»Gewalt erben«
Lars Werner
Uraufführung
Julian Leonard Wilhelm
Gabriele Andrea Strube
Markus Moritz Schulze
Dalila Stella Maria Köb
Lena Nathalie Thiede
Hans Gerd Zinck
Regie Michael Letmathe
Bühne & Kostüme Ken Chinea
Video Ken Chinea, Julian Wedekind, Mathis Albrecht
Musik Augustin Zimmer
Dramaturgie Theresa Leopold
Regieassistenz Maren-Mechthild Meyer-Wünsch
Abendspielleitung Flo Ott
Soufflage Julia Schröder
Inspizienz Uta Knust
Technische Leitung Marcus Weide / Produktionsleitung Lisa Hartling / Produktionsleitung (in Vertretung) Henryk Streege, Lars Werneke / Assistenz der Technischen Leitung Henryk Streege / Technische Einrichtung Marco Wendt / Beleuchtung Michael Lebensieg / Tontechnik Julian Wedekind (Leitung, Einrichtung), Mathis Albrecht (Einrichtung) / Requisite Sabine Jahn (Leitung, Einrichtung) / Maske Frauke Schrader (Leitung, Einrichtung), Marlene Steinmann (Einrichtung) / Kostümausführung Ilka Kops (Leitung), Heidi Hampe, Stefanie Scholz / Malsaal Eike Hansen / Schlosserei Robin Senger, Jonas Hagenow / Dekoration Regina Nause, Axel Ristau / Tischlerei Maren Blunk
Aufführungsdauer ca. 1 Stunde und 30 Minuten, keine Pause
Aufführungsrechte Felix Bloch Erben GmbH & Co. Kg, Berlin
Probenfotos Thomas Aurin
Bild- und Tonaufnahmen sind während der Vorstellung nicht gestattet.
»Vieles erinnert mich an die letzten Tage der alten Republik. Wir sprechen nicht mehr miteinander. Es herrscht Misstrauen in jedem Gespräch. Man klopft vorsichtig ab, wo das Gegenüber steht und wenn es nicht millimetergenau auf die eigene Vorstellung passt – zack, Distanz. So waren wir schon mal und es hat uns kaputt gemacht.«– Hans
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„Zersetzungs“-Opfer der DDR-Geheimpolizei
Mit dem Prozess der deutschen Wiedervereinigung wurden die Ausmaße politischer Verfolgung in der ehemaligen DDR deutlich. Die Angaben über die Anzahl der Menschen, die zwischen 1945 und 1989 in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR seelischer und körperlicher Misshandlung in Zusammenhang mit politischer Verfolgung ausgesetzt waren, reichen von „170.000 bis 280.000 Menschen“ (Pfüller et al., 2008) bis hin zu „über 300.000“ (vgl. Frommer, 2002b; Freyberger et al., 2003).
Es können vier verschiedene Verfolgungsphasen beschrieben werden:
Die erste Phase erstreckte sich von 1945 bis 1949. Am Beginn der Verfolgung stehen die von der Sowjetunion betriebenen Speziallager und Gefängnisse der sowjetisch besetzten Zone von 1945 bis 1950 (vgl. z.B. Gneist & Heydemann, 2002). Von den ca. 127.000 Häftlingen starb etwa ein Drittel in Haft, mehr als 700 wurden hingerichtet (vgl. Müller, 1998).
Die zweite Phase umfasste den Zeitraum von 1949 bis 1972. Gerade die Zeitspanne von 1949 bis 1953 war dabei durch Einschüchterung und Inhaftierung Andersdenkender, lange Haftstrafen und extreme Haftbedingungen gekennzeichnet: körperliche Übergriffe, tage- und nächtelange Verhöre, Isolationshaft, Steh- und Wasserkarzer sowie Mangel- bzw. Unterernährung. Nicht selten wurden in den Gefangenen Todesängste geweckt und mit Todesandrohung gearbeitet, um Geständnisse zu erpressen. Danach kam es durch die zunehmende Einbindung in internationale Abkommen zu einer schrittweisen Verbesserung. Nach dem Mauerbau galten als Verfolgungsgründe versuchte Republikflucht, angebliche Spionagetätigkeit, Herabwürdigung des Staates oder Aufbau und Unterstützung staatsfeindlicher Organisationen.
In der dritten Phase von 1972 bis 1989 wurden körperliche Übergriffe seltener, es wurde die subtilere Methodik der psychologischen Folter eingesetzt, um ein Geständnis über staatsfeindliche Machenschaften zu erzwingen oder Informationen über andere Verdächtige zu gewinnen. Gewaltandrohung und physische Quälerei gingen zurück. Bemüht um internationales Ansehen und um den Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen auszuräumen, ging die DDR stattdessen immer mehr zu „unsichtbaren“ Druckmitteln über.
Dazu wurde mit dem Fach „Operativen Psychologie“ (Behnke & Fuchs, 1995; Freyberger et al., 2003) an der Juristischen Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit in Potsdam-Golm ein eigener Lehrstuhl gegründet. Hier wurden auch Doktorarbeiten verfasst, die sich mit Maßnahmen zur Zersetzung von Staatsfeinden beschäftigten.
Als vierte Phase fasst Maercker (1995) die Zeit nach der Friedlichen Revolution von 1989 bis heute mit einer Überversorgung der Täter und einer Unterversorgung der Opfer.
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Zersetzung und politische Haft
Die DDR war in einem so umfassenden Maße geheimpolizeilich überwacht, wie noch keine andere europäische Gesellschaft zuvor. Private und öffentliche Personen gleichermaßen waren inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Sie bespitzelten und wurden bespitzelt. Ein feines Netz aus Misstrauen, Kontrolle und Angst entstand.
Die Überwachung der Privatheit wurde nicht selten von Menschen durchgeführt, die Teil dieser Privatheit waren. „Zersetzung“ bezeichnet eine Methode des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR zur Bekämpfung vermeintlicher und tatsächlicher Gegner vor, während, nach oder an Stelle einer Inhaftierung. Die Zersetzung war ein rein psychologisches Unterdrückungsinstrument, welches das Selbstwertgefühl des Menschen untergraben, Panik, Verwirrung und Angst erzeugen sollte. Zersetzung setzte die Allmacht des Staates über Gesellschaft und Individuum voraus. So waren auch alle Zweige des Staatsapparates prinzipiell zur Zusammenarbeit mit dem MfS verpflichtet.
Die Mitarbeiter der Stasi setzten zunächst im privaten Umfeld des vermeintlichen Staatsfeindes an. Die Zielperson sollte zunächst in ihrem persönlichen Erleben verunsichert werden. So brachen Stasileute mehrmals heimlich in die Privatwohnung ein, entfernten nach und nach Gegenstände oder stellten sie um – damit der Bewohner allmählich anfing, an seinem Verstand zu zweifeln. Telefone wurden abgehört, Wohnungen zu Abhörzwecken verwanzt.
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Gezieltes Eindringen in das persönliche Umfeld
Auch das Eindringen in persönliche Beziehungen gehörte zum Repertoire der Stasi. Dabei ging es um und die Zerstörung der privaten und familiären Beziehungen.
Durch gestreute Gerüchte, etwa über angebliche außereheliche Beziehungen, sollte Misstrauen geschürt werden. Darüber hinaus wurden durch Diffamierungen und Benachteiligungen berufliche Misserfolge organisiert. Bei feindlichen Gruppen zielte die Zersetzung auf Zersplitterung, Lähmung und Desorganisation, bei einzelnen Personen auf soziale Isolierung, psychologische Verunsicherung und öffentliche Rufschädigung. Die Zersetzungsmaßnahmen waren immer auf die besondere Persönlichkeitsstruktur der Zielperson ausgerichtet, fokussierten auf die jeweiligen Schwachpunkte der sogenannten „Feinde des Sozialismus“.
Ziel war es, den Betreffenden zur permanenten Beschäftigung mit sich selbst zu veranlassen, die Persönlichkeit Andersdenkender und der Gegner des Sozialismus durch die psychische Zersetzung grundlegend zu destabilisieren und feindliche Ideologien zu bekämpfen (Behnke & Fuchs, 1995). Dies wurde soweit betrieben, dass sich manche der Betroffenen das Leben nahmen.
„Die Folgen dieser denunziatorischen Zerstörung von Vertrauen und Solidarität in Gruppen bzw. von Selbstvertrauen, beruflichen und gesellschaftlichen Entwicklungschancen waren für die Betroffenen mitunter katastrophal, gerade weil sie psychologisch ausgeklügelt, im geheimen Zusammenwirken des MfS mit ihren inoffiziellen Mitarbeitern sowie staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen umgesetzt wurden und teilweise noch bis heute nachwirken“ (Süß, 1999, S. 684).
Zersetzungsmaßnahmen außerhalb der Haftanstalten haben oftmals zu schweren psychischen Schädigungen geführt (vgl. Pingel-Schliemann, 2002). Auch wenn die Inhaftierung eine erschreckende Angelegenheit war, wusste der politisch Verfolgte nun zumindest, woran er war. Reine Zersetzungsopfer litten unter ständigen Verunsicherungen, Übergriffen und permanenter Ungewissheit.
»Sie sagen sich, die Schätze haben wir uns verdient, wir haben in der Vergangenheit doch so viel erlitten. Sie sitzen auf einem Berg und denken ihn sich als Tal, und sie sehen sich selbst ohne Schuld.« – Dalila
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Raubkunst in der DDR
Einer der wenigen, die sich offensiv gegen den planmäßigen Kunstraub in Ostdeutschland vom Kriegsende bis zur Wiedervereinigung stemmte, war der Berliner Bibliothekar und Paläograf Hans Lülfing. 1957 war Lülfing Direktor der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek geworden. Als im Januar 1962 das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unter dem Decknamen »Licht« in Banken und ehemaligen Finanzinstituten den Inhalt Tausender seit dem Zweiten Weltkrieg unberührt gebliebener Schließfächer und Tresore konfiszierte, setzte Lülfing etwas Unglaubliches durch.
Wenigstens historische Handschriften landeten in der Bibliothek unter den Linden. Mehr als 1.000 andere Objekte, darunter Antiquitäten, Aktien, Schmuck, Kunstwerke, Porzellan und Besteck, wurde dagegen ohne Einverständnis der Eigentümer von DDR-Behörden ins Ausland verkauft.
Thomas Widera vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden erzählt bei einer Pressekonferenz des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste im Deutschen Historischen Museum am Dienstagvormittag sehr plastisch vom Ausmaß und der Skrupellosigkeit des staatlichen Kunstraubs in der SBZ und der DDR. „Das MfS hat bei der Aktion ‚Licht‘ die Provenienz vollständig verunklart“, sagt er.
Vermutlich wurden vor allem die Hinweise auf ehemalige jüdische Eigentümer gezielt vernichtet – die DDR hatte schließlich den Antifaschismus zur Staatsdoktrin erhoben. Es hätte mehr als seltsam ausgesehen, wenn dieses Land ganz offiziell Kulturgüter von Faschismusopfern in den Westen vertickt hätte.
Das öffentliche Interesse an der Herkunft und Rückgabe von NS-Raubkunst und Kulturtransfers aus kolonialer Zeit ist derzeit riesig – durch den Fall Gurlitt, die Forderung des französischen Präsidenten Macron, das künstlerische Erbe Afrikas zu restituieren, und die Debatten übers Humboldt Forum. Insofern verwundert es nicht, dass das Auditorium gut besetzt ist, wenn das Zentrum für Kulturgutverluste erste Forschungsergebnisse zum Kunstraub in der SBZ und DDR vorstellt.
2015 von Monika Grütters in erster Linie zur Erforschung von NS-Raubkunst gegründet, kümmert sich das Magdeburger Institut seit 2017 auch um Kulturgutverluste während der Kolonialzeit und in der SBZ und DDR. Denn die sogenannte Stasi-Aktion „Licht“ war nur ein Beispiel, wie in der DDR Privatpersonen enteignet wurden. Kulturobjekte wurden auch von Menschen, die in den Westen gegangen sind, ohne Entschädigung eingezogen. Durch Plünderungen während der Bodenreform 1945 bis 1946 kam es ebenfalls zu Verlusten. Ein Teil der enteigneten Objekte ist in Museen in ganz Deutschland gewandert, ein anderer an private westdeutsche Händler und Sammler verkauft worden.
Neben Thomas Widera berichtet vor allem Alexander Sachse vom Museumsverband Brandenburg eindrücklich von seinem Pilotprojekt, in dem es um kritische Provenienzen in brandenburgischen Museen geht. Vier davon wurden untersucht: ein Museum in Eberswalde, eines in Strausberg, eines in Neuruppin und eines in Frankfurt (Oder).
Das Fazit: Auch wenn sich manches Stück heute noch in westdeutschen Museen, Bibliotheken und Privatsammlungen befinden wird, dürften es vor allem ostdeutsche Museen sein, in denen sich sehr viel mehr Objekte mit kritischer Provenienz befinden als vermutet.
Die Museumsangestellten, so Sachse, nahmen in der DDR eine ambivalente Rolle ein. Viele ließen sich etwa in der Rolle des Gutachters an Enteignungen von Privatpersonen beteiligen, viele versuchten auf diese Weise aber auch, Objekte zu bewahren. In den vier untersuchten Museen waren es zwischen 200 und 1.500 Objekte – also zwischen 1 und 8 Prozent der Sammlung –, deren Herkunft schwierig ist. Auf Nachfrage bestätigt Sachse, dass er diese Zahlen für repräsentativ hält.
Es ist erstaunlich, wie wenig dieses Kapitel der deutschen Geschichte 30 Jahre nach dem Mauerfall aufgearbeitet ist. Die Provenienz vieler Objekte wird nicht nur aufgrund der gezielten Vernebelung durch die DDR-Behörden kaum mehr geklärt werden können, so Gilbert Lupfer, wissenschaftlicher Vorstand des Zentrums Kulturgutverluste: Viele Antragsfristen für Rückforderungen bei den Ämtern seien längst verjährt.
Anders als bei der NS-Raubkunst gebe es für den staatlichen Kunstraub der DDR zudem keine Washingtoner Erklärung zur Wiedergutmachungspolitik. Außerdem vermuten viele ehemalige DDR-Flüchtlinge bis heute nicht, dass ihre privaten Kulturgegenstände in einem Museum gelandet sein könnten.
»Ja, ich kenne den Degen. Wie hat sie ihn zurückbekommen? Ich dachte, er wäre im Museum? Geraubt?! Das klingt abenteuerlich. Ja, kriminell auch. Gibt da so ein Talent in der Familie.«– Die Großmutter
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Juwelenraub im Grünen Gewölbe
Der Juwelendiebstahl aus dem Historischen Grünen Gewölbe in Dresden gehört zu den spektakulärsten Fällen von Kunstraub in unserer Zeit. Am 25. November 2019 stahlen Einbrecher mehrere Kunstobjekte und 21 Schmuckstücke mit insgesamt 4.300 Diamanten aus dem Museum im Residenzschloss. Die Beute hatte einen Versicherungswert von knapp 114 Millionen Euro.
Die Diebe stahlen Teile von drei Garnituren aus dem 18. Jahrhundert: Betroffen sind die „Diamantrosengarnitur“, die „Brillantgarnitur“ sowie der „Schmuck der Königinnen“. Um ihre Strafe abzumildern, gaben die Täter im Dezember 2022 einen Großteil ihrer Beute zurück, darunter eine Haarspange in Form einer diamantbesetzten Sonne und der Bruststern des polnischen Weißen Adlerordens.
Teile des Schatzes befanden sich jedoch in deformiertem, zerkratztem, zerbrochenem oder unvollständigem Zustand. Kunstraub-Experten geben an, dass Diebe Broschen und Schmuckstücke häufig zerlegen, zerstückeln oder Diamanten herausbrechen, um sie einzeln weiterzuverkaufen.
Dabei zähle für die Täter meist nur der Materialwert, nicht die künstlerische und historische Bedeutung. Von den geraubten Schmuckstücken aus Dresden bleiben bis heute unter anderem die große Brustschleife der Königin Amalie Auguste und die Klinge eines historischen Degens verschollen.
Quellen:
TAZ, »Raubkunst in der DDR«, Susanne Messmer; https://taz.de/Raubkunst-in-der-DDR/!5589805/
Bundeszentrale für politische Bildung, »Psychofolgen bis heute: „Zersetzungs“-Opfer der DDR-Geheimpolizei«, Stefan Trobisch-Lütge; https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/stasi/218417/psychofolgen-bis-heute-zersetzungs-opfer-der-ddr-geheimpolizei/
SWR, »Juwelenraub im Grünen Gewölbe: Dresdener Kronschatz kehrt teilweise zurück in die Ausstellung«, Kerstin Bachtler; https://www.swr.de/kultur/kunst/kunstraub-dresden-neue-ausstellung-geraubte-schmuckstuecke-100.html