Haus
Liebes Publikum!
Wie werden Menschen glücklich?
Krise. Krisen. Noch mehr Krisen.
Überlagerung, Kulmination, Potenzierung von Krisen.
Wechseln wir die Perspektive und erkennen das Potenzial der Krise. Zersetzt sich die alte
Normalität, werden gleichzeitig die Kriterien einer neuen Ordnung diskutiert. Für Milton Friedman, dem neoliberalen Wirtschaftswissenschaftler, war es essentiell, stetig Ideen und Alternativen zu bestehenden Konzepten zu entwickeln und sie verfügbar zu halten. Bricht ein System zusammen, ist das die Chance für Ideen, die gerade »herumliegen«.
Der Umbruch kann das bis dato politisch Unmögliche zum politisch Notwendigen machen.
»Only a crisis – actual or perceived – produces real change. When that crisis occurs, the actions that are taken, depend on the ideas that are lying around. That, I believe, is our basic function: to develop alternatives to existing policies, to keep them alive and available until the politically impossible becomes the politically inevitable.«
Der entscheidende Schritt vom Unmöglichen zum Notwendigen jedoch ist ohne die letzten und großen Fragen nicht zu machen: Was ist eine gute Gesellschaft oder was ein gutes Leben? Der Raum, in dem diese Fragen alive und available gehalten werden, ist und bleibt das Theater.
Klimakrise. Wirtschaftskrise. Währungskrise, geopolitische Krise etc.
Vielleicht geht es gerade um nicht weniger als alles. Wir leben ein Kulturmodell, das auf Wachstum als Ausgangspunkt allen Denkens und Handelns basiert und das Ziel verfolgt, vieles immer besser machen zu wollen. Wobei die Frage, was besser bedeutet, nicht einfach zu beantworten ist. Erfolgreich ist das Konzept, da es auf Belohnung baut und sich seit Jahrzehnten gegen jede Vernunft durchsetzt. Bereits 1972 hat der Club of Rome mit »Die Grenzen des Wachstums« die Konsequenzen unseres Handelns formuliert und die zeitnahe Zerstörung des Planeten vorausgesagt.
In der Zwischenzeit hat sich der Pro-Kopf-Anspruch auf Ressourcen vervielfacht.
Gleichzeitig hat sich die Konsumkultur mit ihren, auf Drogenabhängigkeit basierenden Gesetzmäßigkeiten, selbst entlarvt. Die Hoffnung auf Zufriedenheit wird mit Konsumwünschen genährt, wobei die Bedürfnisse erst erzeugt werden und die Befriedigungen nach kurzer Zeit neue Bedürfnisse evozieren. Die Jagd nach dem vermeintlichen Glückserlebnis löst sich vom Sinn und Zweck des Konsumgutes. Ein großes Auto macht keinen Sinn, es macht nur zusätzlichen Stress. Auch wird sich mehr Kommu-nikation in Social Media, mehr KI, mehr Digitalisierung künftig weiter als ein Versprechen einer besseren Welt darstellen, was aber letztlich nur eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche bedeutet. Jede Handlung und jede Äußerung ist Anlass für Bewertungen, jedes durch Informationssuche veräußerte Interesse, jede Bewegung, jede mediale Kommunikation ist Gelegenheit für die Erweiterung von Persönlichkeitsprofilen, die über Netzteilnehmer*innen angelegt sind. Diese dienen der Verhaltensvorhersage, um wiederum Bedürfnisse zu erzeugen und am besten in Echtzeit zu befriedigen.
Aber das ständige Mahnen, zum Beispiel vom Club of Rome, hat sich verselbständigt und ausgehöhlt und selbst sichtbare Veränderungen der Umwelt durch den Klimawandel, wie eine Flutkatastrophe im Ahrtal, die ein Starkwetterereignis aufgrund von Klimaerwärmung und Versiegelung von Schwemmland war, wurde als Warnung deklariert und ins Regal gestellt. Handeln wäre nicht 130, sondern 80 km/h auf der Autobahn. Um dem Klimawandel zu begegnen, setzen die Politiker*innen lieber Ziele. Sie verhalten sich nicht zur Gegenwart, sondern nutzen die Abstraktion eines künftigen Zeitpunktes, an dem etwas erreicht sein soll. Vorsätze zu fassen, vermag aber nur Süchtige im Moment zu beruhigen und zu helfen, die Notwendigkeit des Entzugs bzw. der großen Veränderungen der Lebensweise zu verdrängen.
Ich. Ich. Und ich.
Ein erfolgreiches Kulturmodell hat in seinem Kern die Sicherung des Fortbestehens der Gattung. Zu denken, dass die rasant auf uns zukommende künstliche Intelligenz, die Macht über den Menschen ergreift, um ihn vor dem selbstverschuldeten Untergang durch die Klimakatastrophe zu bewahren, halte ich für reichlich naiv. Wir kommen nicht umhin, den Verzicht auf Konsum und den Ausstieg aus der Sucht als Gewinn für alle zu entdecken. Es scheint mir offensichtlich, dass die zweifelsfrei wichtige Phase der Individualisierung vorbei ist und wir das spätmoderne Subjekt, nach einer langen Phase der Befreiung aus gesellschaftlichen Zwängen, Traditionen und Moral, in eine Balance mit der sinnstiftenden und verbindenden Aufgabe bringen müssen, wie wir unser Sein in Einklang mit dem Planeten bringen und was uns letztlich Glück erfahren lässt. Dies wird nur durch soziale Interaktion gelingen. Das Theater ist ein Ort der Begegnung mit allen und allem Möglichen – immer wieder ein leeres Blatt. Es ist ein Raum der Vereinbarung und Aushandlung und stellt stets die Frage, wie wir künftig zusammenleben wollen.
Das Theater kann nur Fragen stellen, die Antworten liegen bei uns allen. Ich und mein Team laden Sie herzlich ein, zu fragen, zu staunen, zu träumen.
Ihr
Erich Sidler