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Spielzeitheft 2017/18

Liebes Publikum,

nähert man sich dem Deutschen Theater Göttingen vom Theaterplatz scheint die Welt in Ordnung. Die klassizistische Eleganz des Gebäudes, eingebettet in farbenfrohe Blumenbeete und sattes Grün, kündet noch immer von bürgerlichem Selbstvertrauen und der Gewissheit, dass Kultur unverzichtbarer Bestandteil einer kultivierten Gesellschaft ist. Man könnte nun annehmen, dass, wer das Privileg hat, hier zu arbeiten, die Niederungen des Alltags verlässt, um sich in Ruhe der Kunst zu widmen.

Doch auch wenn die Bühne der Ort der Imagination ist, die Realität bleibt nicht am Bühneneingang zurück. Sie begleitet uns alle täglich zu den Proben, den Vorstellungen aber auch bei Diskussionen über den Spielplan oder über die strategische Ausrichtung des Theaters für die Zukunft. Die klassizistischen Säulen des Portals können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gewissheiten der bürgerlichen Gesellschaften gerade auf einem harten Prüfstand stehen. Die Digitalisierung schreitet fort und kein Bereich der Gesellschaft wird ausgespart. Noch ist nicht abzusehen, wohin die Reise wirklich geht und was sie für jeden von uns bedeutet. Es fehlen tragfähige Konzepte, wie eine Gesellschaft im digitalen Zeitalter aussehen soll. Wir spüren, dass die Grenze von realer und virtueller Welt immer mehr verschwimmt und wir bekommen gerade einen Eindruck davon, was dies bedeuten kann. »Wie wirklich ist die Wirklichkeit?« fragte 1976 Paul Watzlawick in seinem berühmten Buch. Nur 40 Jahre später müssen wir uns auch die Frage stellen, wie wahr die Wahrheit denn noch ist, ob es noch eine allgemeine, verbindliche Wahrheit gibt, oder ob sie in einer Gesellschaft, die sich das ›Ich‹ zum Fetisch auserkoren hat, längst zur Privatsache geworden ist.Das Theater ist das älteste virtuelle Medium der Menschheit, die Bühne der älteste virtuelle Raum. Um ihn zu betreten bedarf es keiner hochgerüsteten Hardware, die natürliche Grundausstattung des Menschen an Fantasie, Verstand und Empathie reichen aus, um sich mit dem Geschehen auf der Bühne zu verbinden und es im eigenen Kopf weiterleben zu lassen. Die Digitalisierung eröffnet faszinierende Möglichkeiten, Illusionen zu perfektionieren und übertrifft mittlerweile das Theater als ›Illusionsmaschine‹ bei weitem, das mit seinem ›natürlichen‹ 3-D dagegen fast behäbig daher kommt. Und natürlich stellen auch wir Theatermacher, wie viele andere Menschen, uns die Frage, was die technische Entwicklung bedeutet, für unsere Kunst, unsere Arbeitsplätze und auch für uns persönlich.

Vielleicht liegt aber in der physikalischen Beschränktheit des Theaters auch seine Stärke. Auch wenn es auf der Bühne von fernen Welten und Zeiten erzählt, findet das im Hier und Jetzt statt – und natürlich in den Köpfen der Zuschauer. Im Gegensatz zur interaktiven Virtual Reality, die auf Überwältigung des menschlichen Gehirns setzt, sind die Möglichkeiten des Theaters sehr beschränkt, seine Zuschauer zu manipulieren. Der Zuschauer bestimmt selbst den Grad der Distanz, den er zum Bühnengeschehen einnimmt und bleibt damit souverän. Das ist die Verabredung von Anbeginn des Theaters. Und diese Verabredung macht Sinn, denn von Anbeginn an wohnt dem Theater der gesellschaftliche Auftrag inne, zu einer kollektiven Wahrheitsfindung beizutragen. Es ist kein Zufall, dass das Theater in einer Demokratie seine erste Blütezeit erlebte und dass in den antiken Stücken das Austarieren von individuellen und gesellschaftlichen Interessen ein zentrales Thema sind. Auch damals war klar: Eine demokratische Gesellschaft muss sich über die Grenzen verständigen, die sie sich selbst setzt. Und: Die Verantwortung für eine demokratische Gesellschaft tragen alle. Auch die Theaterleute.
Auch der Spielplan 2017/18, über den Sie die folgenden Seiten informieren, versucht, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Er soll Anregung sein, in unübersichtlichen Zeiten darüber nachzudenken, wie eine Gesellschaft, in der wir leben wollen, aussehen soll.

Dass diese Gesellschaft demokratisch sein soll, steht für uns außer Zweifel. Dass wir aber gerade erleben, dass Populisten versuchen, die Demokratie auszuhöhlen, indem sie den Streit um die besten Argumente und das Ringen um Wahrheit durch ›alternative Fakten‹ ersetzen, gibt Anlass zur Sorge. Wir begegnen dem mit unserem Festival ›Rechts(D)ruck‹, das im September stattfindet. Ein langes Wochenende bietet die Möglichkeit, diesem Phänomen nachzuspüren, auf der Bühne und in diskursiven Formaten.

Ich lade Sie ein, sich mit uns am schönen Haus am Wall zu erfreuen, die Standhaftigkeit gegenüber schnellen Erklärungsmodellen der Wirklichkeit zu wahren und die Demokratie mit der Teilnahme am Geschehen des Deutschen Theaters zu verteidigen.

Ihr
Erich Sidler
Intendant

 

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