

von Henrik Ibsen
Die Generalstochter Hedda Gabler hat den aufstrebenden Historiker Jörgen Tesman geheiratet und ihrer Jugendliebe Ejlert Lövborg einen Korb gegeben. Lövborg hat über Jahre seinen Intellekt mit Drogen und Alkohol betäubt, während Tesmann eine Professur winkt. Tesmann hat ihr vor der Hochzeit ein großzügiges Leben und ein offenes Haus versprochen.
Aus den Flitterwochen zurückgekehrt muss Hedda aber nun erfahren, das Lövborg sein Leben umgekrempelt hat und in ihrer Abwesenheit ein Aufsehen erregendes kulturgeschichtliches Buch geschrieben hat, dessen durchschlagender Erfolg Tesmanns Berufung zum Professor ernsthaft gefährdet. Jetzt bedeuten die engen bürgerlichen Prinzipien nicht mehr automatisch finanzielle Sorglosigkeit.
Als Hedda die Kontrolle über die Zukunftspläne zu verlieren droht, beginnt sie alles um sich herum zu hassen: Sie hintergeht ihren Ehemann mit dem Hausfreund Brack, zerstört die Liaison zwischen Lövborg und Fräulein Elvsted, vernichtet Lövborgs zukunftsweisendes Werk, schafft es, diesen zurück in die Sucht und schließlich in den Selbstmord zu treiben.
Mit bissigem Intellekt und kühler wütender Hellsicht attackiert sie die Gutartigkeit, mit der die Mitmenschen ihre Feigheit verstecken. Sie braucht nur einen Tag und eine Nacht, um mit Lüge und Manipulation die Welt des Karrieredenkens und der Abstiegsangst zu zersprengen.
Premiere: 9. Dezember 2006
"Der knapp zweistündige Theaterabend ist eine präzise Studie, in der Kallmeyer nicht mit dem Brecheisen, sondern mit dem Skalpell arbeitet, um alle Beziehungsgeflechte (nicht nur die Frauenseele) Schicht für Schicht zu sezieren. Seine subtile Herangehensweise ermöglicht es, das Stück auch von heute aus mit Gewinn anzusehen (und sich eben nicht zu fragen, warum diese Frau sich gegen ihre Langeweile nicht einen Job oder eine repräsentative Wohltätigkeits-Beschäftigung sucht).
So versteht es Andrea Strube, mit einem Zittern um den Mund, einem Geradzupfen des Nadelstreifenblazers ihre Unruhe hinter der kontrollierten Fassade stets sichtbar zu machen. Gerd Zinck überzeugt als ihr Mann Tesmann, der mit dem Mut der Verzweiflung wieder und wieder mit Anlauf ins Glück springen will. Und dabei wieder und wieder auf der Nase landet. Andreas Jeßing spielt Heddas Ex-Liebhaber und Tesmanns beruflichen Konkurrenten Lövborg als heruntergekommenen Bohemien.
Nicht nur auf Hedda, sondern auch auf Tesmann wirkt er wie ein Bote aus einer verheißungsvoll-lasterhaften Welt. Andreas Klumpf lässt seinen Richter Brack mit Eleganz und Würde um Heddas Gunst buhlen, Julia Hansen spielt Lövborgs Assistentin Thea mit naiver Sinnlichkeit und Elsbeth May ist eine würdevolle Tante Tesmann. Lang anhaltender Applaus löste die atemlose Spannung des Publikums."
"Andrea Strube zeigt die Not Heddas mit einer gedämpften Zurückhaltung, bei der die Gänsehaut fast sichtbar wird. Selbst ihre kurzen Ausbrüche wirken wie Karikaturen des Lebens. Dieses unterdrückte Dasein, dieses Arrangieren und Akzeptieren spiegelt sich in der Inszenierung von Henner Kallmeyer fein wieder. Seine Figuren stehen mit dem Rücken zum Publikum, sie reden aneinander vorbei, von sich weg.
Die Bühne von Franziska Gebhardt lässt sie in ihrem unwohnlichen Wohlstand allein. Holzfarben und kostbar bietet der Raum zwar viel Höhe und Tiefe, ist aber weit entfernt von einem Heim. Damit nimmt die Inszenierung die Kälte des Ibsen-Dramas auf, das Persönliches und Wahrheiten unter der Oberfläche lässt [...] Begeistert beklatschte das Premierenpublikum die Leistung des Ensembles."
"... Die Inszenierung von Henner Kallmeyer ... führt sechs egozentrisch agierende Wohlstandsmenschen von heute vor, und das im engsten Kreis ihrer Lieben und Freunde, in einer vom öffentlichen Sein und Schein durchdrungenen Privatsphäre... Andrea Strube verkörpert den nervösen und hysterischen Zustand der gelangweilten Ehefrau ausgezeichnet.
Hedda Tesmann, ehemals Gabler, wirkt zwischen den anderen wie ein unter Haustiere geratenes und von diesen gebändigtes Raubtier... Nur indem sie Augenblickslaunen auskostet, scheint sie zu spüren, dass sie noch lebt... Das Premierenpublikum ist betroffen, braucht einen Moment, um dann begeistert zu applaudieren. Die Inszenierung hat es in seiner eigenen Wirklichkeit erreicht."