Friedland

Eine inszenierte Lager-Installation. In Kooperation mit der werkgruppe/2

Das Tor zur Freiheit!

Im Grenzdurchgangslager Friedland hat das Leben von vier Millionen Menschen seit 1945 bis heute eine Kehrtwende genommen. Die einen sind als Kriegsheimkehrer nach dem Zweiten Weltkrieg nach Hause zurückgekehrt, andere sind aus ihren Heimaten geflohen oder vertrieben worden: aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, der DDR, aus Vietnam, Ungarn, Chile, Albanien – oder sie kamen als Russlanddeutsche und Spätaussiedler. Egal, ob sie alleine kamen oder zusammen mit anderen, ob 1945 oder 2009, sie alle sind Experten in Fragen wie: Was bedeutet es, irgendwo zu Hause zu sein? Was bedeutet Heimat? Was Heimweh und was Verlust? Nimmt man Distanz zu den individuellen Schicksalen, ist Friedland auch ein politischer Brennpunkt, ein Spiegelbild deutscher Geschichte seit 1945.

Das Theaterprojekt zieht einen Querschnitt durch die Geschichte des Grenzdurchgangslagers und erzählt – basierend auf Interviews mit Menschen, die durch Friedland eingereist sind – von der Tragik und Tragweite dieses Ortes, von den Hoffnungen, Ängsten und Sehnsüchten und, inwiefern es das Tor der Freiheit für sie wurde. Durch Raumgestaltung und Interaktion werden die Zuschauer für die Dauer eines Abends selbst zu Lagerbewohnern und erleben den inszenierten Lageralltag.

Spielort Saline Luisenhall, Greitweg 48, 37081 Göttingen

Anfahrt mit der Buslinie 8 in Richtung Gustav-Bielefeld-Straße, Haltestelle: Saline, mit dem Auto aus der Innenstadt kommend Godehardstr., Friedrich-Naumann-Str., Greitweg. Parkmöglichkeit vor Ort.

Da es in der Saline kühl ist, bitten wir Sie, sich warme Kleidung mitzubringen.

Premiere: 20. Mai 2009

Inszenierung > Julia Roesler Musikalische Leitung > Insa Rudolph Bühnenbild > Nicola Antonia Schmid Kostüme > Julia Schiller
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Blick in die Aufnahmehalle Ulf Nolte, Johanna Diekmeyer, Gaby Dey, Franziska Roloff Registrierung: Lorenz Liebold, Johanna Diekmeyer mit Zuschauern
Schlafsaal: Ulf Nolte (links), Andreas Jeßing (3. von links), Zuschauer Schlafsaal: Andreas Jeßing (unten), Zuschauer Schlafsaal
Insa Rudolph, Andreas Jeßing, Ulf Nolte
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NDR-Beitrag FRIEDLAND, von Ute Andres (NDR-Studio Göttingen)

© NDR

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Beitrag FRIEDLAND, Deutschlandradio Kultur

© Deutschlandradio Kultur

Stückzettel FRIEDLAND Internet
Stückzettel FRIEDLAND Internet

Interaktivität wird großgeschrieben: Wohlvertraute Unterscheidungen wie zwischen Bühne und Zuschauerraum, Darstellern und Publikum gibt es nicht. Flugs werden aus Besuchern Neuankömmlinge, die leicht verunsichert mit ihren Laufkarten in der Hand die als Wartebereiche ausgewiesenen Plastiksitzschalen bevölkern. Das Lagerpersonal hat das Heft in der Hand, dirigiert in freundlich verpflichtendem Ton zum Arzt, zur Kleiderkammer, in den Andachtsraum. Den Schauspielern gelingt der Spagat, ihre Rollen zu halten und flexibel auf die Besucher einzugehen. So ist jeder Einzelne mittendrin, erfährt Friedland am eigenen Leib. (…)

Auf den Stockbetten des Damen- und Herrenschlafsaals begegnen uns Schicksale. Hier sind Regisseurin Julia Roesler und Dramaturgin Silke Merzhäuser die stärksten Momente gelungen: Auf der Basis von Gesprächen mit Lagerbewohnern entsteht ein vielfältiges, ein eingreifendes Mosaik – wo zunächst nur Leid und Angst, dann Erleichterung und Hoffnung zu sehen sind, abstrahiert das Stück die Einzelfälle zum empathischen Manifest gegen Vertreibung.

Rund vier Millionen Menschen haben das Grenzdurchgangslager Friedland durchlaufen. Ebenso viele sollten diese lebensstrotzende Chronik, die Plädoyer für Mitmenschlichkeit und gegen Intoleranz ist, sehen. 80 begeisterte Premierenzuschauer sind ein Anfang.

Hessische/ Niedersächsische Allgemeine

Das Publikum sitzt auf Hochbetten, auf durchgelegenen Matratzen, während die Schauspieler des DT-Ensembles und der Werkgruppe/2 mit körperlicher und dialektaler Akrobatik glänzen.

Aus Interviews entstanden die Monologe, verdichtet und fiktionalisiert. Sie wollten kein authentisches Bild von Flucht, Vertreibung oder Lageralltag zeichnen. Im Gegenteil: Wenn eine vor der Roten Armee fliehende Deutsche die Hilfe durch Juden damit rechtfertigt, dass diese ja das Geld dazu gehabt hätten, so wird Geschichtsvermittlung durch Zeitzeugenberichte zugleich kritisch reflektiert. Radikal subjektiv reihen sich die Geschichten aneinander, als multiperspektivische, keiner Chronologie und erst recht keiner „Wahrheit“ verpflichteten Collage.

Göttinger Tageblatt

Nie wieder Krieg. Aber wir sind ja schon wieder mittendrin. Die Installation mahnt: Nicht vergessen! FRIEDLAND heißt das Stück, Land des Friedens. Friedland, in des Wortes verwegenster Bedeutung. Ein junges, leistungsstarkes Ensemble. Überragend. Eine lange Anreise lohnt sich. Besser als so manche documenta.

Deutschlandradio

Die Regisseurin möchte eben sehr viel auf einmal: zum Beispiel eine Hommage an den Integrationswillen der noch jungen Bundesrepublik aufführen und ihrer demokratischen Selbstgefälligkeit gleichzeitig den kritischen Spiegel vorhalten, Einzelschicksale menschlich würdigen, Heimweh und Identitätssuche fühlbar machen und doch politische Hintergründe und kollektive Verantwortlichkeiten nicht unverarbeitet lassen. Vermutlich ist das zu viel gewollt, erstaunlicherweise wirkt es aber nicht so.

Man kann sich dafür zu allererst bei den furiosen Darstellerinnen und Darstellern bedanken, die in den drängenden Monologen und kleinen Szenen zwischen Warteraum und Etagenbett immerfort die Rollen, die Akzente, die Tonlagen wechseln und vor allem in den nächtlichen Schlafsaalszenen Momente ganz schlichter Wahrhaftigkeit gestalten – ungekünstelt, unsentimental und eindringlich. Wo die nationalen und politischen Trennlinien verwischen, auf abgewetzten Matratzen und zwischen schweigend zuhörenden Fremden, erschaffen die Hoffnungen und Traumata einzelner Lebensläufe ein bestechend existentielles Erzähltheater.

Nachtkritik