

nach Nick Cave
Verdammt
Bunny Munro verkauft an der Südküste Englands einsamen Ehefrauen Kosmetikartikel und den Traum vom Glück. Durch den plötzlichen Tod seiner Frau aus der Bahn geworfen und aus Angst, den Boden unter den Füßen zu verlieren, tut er das Einzige, das ihm sinnvoll erscheint: Er steigt mit seinem Sohn ins Auto und fährt einfach los. Während Bunny seinem Job nachgeht und bisweilen vor eifersüchtigen Ehemännern fliehen muss, sitzt der neunjährige Bunny junior geduldig im Auto und betrachtet die Welt durch die Augen seiner Enzyklopädie, die er eifrig studiert. Ihn tröstet allein seine Mutter, die ihm als guter Geist verheißt, dass alles gut werden wird. Als Bunny seinen altersschwachen Vater aufsucht, dessen Boshaftigkeit legendär ist, scheint der letzte Tag in seinem Leben gekommen.
Der Roman ist das zweite Prosawerk des "wohl finstersten Balladenmachers der Post-Punk-Ära" Nick Cave und in mehrfacher Hinsichtautobiografisch grundiert. Das junge schauspiel wird daraus eine musikalisch aufgeheizte Reise in die Abgründe eines verantwortungslosen Menschen wagen, der zwar Vater ist, aber nie etwas anderes als ein Sohn geblieben ist. DER TOD DES BUNNY MUNRO ist eine verzweifelte Liebeserklärung eines Sohnes an den Vater, dessen einzige Erlösungschance in eben dieser Liebe liegt.
Nick Cave, 1957 in Australien geboren, Frontmann von "The Birthday Party", "The Bad Seeds" und "Grinderman", ist seit mehr als 30 Jahren im Musikgeschäft erfolgreich. Sein Album "Murder Ballads" verkaufte sich eine Million Mal. Cave lebt heute in Brighton, England, er hat Göttingen exklusiv die Rechte für die Dramatisierung seines Romans erteilt.
Premiere: 24. September 2010
»Wunderbar inszeniert wird dieser grelle Stoff vom künstlerischen Leiter des jungen Schauspiels, Joachim von Burchard, und seinem Team. Jan Exner ist es (…), der Caves geniale musikalische Kompositionen per E-Gitarre in das Schauspiel einbringt und so wichtige Freiräume entwirft, die das Geschehen auflockern und eine Atmosphäre schaffen, die auf das Unterbewusstsein wirkt.«
(…)Die Schauspieler sind die Musiker: Wer gestisch gerade Pause hat, zupft Basslinie, lässt Orgeltönchen anschwellen, Beats erklingen, Akkorde verhallen oder verzerrt sie knarzig ätzend. Aus solchem Geplänkel findet das Darstellerquintett immer wieder zu einer szenischen punktgenau assoziierten Strophe aus dem Cave’schen Oeuvre zusammen, lässt dann aber schnell ab von dem Song, sucht den nächsten. Auch werden die Melodielinien nie in Cave-Manier zum Bersten mit Emotionen aufgepumpt, sondern in sanftem Sprechgesang zelebriert – von einem Erzähler, der im Cave-Outfit das zotig ironisch teufelnde Alter ego der Hauptfigur Bunny Munro mimt. (…)
Munro wird als Gefangener seiner unkontrollierbaren Sexualität gezeigt, der die nimmersatte Triebtäterei nutzt, um zu vergessen, was er alles nicht fühlt. Und dafür – wie jeder Antiheld einer Passionsgeschichte – sterben muss: vernichtet von zügelloser Gier, gerichtet fürs Verführen und verkaufen (auch seine Seele). Großes Vätertheater. Denn Munro junior vergibt Munro senior, spendiert durch seine bedingungslose Liebe dem Erzeuger einen Hauch von Erlösung. Nick Cave würde jetzt „Hallelujah“ schmettern.
"(...)Das gelungene Bühnenbild vereint auf kleinstem Raum ein Wohnzimmer, ein knallgelbes Auto, ein Bett und ein Podest. Auf Letzterem thront Jan Exner, der sowohl die meisten Gesangs-Parts übernimmt und E-Gitarre spielt als auch den allwissenden Erzähler, Bunnys zweites Ich, den Regisseur im Chaos und den alten Vater Bunny Senior gibt. Dazu: ein Piano und ein Synthesizer, der die wummernden Beats zum drogengeschwängerten Geschehen beisteuert.
Immer wieder interpretieren die Darsteller ausgesuchte Cave-Songs, die sowohl stimmungsmäßig als auch thematisch hervorragend zum theatralen Geschehen passen. Besonders schön: Imme Beccards hauchzart interpretiertes "No more shall we part".
Für Bühnengeschehen und Musik gilt: Das Gesamte ist mehr als die Summe der Teile. Schön, wenn zeitgenössische Rock-Musik und zeitgenössisches Theater eine so stimmige Symbiose eingehen. Das junge Schauspiel des DT rockt die kleine Studiobühne ganz groß. Es entsteht ein temporeiches, verführerisches Ganzes zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, zwischen völlig überdreht und berührend, das nicht nur Freunde von Nick Caves Musik keinesfalls verpassen sollten."