
von Hugo von Hofmannsthal
Premiere Mai 2012
Jedermann führt ein Leben in Saus und Braus und schreckt vor keiner der sieben Todsünden zurück. Und dabei zeigt er nur wenig Mitgefühl für seine Mitmenschen. Weder dem armen Nachbarn gewährt er ein Almosen, noch erlässt er dem vom Schuldturm bedrohten Knecht die Schulden. Allein seiner Frau und seinen Kindern bewilligt er ein dürftiges Auskommen, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Gewarnt von seiner betagten Mutter, auch ihn könne plötzlich einmal der Tod treffen, befällt ihn während den Vorbereitungen zu einem Festmahl plötzlich Melancholie. In diesem Moment tritt allerdings auch schon seine Buhlschaft [1], geleitet von Spielleuten und Buben, fröhlich heran, um ihn zum Festmahl zu geleiten. Auf dem Feste jedoch fühlt sich Jedermann schwach und elend und hat sonderbare Erscheinungen. Da erscheint plötzlich leibhaftig der Tod und kündigt ihm sein nahes Ende an. Mit einmal kommen Jedermann sein schlechter Charakter und seine Untaten ins Bewusstsein, und er fleht den Tod an, ihm doch nur eine kurze Frist zu gewähren, damit er sich einen Freund suchen könne, der mit ihm vor die Schranken des Gerichtes Gottes treten wolle. Doch niemand will ihm diesen Dienst erweisen. So klammert er sich schließlich an seine Schätze, doch auch Mammon verweigert ihm höhnend die Gefolgschaft.
Hofmannsthals allegorisches [2] Mysterienspiel [3] über »Das Spiel vom Sterben eines reichen Mannes« [4] ist von unvergänglicher Aktualität und erfreut sich auch hundert Jahre nach seiner Uraufführung [5] größter Popularität, ob in Salzburg während der alljährlich dort stattfindenden Festspiele [6] oder andernorts. Nun endlich darf der arme Sünder Jedermann auch in Göttingen Rechenschaft über seine Verfehlungen ablegen und das dazu auch noch an passender Stelle: in der mitten in der Innenstadt zwischen Konsumtempeln aller Art gelegenen St. Jacobi Kirche [7]. In ihrem Inneren wird DT-Intendant und Regisseur Mark Zurmühle, unterstützt von einem Chor und begleitet von den zauberhaften Klängen der beeindruckenden Orgel [8] St. Jacobis, Hofmannsthals Warnung vor allzu ungehemmtem Kapitalismus in Szene setzen. Freuen Sie sich also auf ein einzigartiges und sicher auch mitreißendes Theatererlebnis.
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[1] Mit Buhlschaft ist die Rolle der Geliebten des Protagonisten bezeichnet.
[2] Die Allegorie (von griechisch αλληγορέω »etwas anders ausdrücken«) ist eine Form indirekter Aussage, bei der eine Sache aufgrund von Ähnlichkeits- und/oder Verwandtschaftsbeziehungen als Zeichen einer anderen Sache eingesetzt wird.
[3] Das Mysterienspiel (griechisch mysterion, Geheimnis) ist eine seit dem Altertum praktizierte Form von religiösen Glaubensinhalten. Im Alten Ägypten sind bereits die Osiris-Mysterien belegt. Im 14. Jahrhundert hatten Formen des Dramas und Musiktheaters christlich-religiöse Motive.
[4] Hofmannsthals Stück ist eine Bearbeitung und Weiterentwicklung des 1529 erstmals gedruckten Mysterienspiels EVERYMAN. Auf das Stück hatte ihn 1903 sein Freund, Clemens Freiherr zu Franckenstein, aufmerksam gemacht. Nach ersten Anfängen seines JEDERMANNS im Jahr 1904 konzipierte er das Stück im Jahr 1911 völlig neu und erweiterte es um Szenen, die er bei Hans Sachs und anderen Quellen fand. Im Oktober/November 1911 erfolgte der erste Druck.
[5] Die Uraufführung fand am 1. Dezember 1911 unter der Regie von Max Reinhardt im Berliner Zirkus Schumann statt.
[6] Vor allem die Besetzung des Salzburger JEDERMANNS und der Salzburger Buhlschaft wird alljährlich von der Öffentlichkeit mit großer Spannung erwartet.