Der Kirschgarten

von Anton Tschechow

Die Schulden werden immer größer. Die bankrotte Gutsbesitzerin Ranjewskaja sucht Rat bei Lopachin, der zu Geld gekommen ist, denn ihr ganzer Besitz soll zu einem festgelegten Termin versteigert werden. Sie solle das alte Gut abreißen, den riesigen Kirschgarten abholzen lassen, das Land parzellenweise als Baugrund für Ferienhäuser verpachten; für dieses Projekt gäben die Banken Kredit und anstatt völlig zu verarmen, könne sie sogar Profit machen. "Unmöglich!", sagt die Familie und verteidigt die immateriellen Werte: ein altes Haus, ein herrliches Stück Natur vernichten? Für Touristen? "Das ist so vulgär." Lopachin gibt auf, will gehen. "Nein, bleiben Sie noch", bittet die Ranjewskaja, "vielleicht denken wir uns ja doch noch etwas aus." Und Lopachin bleibt. Ein Zustand des aktiven Abwartens beginnt: es versammeln sich Familie, Nachbarn, alte Freunde zum letzten Mal auf dem Gut wie zu einem langen Sommerfest und reflektieren darüber, wie ohnmächtig oder mächtig das sogenannte Individuum angesichts der kapitalistischen "Verhältnisse" wirklich ist. Darüber verstreicht die Frist.

Tschechows Menschen sind komisch, weil hoffnungslos überfordert; mit ihren dürftigen Kräften stehen sie in einem grotesken Missverhältnis zu den Zeitläufen, die über sie hinweggehen. Sie entwerfen Pläne und widersprechen sich sofort. Sie bleiben unzufrieden, unglücklich und dauernd beschäftigt mit der Selbstvergewisserung, dass es nicht ganz sinnlos sein kann, hier und heute zu leben.


Premiere: 19. September 2009

Inszenierung > Volker Hesse Musikalische Leitung > Hans Kaul Ausstattung > Marina Hellmann
Sarah Hostettler, Andrea Strube, Florian Eppinger Gerd Peiser, Andrea Strube
Philip Hagmann, Bernd Kaftan Johanna Diekmeyer, Sarah Hostettler Paul Wenning, Andrea Strube
Paul Wenning, Bernd Kaftan Andrea Strube, Katharina Heyer Andrea Strube, Katharina Heyer
Julia Hansen Katharina Heyer Daniel Sellier, Sarah Hostettler
Gerd Zinck, Bernd Kaftan, Johanna Diekmeyer, Sarah Hostettler
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Stückzettel DER KIRSCHGARTEN Internet
Stückzettel DER KIRSCHGARTEN Internet
Ljubow Andrejewna RANJEWSKAJA, Gutsbesitzerin > Andrea Strube ANJA, ihre Tochter > Johanna Diekmeyer WARJA, ihre Pflegetochter > Katharina Heyer Leonid Andrejewitsch GAJEW, Bruder der Ranjewskaja > Paul Wenning Jermolaj Alexejewitsch LOPACHIN, Kaufmann > Florian Eppinger Pjotr Sergejewitsch TROFIMOW, Student > Philip Hagmann Boris Borissowitsch Simeonow-PISCHTSCHIK, Gutsbesitzer > Bernd Kaftan CHARLOTTA Iwanowna, Gouvernante > Julia Hansen Semjon Pantelejewitsch JEPICHODOW, Kontorist > Gerd Zinck DUNJASCHA, Dienstmädchen > Sarah Hostettler JASCHA, ein junger Lakai > Daniel Sellier FIRS, Lakai, ein Greis > Gerd Peiser

Was für ein schlagendes Bild: Als Bühne haben Regisseur Volker Hesse und Ausstatterin Marina Hellmann eine runde Scheibe installiert, eine Kopie der prachtvollen Decke des Zuschauerraums im Deutschen Theater in Göttingen. Hier liegt Kultur am Boden, hier wird Schönheit mit Füßen getreten. Die Scheibe iszt leicht geneigt, die Welt kippt und mit ihr die Menschen, die hier leben.
Nach dem familiären Gau werden aus den Figuren Menschen. Plötzlich reden sie miteinander – und dann kommen die berührenden Momente der Inszenierung, die von den Schauspielern ohne viel Requisite getragen werden.

Andrea Strube spielt die Gutsbesitzerin Ranjewskaja, bei der alle Fäden zusammenlaufen. Wie viele ihrer Kollegen agiert sie in der ersten Hälfte eher artifiziell, im zweiten Teil dann menschlich und nahe. Paul Wenning bewegt sich als ihr Bruder Gajew sehr sicher zwischen komödiantischen Geschick und berührendem Tiefgang. Bei Bernd Kaftans Gutsbesitzer Simeonow-Pischtschik überwiegt das Komödiantische auf hohem Niveau. Johanna Diekmeyer (Tochter Anja) überzeugt in ihrem ersten Stück im Großen Haus mit viel Präsenz, Katharina Heyer (Ziehtochter Warja) mit Persönlichkeit. Florian Eppinger ist als Kaufmann Lopachin der hellsichtige Realist unter den Schrägen. Philip Hagmann, Gerd Zinck, Sarah Hostettler, Gerd Peiser, Daniel Sellier und Julia Hansen vervollständigen ein homogenes Ensemble.

Göttinger Tageblatt/Göttingen