

von Felicia Zeller
Der Kaspar Hauser von heute heißt Dennis, Lisa, André, Chantal, Kevin, Lea-Marie oder Jessica. Seine Eltern haben sich in unscheinbaren Wohnungen am Rand unserer Städte und im Sozialgewirr unserer Betreuungsgesellschaft verheddert, haben den Anschluss verloren und finden keine Perspektive mehr, um mit dem gesellschaftlich vorgegebenen Takt Schritt zu halten. Das müssen die Kinder büßen. Sie werden vernachlässigt, geschlagen, gequält, umgebracht. Die Tageszeitungen melden Tag für Tag das Unbeschreibliche, Unfassbare dieser Fälle. Und jedes Mal stellt sich reflexhaft die Frage, wer das hätte verhindern können oder müssen. Wo waren die Betreuer, die Sozialarbeiter – wo waren die Zuständigen? Als ob sich Verantwortung so einfach delegieren ließe!
Die drei Figuren des Stücks sind Sozialarbeiterinnen im Jugendamt, sie betreuen Kinder und Jugendliche aus sogenannten schwierigen Verhältnissen. Die drei Frauen sind überfordert, hoffnungslos überarbeitet und ausgebrannt. Kollege Björn hat jüngst das Handtuch geworfen, dessen Fälle dürfen die drei nun auch noch übernehmen. Dabei haben sie alle noch ihr eigenes Päckchen zu tragen. Wie die allein erziehende Mutter Anika, die von der Angst getrieben ist, die eigene Tochter vernachlässigen zu müssen, um andere Kinder vor Vernachlässigung zu bewahren. Oder die nervöse Silvia, die ihr Alkoholproblem vor den Kollegen nicht mehr verbergen kann, oder die alt gediente Barbara, die zwar längst desillusioniert ist, aber dennoch unter dem Stress der Verantwortung in die Knie geht.
Das Jugendamt betreute die Familie seit Jahren, lautet ja stets der höhnisch klingende letzte Satz der Schreckensnachrichten. Und die Klage über den gleichgültigen, faulen Beamtenapparat ist da nicht weit. Doch damit wollte Felicia Zeller sich nicht zufrieden geben. Sie entschied sie sich gegen die beliebte Beamtenschelte, aber auch gegen die Sozialschnulze, gegen Betroffenheitstheater und wohlfeile Schuldzuweisungen. Mit den drei Sozialarbeiterinnen stellt sie in KASPAR HÄUSER MEER die Verwalter des Elends in den Mittelpunkt, die in beinahe kafkaesker Aussichtslosigkeit scheitern müssen und selbst Opfer eines Systems sind, das weder sie noch der Betrachter durchschauen.
Felicia Zeller hat sich auf Recherche in den Alltag deutscher Sozialämter begeben. Sie hat denen, die dort arbeiten, gut zugehört und ihren Wettlauf gegen die Zeit beobachtet. Sie hat erfahren, wie die Absicherungszwänge ihrer Arbeitsabläufe das unausweichliche zu spät erzeugen, vor dem sie sich doch gleichzeitig schützen wollen, wie das systematische Delegieren von Verantwortung in verwaltungstechnische Vorgänge strukturelle Überforderungen erzeugt, welche die Überforderung jedes Einzelnen in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Premiere: 27. Februar 2009
Es sind Sozialarbeiterinnen, die sich um Kinder und Jugendliche kümmern sollen, doch sie sind komplett überlastet. (…) Sie sprechen in Satzfetzen, wiederholen sich, sind gefangen in ihrer täglichen Tretmühle. (…) Julia Hansen, Sybille Weiser und Gaby Dey verleihen ihren Figuren viel Charakter, sie spielen eindringlich. Eine hervorragende Besetzung.