

von Dea Loher
Es ist einfach so, dass es immer weitergeht, das Leben. Es ist nicht fertig und wird nie fertig sein, egal, was mit uns geschieht. Es ist alles offen. Immer. Und deswegen habe ich jetzt größere Angst als jemals zuvor.
Ein Junge ist getötet worden, es war ein Unfall, so was passiert. Olaf, genannt Koksvogel Rakete, war mit Karolines Auto durch die Straße gerast, verfolgt von Edna, der aufstrebenden Polizistin, die den Raser für einen landesweit gesuchten Terroristen hielt. Dabei wurde Edgar erfasst, der Junge mit dem Ball, Sohn von Susanne und Ludwig Schraube, acht Jahre alt. Nur einer war Zeuge: Rabe, ein ehemaliger Soldat, der „da unten“ im Krieg war, fremd in der Stadt. Doch irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Bald verändern sich die Beziehungen der Bewohner des Viertels, ihre Verhältnisse werden brüchiger, ihre Existenzen gefährdeter. Mehr und mehr verwehen alle Hoffnungen auf ein besseres Leben.
DAS LETZTE FEUER ist ein feinsprachliches, poetisches Stück von Menschen an der Grenze zum Vergessen, von acht Personen – Bekannte, Nachbarn, Verwandte, die alle etwas verloren haben, sei es ein Kind, den Job, das Gedächtnis, die Hoffnung.
Die Dramatikerin Dea Loher gilt als Spezialistin für die zugewandte Erkundung menschlicher Abgründe; DAS LETZTE FEUER ist ihr jüngstes Stück. In der Vergangenheit wurden am Deutschen Theater in Göttingen bereits ihre Stücke UNSCHULD und KLARAS VERHÄLTNISSE aufgeführt.
Mark Zurmühle inszenierte die Deutsche Erstaufführung von KLARAS VERHÄLTNISSE am Hamburger Thalia Theater.
Premiere: 29. November 2008
NDR-Beitrag DAS LETZTE FEUER, von Elke Drewes (NDR-Studio Göttingen)
© NDR
Loher schildert mit ihrer Sprache kein Milieu, sie fasst Situationen voll menschlichen Dramas. Sie verdichtet. Dem hat Regisseur Mark Zurmühle mit viel Feinfühligkeit nachgespürt. Er hält die Inszenierung auf einem verstörenden Grat zwischen Realismus und Symbol und lässt den meist zeitgleich agierenden Schauspielern in der Enge der Zimmer Raum zur Entwicklung, zwei Stunden lang auf hohem Niveau und enorm konzentriert.
Die Figuren stellen ihre Geschichten nach, und so sagt etwa Susanne: „Susanne laufen Tränen über das Gesicht.“ Dieses indirekte Erzählen erzeugt beim Zuschauer eine merkwürdig flirrende Stimmung zwischen Versichern und Verunsichern. Zwischendurch vergisst man das erzählende Wir, doch dann lässt Zurmühle die Figuren immer wieder in anderen Wohnwaben auftauchen, und es wird deutlich: Die Räume sind nur Erzählkrücken – Wohnen heißt nicht zuhause sein. Subtil gemacht.