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Geächtet

Von Ayad Akhtar | Deutsch von Barbara Christ

Die erfolgreichen Mittdreißiger, die heute an der Upper East Side leben, sind angekommen in New York City und der gehobenen Mittelschicht. Sie sind gebildet, aufgeschlossen und political correct. Zumindest geben sie sich so. Die junge Künstlerin Emily – eine WASP (White Anglo-Saxon Protestant) – hat die islamische Kultur ihres Mannes als Inspiration für ihre Malerei entdeckt und hofft, bald eine Ausstellung am Whitney Museum platzieren zu können. Ihr Mann Amir – ein pakistanischer Amerikaner, der sich als Apostat islamkritisch gibt – arbeitet ambitioniert daran, in einer renommierten Anwaltskanzlei erster nicht-jüdischer Partner zu werden. Wenn Emily und Amir zum Abendessen einladen, herrscht ein Klima gut situierter Wohlstandsbürger, die aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Wurzeln keine sozialen Nöte mehr zu erwarten haben. Zu Gast sind Isaac und seine Frau Jory – er jüdischamerikanischer Kurator am Whitney, sie afroamerikanische Juristin und Kollegin von Amir. Man spricht über die Anwaltskanzlei, plant Emilys Ausstellung und bevor man noch beim Hauptgang angekommen ist, zeigt sich, dass eine aufgeklärte Lebensphilosophie nicht vor Vorurteilen und latentem Rassismus schützt. Spätestens zum Nachtisch geht es bei diesem Dinner ans Eingemachte: So persönlich und leidenschaftlich der Streit zwischen den Paaren eskaliert, so scharf beobachtet sind die gesellschaftlichen Konflikte, die ihrem Disput inhärent sind. Auf dem Menü steht ein hitziger Diskurs über Religion, Terrorismus und alltägliche Rassismen.

Ayad Akhtar
Der Schauspieler und Autor Ayad Akthar, dessen Eltern aus Pakistan stammen, wurde 1970 in New York geboren und wuchs in Milwaukee auf. Er schreibt sowohl für die Bühne als auch für den Film. Sein Theaterstück »Geächtet«, das 2013 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde, kam 2012 in Chicago zur Uraufführung und ist seit 2014 in New York am Broadway zu sehen. Sein erster Roman »American Dervish« ist inzwischen
in über 20 Sprachen übersetzt und in Deutschland unter dem Titel »Himmelssucher« erschienen.

Essay
Wie ging sie doch gleich, die Formel des ›American Dream‹? Vom Tellerwäscher zum Millionär – Du bist das, was Du sein willst! Und wenn Du es noch nicht bist, dann streng Dich gefälligst an es zu werden – indem Du fest daran glaubst und arbeitest! Und wenn Du es dennoch nicht schaffst zu werden, was Du sein willst, dann bist Du was? Genau. Ein Looser. Ein Opfer der Verhältnisse. Ein hoffnungsloser Fall.
In gewisser Weise schreibt Ayad Akhtar mit »Geächtet« den Gegenbeweis zu diesem Traum der Selbstbestimmung, der inzwischen auf der ganzen Welt Karriere gemacht hat. Seine Hauptfigur Amir versucht es redlich und auch nicht ohne Erfolg ein ›Vollblutamerikaner‹ zu werden. Aber der Preis, den Amir für die Assimilierung in die amerikanische Gesellschaft zahlt – nämlich seine islamische Herkunft zu verleugnen, anstatt mit ihr umzugehen – ist hoch und rentiert sich am Ende nicht. Ganz im Gegenteil. Das Verleugnete schlägt in Person von Arbeitskollegen und angeblichen Freunden zurück. Denn die, die ihn anschauen, hören nicht auf damit, in ihm den eingewanderten Muslim zu sehen und nicht vorrangig den atheistischen Juristen mit Künstlerfreundin, der auf der neureichen Upper East Side wohnt. Isaac, der Kurator von Amirs Frau Emily, drückt es so aus und streut damit gezielt Salz in die Wunde: »Merkst Du nicht, dass Du Dich selbst verabscheust?« Und seine Arbeitskollegin Jory, Isaacs Frau, bemerkt spitz, dass er ja wohl noch einiges mit sich auszuhandeln hätte und dass sein Problem nicht der Islam sei, sondern die Verweigerung, seine Vergangenheit aufzuarbeiten.

In der Biographie Ayad Akhtars spielt die Tellerwäscherei zwar keine Rolle, dafür aber der Islam, von dem er sich lossagen wollte, um wie Amir ›Vollblutamerikaner‹ zu werden. In Interviews betont Akhtar immer wieder, wie gut er seine Hauptfigur in dem Wunsch verstehen kann, diejenige Identität, in die er in Pakistan hinein geboren wurde, hinter sich zu lassen. Akhtars Eltern sind zwar bereits vor der Geburt ihres Sohnes in die USA immigriert, und dennoch sei es für ihn keine leichte Aufgabe gewesen, seine islamische Herkunft und sein amerikanisches Leben für sich in Übereinstimmung zu bringen; sich mit beiden zu versöhnen, beide gleichermaßen anzunehmen. Von daher haben wir es bei »Geächtet« mit einem autobiographischen Stück Akhtars darüber zu tun, welche unterschiedlichen Strategien es für MigrantInnen und ihre Nachfahren gibt, in der neuen Gesellschaft anzukommen. Amir verkörpert die Ablehnung seiner eigenen islamischen Herkunft zugunsten der Anpassung ans liberale, reiche Amerika seiner Frau und Kollegen. Sein Neffe Abe bzw. Hussein steht zunächst für den Versuch, die islamische Religion mit der amerikanischen Kultur unter einen Hut – nämlich den seinen – zu bringen, radikalisiert sich im Laufe des Stückes aber zunehmend, bis zu dem Punkt, an dem er den trennenden Dualismus von ›Wir Muslime‹ und ›Die Westliche Welt‹ offen ausspricht: »Die haben die Welt erobert. Wir holen sie uns zurück.« Dominik Günther erfindet in seiner Inszenierung von »Geächtet« außerdem noch eine weitere Figur dazu, den Hamambesitzer Khalid, der mit seinem/n islamischen Glauben und Traditionen selbstverständlich umgeht, ohne die Differenz zu seiner amerikanischen Umgebung zu problematisieren.
Nähme man diese drei Figuren aus »Geächtet«  – Amir, Abe/Hussein, Khalid als Beispiele dafür, wie unterschiedlich muslimische Einwanderer mit der von der ›Einwanderungsgesellschaft‹ geforderten Integration umgehen, dann ließe sich folgende These aufstellen: Entweder, die ›NeubürgerIn‹ verleugnet ihre Herkunft wie Amir und versucht sich unter allen Umständen zu assimilieren, um nicht mehr als die erkannt zu werden, die sie ist; oder aber sie folgt weiterhin den Traditionen ihrer Heimat wie Khalid und bewegt sich hauptsächlich in einer Parallelgesellschaft, um nicht dazu gezwungen zu werden, die eigene Geschichte und damit die eigene Identität aufzugeben; oder drittens, sie versucht die schmale Gradwanderung zwischen Tradition und Anpassung und damit den schwierigsten Weg der Identitätsveränderung, den Ayad Akhtar für sich gewählt  hat und nun darüber schreibt.
Aus Amirs Weg ergibt sich offensichtlich das Problem, den Bezug zu sich selber zu verlieren und den eigenen Emotionen und verdrängten Erinnerung somit hilflos ausgeliefert zu sein. Nicht anders lässt es sich erklären, dass Amir seine Frau Emily schlägt, obwohl er es nicht möchte und obwohl er es rational ablehnt, Frauen zu schlagen. Außerdem scheinen die Anderen ihn noch lange nicht als das wahrzunehmen, was er sich selber vorgenommen hat zu sein. Zunächst fällt einem beim Blick auf einen anderen Menschen sein Phänotyp auf – und wenn der sich von der Mehrheit der Phänotypen der Gesellschaft unterscheidet, hat der eine andere sich scheinbar sofort als ›Fremder‹ geoutet. Welche Assoziationen ›der Fremde‹ bei seinen MitbürgerInnen hervorruft, ist zwar ihrer jeweiligen Sozialisation geschuldet. Doch allein schon die Wahrnehmung `der da ist fremd hier´ führt zu einer Sonderstellung – so sehr er oder sie sich auch anstrengen mag, dazuzugehören. Wenn ›der Fremde‹ dann aber auch noch Muslim ist, setzt in Amerika und Europa heute allzu schnell die Assoziationskette ›Islamismus, Gewalt gegen Frauen, Terrorismus‹ ein; nicht zuletzt auf Grund der eindimensionalen Berichterstattung in den Medien, was fatale Folgen in Form von Ablehnung und Hass für die vorverurteilte Minderheit haben kann. Gegen diese Vorverurteilung ist Amir allergisch. Er spürt sie sogar da, wo es sie zunächst nicht gibt. Durch die gewohnten Nachteile, die er gegenüber seinen amerikanischen Kollegen und Freunden hat, reagiert er hoch sensibel gegen jeden vermeintlichen Angriff auf seine muslimische Herkunft. Da er sich auf diese Weise aber schnell selber zum Opfer stilisiert, setzt ein Teufelskreis bzw. die Selffulfilling Prophecy ein: Er empfindet sich als ›anders‹ und benachteiligt, daraufhin wird er auch als ›anders‹ und darüber hinaus als aggressiv und aufbrausend wahrgenommen und eingeschätzt, woraufhin er sich selber wiederum und verstärkt als ›anders‹ und für die anderen als bedrohlich einschätzen muss. Diese Schlaufe, die sich Amir um den Hals gelegt hat, lässt ihn unfrei und unbeliebt werden. Er erlebt sich nicht mehr als selbstbestimmt, sondern als hochgradig abhängig von den Urteilen und der Anerkennung anderer.
Mit dieser Problematik ist Akhtars Amir nicht allein. Sie erzählt beispielhaft davon, womit (muslimische) EinwanderInnen in Amerika und Europa tagtäglich zu kämpfen haben. Und dieser Kampf geht noch weit über die finanziellen, behördlichen und politischen Kämpfe hinaus – nämlich bis tief hinein in die Psyche des Einzelnen.
In DIE ZEIT vom 19. Januar 2017 drückt Akhtar diese ›tiefgreifende Verunsicherung der eigenen Identität‹ im Gespräch mit Peter Kümmel so aus:
ZEIT: Sprechen wir über Identitätspolitik. Sie sagten einmal, viele Menschen verbrächten heute sehr viel Zeit damit, den anderen zu demonstrieren, was sie nicht sind.
Akhtar: Ich dachte dabei an die Muslime, die immerzu beweisen wollen, dass man Vorurteile gegen sie hegt. Sie sagen so vehement »Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet!«, dass sie gar nicht mehr darüber nachdenken, wer sie eigentlich sind.
ZEIT: Für Deutsche ist klar, was sie nicht sein wollen: nämlich Nazis. Was ist es, was die Amerikaner nicht sein wollen?
Akhtar: Die Amerikaner sind nicht wirklich davon überzeugt, dass es den Rest der Welt, eine Welt außerhalb Amerikas, überhaupt gibt. Mexikaner? Das sind Leute, die ihnen die Jobs wegnehmen wollen. Araber? Seltsame Gestalten, die sich Handtücher um den kopf wickeln und brüllend in der Gegend rumrennen. Und wir müssen jene unter ihnen umbringen, die Ärger machen. Amerika vergleicht sich nicht mit andere. Es ist ein tief einsames, insulares Land. Vor allem in seinem Inneren.

Akhtars Provokation, die er »Geächtet« einschreibt, besteht nun vor allem in der Pfadabhängigkeit der Entwicklung seiner Hauptfigur Amir. Nicht ohne Grund sagt er in einem Interview, für ihn sei Amir ein tragischer Held, weil er feststellen muss, dass er nicht Herr seines Lebens ist, dass das selbstbestimmte Leben eine Lüge ist, die Lüge des ›American Dreams‹, die ihn dazu gezwungen hat, den Islam zu verleugnen ohne sich wirklich von ihm losgesagt zu haben. Letztendlich tut Amir genau das, was er selber ablehnt. Er folgt eben der radikal frauenfeindlichen Auslegung des Korans, die er vorher vor seinen Freunden als patriarchisch und gewaltverherrlichend kritisiert hat: »Wenn Eure Frau nicht auf Euch hört, redet mit ihr. Wenn das nicht hilft, schlaft nicht mit ihr und wenn das nicht hilft, schlagt sie.« Eben diesen Dreischritt verfolgt Amir in Geächtet gegenüber seiner Frau Emily, wenn auch unbewusst und ungewollt. Er verfällt den angeblichen Regeln seiner früheren Religionsgemeinschaft, obwohl er sie selber so vehement ablehnt. Oder eben genau deshalb, weil er sie so kategorisch ablehnt und kein gutes Haar an ihr lässt? Oder aber deshalb, weil ihn die anderen Figuren mit ihrem Verhalten ihm gegenüber zu dem machen, der er partout nicht sein will? Weil sie nicht akzeptieren, dass er dem Islam abgeschworen hat und nichts mehr von dessen Regeln wissen will? – Vermutlich aus allen diesen Gründen zusammen, da sich die eigene Identität immer aus einer Beziehung zwischen unbewusster Prägung, Selbstbild und Fremdwahrnehmung konstituiert.
Mit »Geächtet« erzählt uns Akhtar also von den Lügen des ›American Dreams‹, der vereinfachenden Floskel über eine Selbstkonstitution abseits der eigenen, religiösen und nationalen Geschichte. Er ruft sowohl ›uns‹ als auch ›unseren muslimischen MitbürgerInnen‹ zu: Es ist unmöglich sich selbst zu verleugnen. Macht Euch keine falschen Illusionen. Unsere Herkunft lässt sich nicht einfach auslöschen, sie ist uns eingeschrieben, so sehr wir sie auch verfluchen und Amerika und die ›Westliche Welt‹ sie ablehnen mögen. Findet einen Umgang damit. Findet Euch damit ab, niemals abschließen zu können, niemals fertig zu sein mit dem Prozess der Identitätsbildung. Das ist eine starke und ernst zu nehmende Aussage in einer Zeit, in der die einen geschichtsvergessen und selbstbezogen, die anderen wieder geschichtsbesessen und auf Gruppenidentitäten fixiert zu sein scheinen. Sowohl in Amerika als auch in Europa, in Deutschland und in vielen islamischen Ländern. Und sie gilt sowohl für den Einzelnen als auch für Familien, Gruppen, Nationen und Staaten. Akthar selber drückt es im Interview mit Die Deutsche Bühne so aus: »Muslim zu sein ist in dem Stück eine Metapher dafür, Mensch zu sein. Das versteht hier in Europa nur kaum einer. Für euch ist die Hauptfigur Amir ein Muslim, der mit seiner Religion abrechnet, für mich ist er eine Figur auf der Suche nach Identität. Und nur deswegen Muslim, weil ich Muslim bin und über die gut schreiben kann. Das ist das Dilemma des Stücks. Das Dilemma des Protagonisten. Man nimmt ihn nicht als Menschen wahr.«
Viola Köster

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