15+ "ICH BIN VOLLER HASS - UND DAS LIEBE ICH!!" (UA)

nach dem dokumentarischen Roman von Joachim Gaertner

Joachim Gaertner erzählt die innere Geschichte des Attentats an der Columbine Highschool 1999 anhand von Originaldokumenten, Tagebüchern, Interneteinträgen, Verhörprotokollen und Aussagen von Beteiligten. Die Dramaturgie seiner literarischen Montage öffnet den Blick für das Ungeheuerliche einer Tat, die von den Tätern bis ins kleinste Detail in der Fantasie, in literarischen Szenen, Tagebüchern, auf Internetseiten und in Videos abgebildet wurde, bis sie schließlich katastrophale Realität wurde.

Das Ensemble des jungen schauspiel und Gäste werden eine theatrale Versuchsanordnung schaffen, die weder Fiktion noch Dokument sein wird, weder Drama noch Protokoll, sondern ein szenisches Experiment.

Premiere: 20. September 2009

Inszenierung > Joachim von Burchard Musikalische Leitung > Jan Exner Dramaturgie > Nicola Bongard Ausstattung > Jeannine Simon
Lorenz Liebold, Ruth Burgmann, Imme Beccard, Anna-Katharina Philippi, Dominik Bliefert Ruth Burgmann, Jan Exner, Dominik Bliefert Loranz Liebold, Ruth Burgmann, Jan Exner
Imme Beccard, Anna-Katharina Philippi, Dominik Bliefert; Lorenz Liebold, Ruth Burgmann, Jan Exner (im Hintergrund) Lorenz Liebold, Imme Beccard, Anna-Katharina Philippi Lorenz Liebold, Imme Beccard
Lorenz Liebold
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Stückzettel ICH BIN VOLLER HASS... Internet
Stückzettel ICH BIN VOLLER HASS... Internet

Der Journalist und Schriftsteller Joachim Gaertner hat 25.000 Seiten Ermittlungsakten zum Columbine-Amoklauf ausgewertet und daraus den dokumentarischen Roman "Ich bin voller Hass – und das liebe ich" gemacht, der im März im Eichborn-Verlag erschienen ist. Und auch die Stückfassung des Jungen Schauspiels des Deutschen Theaters Göttingen funktioniert als Collage aus Originalzitaten. Deshalb sitzt das Publikum auch um eine quadratische Spielfläche aus unzähligen Zetteln, Papieren, Kritzeleien und Dokumenten herum – eine Materialsammlung als Teppich für fünf Schauspielerinnen und Schauspieler, die als Eltern und Mitschüler, als Polizisten und unbeteiligte Zeugen sprechen.

Zwei von ihnen, Dominik Bliefert und Lorenz Liebold, bleiben allerdings in ihren Rollen, verkörpern Harris und Klebold, die sich Schritt für Schritt auf ihre Tat zu bewegen und dabei vor allem eins betreiben: konsequente Selbststilisierung. Unentwegt sprechen sie von dem, was sie lieben, und von dem, was sie hassen, arbeiten verbissen und ohne Unterlass an ihrem Ich-Bild. Sie lieben "Rammstein" und den Ego-Shooter "Doom", sie hassen Sportler und Cheerleader, sie bewundern die Nazis, verachten aber Rassisten, beschimpfen Schwule, lesen Nietzsche, hören "Nine Inch Nails" und vertreten das Prinzip der natürlichen Selektion. Aus Unsicherheit erwachsen Allmachtsfantasien, aus Selbstmitleid Selbstübersteigerung: "Ich bin ein Gott der Traurigkeit", sagt Dylan Klebold, "verbannt in diese ewige Hölle." Im klaren, unaufgesetzten Spiel der beiden Hauptdarsteller erreicht dieses Identitätskauderwelsch beklemmende Glaubwürdigkeit. Tatsächlich fühlt man sich den Tätern nah.

Dass auch dieser Theaterabend damit Gefahr läuft, die fatale Identifikationsattraktivität der Columbine-Attentäter aufs Neue heraufzubeschwören, scheint Regisseur Joachim von Burchard durchaus klar gewesen zu sein. Deshalb verzichtet er klug auf jede reißerische Emotionalität, auch auf Betroffenheitsbekundungen und auf pauschale Erklärungsversuche. Das, was Klebold und Harris auf Internet- und Chatseiten, in Schulaufsätzen, Gedichten, Kurzgeschichten und Videos zum Ausdruck bringen, klingt oft nur kümmerlich und ist nie wirklich weit entfernt von den üblichen Pubertätskrisen.

Was die beiden jungen Männer dann schließlich dazu bringt, die letzte Schwelle zu überschreiten und zu Massenmördern zu werden, bleibt hinter ihren pathetischen Worten und den schrecklichen Taten dunkel. Das eigentliche Töten, das zum Teil durch ein fortlaufendes Telefongespräch dokumentiert ist, wird am Ende als FBI-Protokoll verlesen. Dieser schwer erträgliche Bericht ist der Höhepunkt eines äußerst differenzierten Kammerspiels, das nicht nur wegen seiner Aktualität verstört, sondern weil es dazu auffordert, den Wahn der Täter nachzuvollziehen, ohne Präventionshoffnungen daraus ableiten zu können. Auf dieser Studiobühne besteht die schlichte, furchtbare Zumutung darin, die Realität der Täter und der Taten zu ertragen. Und sich der Tatsache bewusst zu werden, dass Columbine längst Teil unserer Medien- und Jugendkultur geworden ist, ein Identifikationsangebot, das nicht zurückgenommen werden kann. Deshalb muss auch das reflektierteste Theater vor sich selbst erschrecken. "Sie wollten immer Stars sein", sagt eine der Schauspielerinnen, bevor das letzte Licht ausgeht. "Wir haben sie dazu gemacht."

Nachtkritik