

von Heinrich von Kleist
Das Misstrauen ist die schwarze Sucht der Seele, und alles, auch das Schuldlos-Reine, zieht fürs kranke Aug die Tracht der Hölle an.
Ein Erbvertrag zwischen den Grafenhäusern Rossitz und Warwand aus dem Geschlecht von Schroffenstein spaltet die Familien und lässt Hass und Misstrauen aufkeimen. Nach dem Aussterben eines Familienzweigs soll dem anderen der gesamte Besitz zugesprochen werden. Als unter ungeklärten Umständen der jüngste Sohn der Rossitzer zu Tode kommt, erwächst daraus zu Unrecht der Verdacht des kalkulierten Mordes.
In seinem frühen Trauerspiel bildet Kleist eine Welt ab, die aus den Fugen geraten ist. Wie in einer Modellanalyse entwirft er scharfsinnig eine Pathogenese von Gewalt. Die Familie als Blutsbande dient ihm exemplarisch als Brutstätte von Mord und Totschlag. Denn ein unheilvoller Wahn hat die Familienmitglieder verblendet, deren gegenseitiges Misstrauen den Blick auf die Realität verstellt, woraus eine Spirale entfesselter Gewalt erwächst, die eine tödliche Vernichtungsmaschinerie in Gang setzt.
Thomas Bischoff hat u. a. an den Münchner Kammerspielen und am Deutschen Theater Berlin gearbeitet. In der Spielzeit 07/08 inszenierte er am DT FAUST [NACH: DER TRAGÖDIE ERSTER TEIL].
Premiere: 18. April 2009
NDR-Beitrag DIE FAMILIE SCHROFFENSTEIN, von Elke Drewes (NDR-Studio Göttingen)
© NDR
NDR-Kulturspiegel DIE FAMILIE SCHROFFENSTEIN, von Elke Drewes (NDR-Studio Göttingen)
© NDR
Zuerst einmal ist es selbst eine Gewaltexplosion. Reihenweise fallen hier die Leichen, Köpfe werden an Torbögen genagelt, Kindern die Finger abgeschnitten, und unentwegt werden in drängenden, aufgewühlten Versen erbitterte Hasstiraden ausgespieen. Zum anderen jedoch analysiert das Stück äußerst präzis und nachvollziehbar das Zustandekommen von Gewalt und ihrer Eskalation. Fünf unbarmherzige Akte lang wird mit durchdringender Klarsicht die logische Abfolge von Aktion und Reaktion protokolliert.
Insofern überrascht es nicht, dass die blutige Erbfehde zwischen zwei verfeindeten Zweigen des Adelshauses Schroffenstein an diesem Abend auf einem Schachbrettboden ausgetragen wird, auf dem alle Beteiligten in genau abgezirkelten und streng choreographierten Bewegungen ihre Züge machen. Regisseur Thomas Bischoff geht im Deutschen Theater in Göttingen aber noch einen Schritt weiter und schematisiert die Personen so lange, bis sie tatsächlich zu austauschbaren Spielfiguren werden. Es bleibt die Parade aggressiver Gesten: Kalt und bedrohlich stehen sie einander gegenüber, dann geben sie sich plötzlich Ohrfeigen, ziehen den Degen und fechten einige Momente lang mit bemerkenswerter Eleganz.
Dieses Trauerspiel um ein sich verendendes Wahnsystem, Misstrauen und Gewalt zwischen zwei Familien, um Hassen und Töten, ist ein Wagnis, das sich nicht so einfach ins Heute drehen lässt.
Gastregisseur Thomas Bischoff antwortet darauf mit einer konsequenten ästhetischen Stilisierung, er lässt die Figuren des Dramas, die zwei verfeindeten Familien mit ihren sich liebenden Kindern Agnes und Ottokar, agieren, als seien sie blutleere Wesen, als seien sie Marionetten. Nichts erreicht sie wirklich. In Göttingen spielen die Kinder Liebe, sie küssen sich und sie schlagen sich und haben kein Feuer im Herzen. Die Erwachsenen spielen Hass und Mord, sie duellieren sich und bleiben im Kampf stecken, als habe jemand den Film angehalten, manchmal stehen sie still in einem goldenen Bilderrahmen. (…)
Im vorgegebenen Rahmen verkörpern die Schauspieler auf sich selbst zurückgezogene Menschen: Florian gibt den Sylvester in kühler Gelassenheit, Meinolf Steiner stattet seinen Rupert mit altmodischen Posen des Zorns aus, die Agnes von Marie-Isabel Walke hat so wenig Jugendlichkeit und Utopie-Verheißung wie der Ottokar von Benjamin Berger. Herausstechend in ihrer Klarheit, mit der sie gleich zwei Mütter- und Frauenfiguren ihr Gesicht gibt, ist Julia Hansen. Rätselhaft und schön gezeichnet in ihrer spielerisch-choreografischen Performance ist die Zofe von Sybille Weiser.
Bischoff, der schon mit seiner FAUST-Inszenierung in der vergangenen DT-Spielzeit verdichtete und fokussierte, hat auch diesmal wieder ein Extrakt gewonnen. Der Regisseur richtet sein Augenmerk auf den Hass und die Kette von Gewalt, die die Mächtigen immer weiter fortschmieden. Das ist der Punkt, der das Kleist-Drama für Bischoff so aktuell macht wie Krisen in Nahost – Spiralen der Gewalt, deren Ursprungskonflikt kaum mehr auszumachen ist. Isabelle Krötsch hat für die Inszenierung ein opulentes barockes Bühnenbild entworfen, das vor Bezügen nur so strotzt. (…)
Das Schauspielerteam um Meinolf Steiner, der das Familienoberhaupt der Rossitz’ spielt, und Florian Eppinger, der die Warwands anführt, agiert sehr homogen und fügt sich als Gruppe in ein regie- und kopfbetontes Gesamtwerk, das konsequent auf Nachdenken setzt. Eine intellektuelle Herausforderung.
Wenn das kein Bildertheater ist! Die Vorderkante des Proszeniums in Göttingens klassizistischem Deutschen Theater ist am Boden weitergeführt und wirkt so ausdrücklich als goldener Bilderrahmen. Dahinter hängt noch ein kleinerer Rahmen von der Decke; zudem sind auf zwei teilweise herabgelassene, die Bühne abschließende Prospekte perspektivistische Räume einer Bildergalerie gemalt. (…)
Die Personenregie von Thomas Bischoff ist zurückgenommen, fast opernhaft reduziert und stilisiert – und dabei doch keineswegs altmodisch oder hohl. In diesem Rahmen bewältigt das Göttinger Ensemble die gleichsam gebirgig-schroffe Sprache in Kleists Familien-Hass-Spiel bemerkenswert souverän.
Die außergewöhnliche Leistung der Regie besteht jedoch in der Verbindung von den zweidimensionalen Bildern mit der messerscharfen Sprache in den Figuren selbst.