Ronny Thalmeyer
REPRESENTATIVES OF CHURCH
KARDINAL ROTHERHAM Andreas Klumpf
KARDINAL BOURCHIER Johannes Granzer
MILITARY
SERGEANT RICHARD RATCLIFF Nikolaus Kühn
JAMES TYRELL Gerd Zinck
Hinter der historischen Fassade der Rosenkriege, so ahnt Zurmühle, verbirgt sich ein mafiöser Polit-Thriller von aktueller Brisanz, und den sucht er offenzulegen. Über weite Strecken gelingt dies sehr gut. Das liegt nicht zuletzt an der aparten Besetzung und psychologisch ziselierten Führung der Titelfigur. Ilja Richter, der mit Verve und gewohnt geläufiger Gurgel in die Untiefen der Figur eintaucht, zeigt einen Getriebenen, unter dessen unstillbarem Machthunger immer wieder der Schmerz des abgelehnten Kindes aufblitzt.
Seine größten Momente hat er in der Begegnung mit seiner ihn von Anbeginn an verfluchenden Mutter (Gaby Dey, archaische Wucht unter lakonischer Draperie), in der Interaktion mit seinem Privatsekretär Catesby (Ronny Thalmeyer, eine großartige Bürokraten-Miniatur) und in der nur scheinbar spielerischen Kabbelei mit Edward, dem Sohn der Königinwitwe Elisabeth (Renate Winkler), mithin dem wahren Thronfolger (Aaron Bircher spielt sämtliche kleine Prinzen, ein Junge mit großem Talent).
Im Umgang mit den Frauen als erotischen Trümpfen im Machtpoker zeigt sich dieser Richard weniger gewandt. (...) Überhaupt die Frauen (Sarah Hostettler, Marie-Isabel Walke, Andrea Strube): Zur Höchstform laufen sie an diesem Abend auf, wenn Zurmühle ihnen ein musikalisch gestaltetes Rache-Ritual gönnt (Musik: Fred Kerkmann). Auch die Rituale der Männergesellschaft (Johannes Granzer, Andreas Klumpf, Alois Reinhardt, Lutz Gebhardt, Philip Hagmann, Daniel Sellier) fügen sich dem überzeitlichen Inszenierungskonzept überzeugend ein.
Wie vor 600 Jahren regiert wurde, wird auch heute noch Politik gemacht, will Zurmühle uns sagen. Deswegen rollen auch Köpfe, doch Blut fließt nicht auf der Bühne. (...) Der Kriegsherr mordet nicht, er lässt morden. Der Liebe hat er abgeschworen, doch seinem Charisma können sich selbst die Frauen seiner Opfer nicht entziehen. Er ist ein brillanter Stratege, eiskalt und skrupellos und manchmal auch charmant. So zeigt ihn Richter, man nimmt es ihm ab. (...)
Vor allem in der zweiten Hälfte der Inszenierung – die meisten Männer sind bereits verscharrt – glänzt die Riege der Darstellerinnen um Gaby Dey als Herzogin von York und Mutter Richards, Andrea Strube als Königin Margaret und Renate Winkler als Königin Elisabeth mit großer Ausstrahlung und Präsenz.
Auf die Strahlkraft seiner Darsteller hat Zurmühle diesmal gesetzt und auf spektakuläre inszenatorische Einfälle verzichtet. Er hat – unterstützt von der zurückhaltenden, aber prägnanten Musik von Fred Kerkmann – eine Atmosphäre geschaffen, in der das Ensemble sich geschlossen auf hohem Niveau präsentiert. Dafür gab es am Premierenabend rauschenden Beifall.