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Bartleby, der Schreiber

Von Herman Melville

»Ich möchte lieber nicht«, entgegnet der zurückhaltende und im Anfertigen von Abschriften sehr versierte Schreiber Bartleby, als er an seinem dritten Arbeitstag aufgefordert wird, eine Kopie zur Korrektur gegenzulesen. Diese höfliche Verweigerung löst bei seinem Chef, einem Notar für Grundbesitzübertragungen, Irritation aus. Doch negative Konsequenzen oder eine Abmahnung bleiben aus. Stattdessen müssen Bartlebys Kollegen die Korrekturarbeiten für ihn übernehmen, während sein Aufgabenbereich rein auf das Verfertigen schriftlicher Kopien beschränkt bleibt. Auf seltsame Weise scheint der Notar von Bartleby in Bann gezogen. Sogar als er herausfindet, dass sein Kopist im Büro wohnt, sich dessen sanftes »Ich möchte lieber nicht« auch aufs Erstellen von Abschriften ausweitet, er seine Kündigung ignoriert und zum festen, aber nicht für Dienstleistungen einsetzbaren Inventar der Kanzlei wird, reagiert er mit Mitleid und Nächstenliebe. Noch bei der Trennung zeigt er Verständnis: Anstatt Bartleby vor die Tür zu setzen, zieht der Notar mitsamt der Kanzlei um. Doch so leicht lässt sich der Schreiber, der »lieber nicht möchte«, nicht los werden. Selbst in der letzten, der absoluten Verweigerung – dem Tod – klingt das Geheimnis um seine Beweggründe und sein Leben nach.

Melvilles Figur des Schreibers Bartleby wurde sowohl als Selbstporträt des Autors als auch als Kritik an den Arbeitsbedingungen in der seelenlosen Finanzmetropole New York gedeutet. Heute, in Zeiten, da sich Beruf und Privatleben mehr und mehr vermischen und
Schlagwörter wie ›Burnout‹ und ›Work-Life- Balance‹ zum Standardvokabular des Arbeitslebens gehören, wird Bartleby wiederentdeckt und zu einer Leitfigur sogenannter ›Karriereverweigerer‹, die ein gesellschaftliches Umdenken in Bezug auf den Stellenwert von beruflichem Erfolg und Karriere fordern.

Herman Melville
Der 1819 in New York City geborene Schriftsteller, Dichter und Essayist Herman Melville hatte zu Lebzeiten nur mit seinen naturalistischen Erlebnisromanen als Schriftsteller Erfolg. Sein Roman »Moby Dick«, der heute zum Kanon der bedeutendsten Werke der Weltliteratur zählt, und die Erzählung »Bartleby, der Schreiber« erlangten erst posthum Anerkennung.

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