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Vereinte Nationen

von Clemens Setz
Martina ist sieben Jahre alt und wie jedes Kind in diesem Alter versucht sie schon mal, ihren Willen durchzusetzen. Das Mittagessen landet auf dem Küchenboden statt im Mund und mittels eines kleinen Veitstanzes lässt sich an der Supermarktkasse nicht nur lautstark bekunden, dass die dort angebotenen Süßigkeiten Begehrlichkeiten wecken, sondern auch die eigene Mutter in die Nähe eines Nervenzusammenbruchs manövrieren. Eine Herausforderung für die Eltern, Karin und Anton, denn es gilt zu entscheiden, mit welchen erzieherischen Mitteln den Trotzphasen der Tochter zu begegnen ist. Diese Frage kann modernen Eltern durchaus Gewissensbisse bereiten, vor allem, wenn die Erziehungsmaßnahmen mit versteckter Kamera dokumentiert werden, weil es Menschen gibt, die sich gerne Erziehungsvideos anschauen. Antons Freund Oskar hat diese Marktlücke erkannt und eine florierende Plattform für diese Form der Videokunst aufgebaut. Dank Antons Darstellungskünsten als strenger Vater steigt das Familieneinkommen, aber auch der Stresspegel in der Familie. Denn der Markt fordert seinen Tribut: Um den Absatz zu steigern, gilt es, die Wünsche der Kunden zu befriedigen und diese sind nicht immer konform mit den Erziehungsgrundsätzen von Karin und Anton. Martinas Trotzphase lässt nach, Karin hingegen reagiert sauer, weil Anton und Oskar ihr den Auftritt vor der Kamera verwehren. Aus ihrer Sicht ein klarer Fall von Diskriminierung. Und schließlich gilt es noch, filmästhetische Fragen zu diskutieren: Wie authentisch sind eigentlich gestellte Szenen – und merkt das die Kundschaft? In Clemens J. Setz‘ subtiler Komödie hat die Digitalisierung die Familie voll im Griff.

Clemens J. Setz
Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik und Germanistik studierte. Dort lebt er heute als Übersetzer und freier Schriftsteller. Sein Debut-Roman »Söhne und Planeten« stand auf der Shortlist des Aspekte-Literaturpreises. Sein zweiter Roman »Die Frequenzen« wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2011 erhielt er für den Erzählband »Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes« den Preis der Leipziger Buchmesse und 2015 für den Roman »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« den Wilhelm Raabe-Literaturpreis. »Vereinte Nationen« ist sein erstes Werk für das Theater.

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