»Annette, ein Heldinnenepos«
Von Anne Weber
In einer Bühnenfassung des Deutschen Theater Göttingen
Premiere 3. Oktober 2026
Mit Adrian Grünewald, Stella Maria Köb, Nikolaus Kühn, Moritz Schulze, Judith Strößenreuter, Andrea Strube, Charlotte Wollrad
Regie Ebru Tartıcı Borchers
Bühne, Kostüme Sam Beklik
Musik Dani Catalán
Dramaturgie Theresa Leopold
Regieassistenz Julia Arthofer
Soufflage Carolin Kahnt
Inspizienz Bénédicte Gourrin
Regiehospitanz Anna Karstens
Technische Leitung Marcus Weide / Produktionsleitung Lisa Hartling / Technische Einrichtung Thomas Tessenow / Beleuchtung Michael Lebensieg / Tontechnik Julian Wedekind (Leitung), Frank Polomsky (Einrichtung) / Maske Frauke Schrader (Leitung), Marlene Steinmann (Einrichtung), Theresa Schrepf (Einrichtung) / Requisite Sabine Jahn (Leitung), Patricia Opitz (Einrichtung) / Kostümausführung Ilka Kops (Leitung), Heidi Hampe, Stefanie Scholz / Malsaal Eike Hansen / Schlosserei Robin Senger / Dekoration Regina Nause, Axel Ristau / Tischlerei Maren Blunk
Aufführungsdauer Ca. 2 Stunden, 30 Minuten, eine Pause
Aufführungsrechte Der Roman »Annette, ein Heldinnenepos« von Anne Weber ist im Verlag MSB Matthes & Seitz Berlin erschienen. Aufführungsrechte beim Verlag.
Probenfotos Kerstin Schomburg
Bild- und Tonaufnahmen sind während der Vorstellung nicht gestattet.

Kleines Glossar
Von Karoline Hoefer mit weiteren Ergänzungen

Ahmed Ben Bella Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er noch für Frankreich. Später organisierte er als einer der Köpfe der Nationalen Befreiungsfront FLN den algerischen Widerstand. Zwei Jahre nach Beginn des Krieges gegen die Kolonialmacht 1954 wurde Ben Bella gefasst und in ein französisches Gefängnis gesteckt. Ahmed Ben Bellas Rückkehr kurz nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 wurde zum Triumphzug. Bald zog er wieder die Fäden in der zerstrittenen FLN und wurde zum neuen Staatspräsidenten ernannt. Ben Bella wollte in Algerien einen arabischen Sozialismus. Doch es formierte sich Widerstand. In der Nacht zum 19. Juni 1965 kam es zum Putsch. Ben Bella wurde in seinem Schlafzimmer verhaftet und aller seiner Ämter enthoben.
„Algérien ist Frankreich“ („L’Algérie c’est la France”) bis 1999 mit Polizeigewalt aufrecht erhaltener „nationaler Konsens“ in Frankreich. Ebenso sprach man nur von „événements d’Algérie“ (den alger. Ereignissen); das Wort „Krieg“ („guerre d’Algérie“) war tabu. Erst mit dem Gesetz vom 18. Oktober 1999 wurde die Bezeichnung „Algerienkrieg“ offiziell.
Annes Auto Journalist Hans Woller beschreibt Beaumanoir bis ins hohe Alter als „passionierte Autofahrerin, die ihren Fiat Punto zielsicher, ohne Brille chauffierte“ und erzählt die Anekdote: „Sie war im Rahmen ihrer Arbeit in Algerien tausende Kilometer unterwegs. Als hohe Mitarbeiterin des Gesundheitsministeriums hatte sie einen Chauffeur. Doch Annette setzte sich regelmäßig selbst ans Steuer. Nur vor jedem Dorf musste sie kurz anhalten und die Plätze tauschen, worum sie der Chauffeur flehentlich gebeten hatte. Er hätte es nicht ertragen, gesehen zu werden, wie er sich von einer Frau chauffieren lässt.“
Atomtests in Algerien & im Pazifik 4 – 5 mal stärker als die Hiroshima-Bombe war die Atombombe, die 1960 in der algerischen Sahara oberirdisch gezündet wurde. Dieser erste Kernwaffentest Frankreichs hieß „Operation Blaue Wüstenspringmaus“. In den Verträgen von Èvian wurde neben der Unabhängigkeit Algeriens auch die Erlaubnis für die Atomstreitmacht des franz. Militärs festgeschrieben, weitere 5 Jahre Testeinrichtungen für Raketen und Kernwaffen in Algerien zu nutzen. – In Französisch-Polynesien führte Frankreich 1966 – 1996 fast 200 Atomwaffentests durch. Krebserkrankungen in diesen Regionen werden damit in Verbindung gebracht.
Der FLN Die Nationale Befreiungsfront (französisch Front de Libération Nationale) ist inzwischen eine algerische Partei, die aus der Befreiungsbewegung, dem Widerstand gegen die Kolonialmacht Frankreich in Tunesien und Algerien entstand.
Folter Im Zuge der „französischen Doktrin“ gab Jaques Massu, ein Mann Charles de Gaulles, der in der „Schlacht von Algier“ Oberbefehlshaber war, später die systemische Folter zu. Gefoltert wurde u.a. mit Strom, Wasser oder durch gezielte Vergewaltigungen.
Hotel Lutetia 5-Sterne-Hotel in Paris, erbaut 1910 im Jugendstil, benannt nach dem lat. Namen der Stadt. Während der dt. Besatzung im 2. Weltkrieg war es der Sitz der SS und dt. „Abwehr u. Gegenspionage“. Dort kam es zu schwerer Folter an Mitgliedern der Resistance durch die NS. Gegen Ende der Dritten Republik fanden dort Gegner des Hitler-Regimes zusammen („Lutetia-Kreis“). Nach dem 2. Weltkrieg diente es als Auffangstation und Obdach für Überlebende aus Konzentrationslagern. Der Prunk des Hotels, seine Historie und die ausgemergelten KZ-Überlebenden bilden einen verstörenden Kontrast. Charles de Gaulle war nur einer von vielen berühmten Gästen. 1955 – 2005 war es im Besitz der Champagner-Dynastie Taittinger.
Houari Boumédienne Mit bürgerlichem Namen Mohammed Boukharrouba, * 23. August 1927 in Guelma; † 27. Dezember 1978 in Algier) war ein algerischer Politiker und Staatschef von 1965 bis 1978. 1960 wurde er Stabschef der FLN in Marokko und Tunesien. 1965 stürzte er mit Unterstützung der Armee durch einen blutigen Putsch Ahmed Ben Bella und vereinigte in seiner Person das Amt des Regierungs- und des Staatschefs. Politisch vertrat er einen am Islam orientierten Sozialismus und verstärkte die Industrialisierung des Landes mit Hilfe der Erdöleinnahmen.
Jean-Marie Le Pen Auch der verurteilte Holocaustleugner und Gründer der rechten Partei „Front National“, Vater von Politikerin Marine Le Pen, spielte als Folterer eine Rolle im Algerienkrieg. Eigentlich wegen „Krampfadern“ und später durch seine Tätigkeit als Abgeordneter vom Militärdienst entbunden, war Le Pen 1957 freiwillig in der Fremdenlegion. Dass er in der „Folterwerkstatt Villa Sésini“ in Algier war und dort selbst folterte, ist durch Zeugen und Belege nachgewiesen. Le Pen hatte dort auch einen Dolch mit seinem eingravierten Namen verloren.
Mohamed Seghir Nekkache war ein algerischer Arzt. Er behandelte die Ärmsten kostenlos und stellte seine Praxis an Wochenenden zur Verfügung für jegliche gesundheitliche, soziale und kulturelle Aktivitäten. Bereits vor der Unabhängigkeit Algeriens arbeitete er sich an die Spitze der Gesundheitsdienste hoch und strebte an das Ausbildungsniveau des Gesundheitspersonals zu erhöhen und eine bessere Versorgung der Verwundeten zu gewährleisten. Mit der Unabhängigkeit des Landes wurde er zum Gesundheitsminister in der ersten algerischen Regierung ernannt. Er war es, der 1963 die Algerische Zentralapotheke und das Nationale Institut für öffentliche Gesundheit gründete. Nekkache stand dem Staatsstreich 1965 kritisch gegenüber und wurde daraufhin zunächst unter Hausarrest gestellt und später inhaftiert.
Operation Champagne So nannte General Jacques Massu die 10 Monate dauernde Militäroperation in Algerien, in der „Terror mit Terror“ vergolten wurde. Es heißt, er sei durch ein Werbeplakat für Champagner dort auf die Idee gekommen. Das mutet in einem armen Land, in dem 9/10 als Muslime keinen Alkohol trinken, absurd an.
„Die Schlacht von Algier“ („La battaglia di Algeri“) ist ein mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneter Spielfilm von 1966. (Regie: Gillo Pontecorvo). Nur drei Jahre nach der Unabhängigkeit drehte der ital. Regisseur 1965 seinen neorealistischen Schwarz-Weiß Film über die Schlacht um Algier. Vorlage war die 1962 erschienene Autobiografie des FLN-Führers Yacef Saadi. Gedreht wurde sowohl im Herzen der „Kasbah“, wo v.a. die muslimische Bevölkerung in kl. trad. Häusern lebte sowie im „Europa-Viertel“, das in der Architektur Paris glich. Die Dreharbeiten nutzte das Militär für einen realen Putsch! Wo zuerst Requisiten-Waffen, und Schauspielende waren, tauchten echte Soldaten mit scharfen Gewehren auf. Militärs fuhren mit Panzern in die Stadt: Oberst Boumédiène stürzte den ersten algerischen Präsidenten Ahmed Ben Bella. Anne Beaumanoir floh in ein Versteck.
Geborene Rebellin
Interview in »Der Freitag«
Anne Beaumanoir kämpfte gegen den Kolonialismus und den Faschismus. Die Auflehnung gegen Ungerechtigkeit war ihr in die Wiege gelegt

Ein kleiner, zerbrechlich wirkender Mensch war Anne Beaumanoir immer. Jetzt, mit 96, ist sie noch kleiner, wirkt fragiler denn je. Aber der Schein trog schon immer. Sie hat sich mehrfach mit höchstem Risiko politisch engagiert, drei Kinder bekommen, internationale wissenschaftliche Anerkennung als Neurophysiologin erworben. Beaumanoir lebt heute in ihrem bretonischen Heimatort Dinan und in Dieulefit, einer kleinen Gemeinde im Südosten Frankreichs, die im Zweiten Weltkrieg ein Zentrum der Flüchtlingshilfe war. Gerade ist Teil eins ihrer Autobiografie »Wir wollten das Leben ändern« auf Deutsch erschienen.
der Freitag: Frau Beaumanoir, wie oder besser warum sind Sie zur Rebellin geworden?
Anne Beaumanoir: Ich glaube, es fing damit an, dass ich unehelich geboren bin, gegen die herrschenden Sitten. Meine Eltern konnten erst heiraten, als ich eins war, weil mein Vater bei meiner Geburt nicht volljährig war. Sie stammten aus sehr unterschiedlichen sozialen Klassen. Mein Vater hat auf sein Erbe verzichtet, um seine Marthe ehelichen zu können. Mein Elternhaus war nonkonformistisch, atheistisch und so tolerant, dass Vater mit dem Priester befreundet war. Auch meine Großmutter, die mit uns lebte, hatte einen untrüglichen Sinn für Gerechtigkeit.
Aber nicht jeder mit so einem Elternhaus hat zur Résistance gefunden. Wie war das bei Ihnen?
Es gab nur eine Jugendorganisation, in der Mädchen und Jungen zusammenkamen – die kommunistische Jugendherbergsbewegung. Ihr trat ich 1939 bei. Das waren damals keine preiswerten Hotels, sondern Orte der Auseinandersetzung, der utopischen Parolen, die mich begeisterten. So kam ich, als der Krieg ausbrach – da war ich noch Gymnasiastin –, eben zur kommunistischen Résistance. Einer meiner Kontaktleute hatte mir den im Spanienkrieg spielenden Roman »Die Hoffnung« von André Malraux gegeben. Ich konnte es nicht erwarten, dass unsere Straßen zu denen Kanton-Chinas werden würden, die Malraux in »Die Eroberer« beschrieb. Ich bin übrigens der Überzeugung, dass man mit 16, 17 für die Revolution brennen muss. Man weiß ja noch nicht, dass erfolgreiche Revolutionen Bürokratie und Terror hervorbringen. Wer in diesem Alter nicht in irgendeiner Form revoltiert, riskiert, später eine affektive Behinderung zu entwickeln.
Kollidierte die Arbeit im Widerstand nicht mit der Ausbildung?
Für das Medizinstudium in Rennes, zu dem man mir riet, hatte ich kaum Motivation. Eigentlich wollte ich Trapezkünstlerin oder Akrobatin werden. Bei den ersten, nicht ungefährlichen Kurierdiensten machte ich die Erfahrung, dass ich während einer solchen Aktion fast angstfrei war. Die Angst war vorher oder auch hinterher zu spüren. Weil Mitglieder meiner Gruppe verhaftet worden waren, wurde ich zu einem Widerstandsnetz nach Paris geschickt. Dort war ich Vollzeitkämpferin. Ich musste vor allem Botengänge machen, lange Fußmärsche. Wir nutzten auch die Metro, aber die war viel gefährlicher. Es herrschten strenge konspirative Regeln. Man kannte jeweils nur zwei Mitkämpfer. Ständig wurden Decknamen und Adressen gewechselt. Persönliche Beziehungen und Aktionen auf eigene Faust waren verboten.
Und doch haben Sie dagegen verstoßen – und zwar mehrfach.
Ja, obwohl ich geschworen hatte, die Partei niemals in Gefahr zu bringen, ging ich mit meinem Kontaktmann »Roland«, einem aus Deutschland emigrierten »Halbjuden«, ein Liebesverhältnis ein. Wir kannten uns allerdings nur mit unseren Decknamen und erzählten uns auch nichts über unsere Aufgaben und Aktionen. Ich habe nie erfahren, wie er wirklich hieß.

Eine Rebellin in der Rebellion also. Sie nahmen auch an einer Rettungsaktion für Juden teil.
Das gehörte nicht zum Aufgabengebiet meiner Gruppe. Von Freunden meiner Eltern, bei denen ich mir Proviantpäckchen abholte, erfuhr ich, dass im 13. Arrondissement eine Razzia nach verborgenen Juden stattfinden sollte. Sie fragten mich, ob ich helfen könnte. Ich konnte nicht Nein sagen. Ich war mir sicher, dass meine Eltern die fünf Personen aufnehmen würden. Aber wie ich sie in Paris unterbringen und in die Bretagne bringen sollte, war mir unklar, als ich den Dachboden betrat, wo sich ein Vater mit der halbwüchsigen Tochter, dem halbwüchsigen Sohn und eine junge Mutter mit ihrem Baby versteckten. Ich sagte ihnen: »Ich bin die Résistance und will versuchen, euch zu retten, eine Razzia steht bevor.« Es entspann sich eine Diskussion auf Jiddisch. Ich hatte den Eindruck, dass man meinen Worten nicht traute. Nach einer Weile nahmen der Junge und das Mädchen ihre Mäntel und sagten, dass sie mitkämen. Die Mutter wollte das Baby nicht hergeben und bleiben. Der ältere Mann ebenfalls. Ich beschloss, Simone und Daniel in mein Quartier in der Banlieue zu bringen. Abstand haltend, liefen wir zur Metro. Erst dort sah ich, dass Simone den gelben Stern trug – und riss ihn ab. Die Ausgangssperre begann. Wir begegneten einem deutschen Soldaten auf dem Fahrrad, aber uns passierte nichts. Roland, der sich regelwidrig bei mir aufhielt, gelang es am nächsten Tag, das Baby doch abzuholen. Es hat eine Nacht bei uns verbracht, dann konnte es einem jüdischen Hilfswerk für Kinder übergeben werden, das es in die USA schmuggelte. Aber die junge Frau und der Vater sind deportiert und ermordet worden.
Und wie erging es den beiden Jugendlichen?
Simone und Daniel haben mit Hilfe meiner Eltern überlebt. Wir haben uns als Geschwister betrachtet. Ohne es mir zu sagen, haben sie sich später in Israel an Yad Vashem gewandt, worauf man meinen Eltern und mir den Titel >Gerechte unter den Völkern< verliehen hat. Auf der Medaille steht: »Wer einen Menschen rettet, rettet die Menschheit.« Das stimmt, bei der Zeremonie waren etliche Kinder und Enkel von Simone und Daniel. Die Aktion blieb unseren Vorgesetzten in der Résistance aber nicht verborgen, auch nicht die Beziehung zwischen Roland und mir. Zur Strafe wurden wir getrennt versetzt – ich nach Lyon, er nach Clermont-Ferrand. Er wurde dann in Riom verhaftet und in einen Deportationszug verfrachtet. Mit einem Kameraden konnte er fliehen. In der Auvergne wurden sie von einer französischen Miliz erschossen. Ich konnte es lange nicht fassen und habe nach der Befreiung gehofft, ihn wiederzufinden, als die Züge der Rückkehrer aus dem Osten eintrafen.
Was waren die Aufgaben in Lyon?
Ich wurde den Jungen Laizistischen Kombattanten zugeteilt, die offiziell keine Verbindung zu den Kommunisten hatten. Die aber gaben mir den Auftrag, mich als U-Boot in Leitungsfunktionen vorzuarbeiten. Das war nicht mehr Résistance, sondern Politik – und nicht von der edelsten Sorte. Manchmal zweifelte ich, von welcher Seite ich instrumentalisiert wurde. Der Untergrundkämpfer verschwindet in einem vollständigen Inkognito. Er entwickelt eine Schizophrenie. Die verheimlichte Seite der Existenz gilt mehr als die sozialen, beruflichen und familiären Aktivitäten, die aber doch irgendwie fortbestehen. Das konnte ich nie mehr abstreifen.
Aber Sie wurden erfolgreiche Medizinerin, gründeten eine Familie. Wie kam es zu Ihrem Engagement für die algerische Befreiungsfront?
1955 bin ich aus der KP ausgetreten, weil sie sich nicht richtig mit den stalinistischen Verbrechen auseinandersetzte und ich zu oft erlebt hatte, dass sie Menschen belügen, ruinieren und zerquetschen konnte. Sie hatte auch eine verfehlte Position in der Frage der Entkolonisierung. Weil Frankreich das Versprechen an die Algerier, ihnen für ihren Einsatz zur Befreiung Frankreichs bürgerliche Gleichberechtigung zu gewähren, nicht hielt, brach 1954 der Unabhängigkeitskrieg aus. Im März 1956 setzte die sozialistische Regierung Sondervollmachten für die Armee durch, die Folter erlaubten. Die Kommunisten, die sich eine neue Volksfront erhofften und die Algerier auf eine baldige gemeinsame sozialistische Zukunft vertrösteten, stimmten auch dafür. Es war für mich schrecklich, dass es die französische Linke war, die Folter genehmigte. Ich hatte schon zwei Jahre zuvor Kontakt zu einer Priestergruppe, die den Algeriern bei Geldsammlungen für die FLN half. Sie schickten auch illegale Algerier in das Krankenhaus, wo ich sie behandelte. Über Freunde kam ich in Verbindung zum Widerstandsnetz von Francis Jeanson, dem Geschäftsführer von Jean-Paul Sartres »Temps Modernes«, und wurde persönliche Assistentin des Leiters der FLN in Südfrankreich.

Obwohl Sie zwei Kinder hatten!
Das geschah mit Einverständnis und Hilfe meines Mannes. Er hat das alles übernommen. Ich habe sogar gratis für die FLN gearbeitet, weil wir genug Geld hatten.
Ihre illegale Tätigkeit wurde entdeckt, Sie wurden verhaftet.
Gefoltert wurde ich nicht. Aber die ersten drei Tage und Nächte, also während der Verhöre, durfte ich nicht schlafen. Der Vernehmer fragte, warum ich in der Résistance für und jetzt gegen mein Vaterland kämpfte. Ich sagte, dass mein Engagement nichts mit dem Vaterland zu tun hätte, sich aber auf die gleiche Überzeugung gründete: Ich könne nicht ertragen, wenn Menschen Menschen unterdrücken oder ein Land ein anderes. Ein Militärgericht verurteilte mich zu zehn Jahren Haft. Nach zwei Wochen merkte ich, dass ich schwanger war. Das Kind durfte ich unter Hausarrest zur Welt bringen. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um nach Tunis zu fliehen, wo die Exilregierung der FLN saß. Dort habe ich den von Frantz Fanon aufgebauten Neuropsychologischen Dienst für die Betreuung von Flüchtlingen und verwundeten Kämpfern übernommen.
Konnten Sie wieder Kontakte zu Ihrer Familie herstellen?
Mein Mann hat versucht, mit den Kindern nach Tunis nachzureisen. Aber sie wurden an der Grenze geschnappt, man nahm ihnen die Pässe weg. Die Kinder haben dann, in ihren Ferien, illegal die Grenze überschritten und mich besucht. Ein Sohn ist bei mir geblieben. Der hat mit dem Sohn von Fanon gespielt. Die sind noch befreundet.
Durften Sie zurück, als Algerien 1962 unabhängig wurde?
Nein, ich konnte 30 Jahre lang nicht zurück. Ich habe im Team des Gesundheitsministers Mohamed Seghir Nekkache beim Aufbau des neuen Gesundheitssystems geholfen. Ich habe sehr hart gearbeitet, 16 Stunden am Tag. Fast alle Mediziner waren nach Frankreich gegangen, jetzt kam ein Arzt oder auch nur ein Krankenpfleger auf 300.000 Menschen. Ich habe medizinische Kräfte ausgebildet und versucht, ein System der Geburtenregelung einzuführen. Nekkache wurde 1965, beim Putsch Houari Boumedienes gegen Ahmed Ben Bella, verhaftet. Ich konnte in die Schweiz fliehen. Dort hatte ich Glück. In Genf suchte man eine qualifizierte Neurophysiologin. Ich passte auf die Stelle und bekam daher leicht politisches Asyl.
Und wie gestalteten sich dann Ihre Beziehungen zu Algerien?
Ich konnte nicht mehr einreisen. Nur in den 80ern, als Chadli Benjedid regierte, durfte ich zwei Wochen in Algier Freunde besuchen. Als vor drei Jahren ein Film über mich gedreht wurde und der Regisseur mit mir auch in Algerien filmen wollte, bekam ich kein Visum. Bouteflika wollte nicht, dass ich komme. Ich habe ihn ja in meiner Zeit bei der FLN gut gekannt und weiß zu viel über ihn und wie er damals schon geklaut hat. Die jetzige Demokratiebewegung hat mich natürlich überrascht. Außer, dass man keine Diktatur mehr will, sieht man noch keine Richtung. Das ist aber typisch für die Jugend von heute. Die Jugendlichen in Algerien sind jetzt wie die jungen Leute in der ganzen Welt. Ich bin optimistisch. Das schließe ich auch aus den Berichten, die mir meine Freundin Salima Bouaziz jede Woche über die Demonstrationen schickt. Sie war für die Frauen der FLN in Frankreich verantwortlich, später meine Schülerin. Sie ist auch Neurophysiologin.
Frantz Fanon und sein Buch »Die Verdammten dieser Erde«
Aufruf zur Gewalt oder pointierte Analyse des Kolonialismus?
Frantz Fanons Hauptwerk »Die Verdammten dieser Erde« avancierte nach seinem Erscheinen 1961 zur Kampfschrift der antikolonialen Linken und wurde ab den 1990er-Jahren im Zusammenhang mit postkolonialen Theorien wiederentdeckt.

Das Buch schlug ein wie eine Bombe: Im Dezember 1961 erschien zunächst im linken Pariser Verlag Maspéro »Les damnés de la terre«, zu Deutsch: »Die Verdammten dieser Erde«. Der Text, halb sozialpsychologische Analyse des Kolonialismus, halb politische Kampfschrift, avancierte zu einem zentralen Erweckungstext der antikolonialen Linken in vielen Teilen der Welt. In den zehn Jahren nach seinem Erscheinen erlebte das Buch acht Auflagen in Frankreich, vier in den USA und drei in Großbritannien. In Deutschland erschien es 1966 zuerst im renommierten Suhrkamp Verlag, drei Jahre darauf in der seinerzeit weit verbreiteten und von einem progressiven Geist umwehten Reihe »rororo aktuell«.
Der Autor, Frantz Fanon, war, wie einer seiner Biografen schrieb, ein Mann »mit vielen Identitäten, vielen Talenten und vielen Betätigungen«. 1925 auf der von Frankreich kolonial beherrschten Karibikinsel Martinique geboren, meldete er sich 1944 freiwillig zur französischen Armee, um gegen das nationalsozialistische Deutschland zu kämpfen, und musste erleben, dass er als schwarzer Soldat von den weißen Franzosen nicht als ebenbürtig behandelt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Medizin und Philosophie in Frankreich und ging zu Beginn der 1950er-Jahre nach Algerien, wo er einige Jahre als Chefarzt in einer psychiatrischen Klinik arbeitete. Nach dem Ausbruch des algerischen Unabhängigkeitskrieges schloss er sich 1956 der Partei Front de Libération Nationale (FLN/Nationale Befreiungsfront) an, für die er zeitweilig als Gesandter unterwegs war. Die Unabhängigkeit Algeriens erlebte er jedoch nicht mehr. Nur drei Tage nach der Publikation von »Die Verdammten dieser Erde« starb er in einem Washingtoner Krankenhaus an Leukämie.
Die Verdammten dieser Erde: Mobilisierung und Warnung zugleich
Niemals zuvor waren der Prozess der Dekolonisation und die Aufgaben der sich konstituierenden >Dritten Welt< so radikal auf den Punkt gebracht worden. Das Ziel der >Dritten Welt<, so Fanon, »muss es sein, die Probleme zu lösen, die dieses Europa nicht hat lösen können … Also, meine Kampfgefährten, zahlen wir Europa nicht Tribut, indem wir Staaten, Institutionen und Gesellschaften gründen, die von ihm inspiriert sind. Die Menschheit erwartet etwas anderes von uns als diese fratzenhafte und obszöne Nachahmung … Für Europa, für uns selbst und für die Menschheit, Genossen, müssen wir eine neue Haut schaffen, ein neues Denken entwickeln, einen neuen Menschen auf die Beine stellen.«
Der nahende Tod mag den gleichsam existenzialistischen, mahnenden und gehetzten Ton des Buches, das als eine Art Vermächtnis an Afrika konzipiert ist, ein Stück weit erklären. Den Titel entlieh Fanon der »Internationalen«, dem Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung: »Wacht auf, Verdammte dieser Erde, …«. Die »Verdammten« waren nun jedoch nicht mehr die Arbeiter*innen Europas, sondern die unterdrückten Kolonisierten. Sie wollte Fanon mit seinem Buch mobilisieren und vor möglichen Fehlentwicklungen, vor Neokolonialismus und neuen Diktaturen warnen. Von den antikolonialen Parteien hielt er im Übrigen wenig. Ihre Aktivität erschöpfe sich, kritisierte er, »in einer Folge von philosophisch-politischen Abhandlungen über das Selbstbestimmungsrecht der Völker, über das Menschenrecht auf Würde und Brot und in der ununterbrochenen Beteuerung des Grundsatzes >Ein Mensch – eine Stimme<. Die nationalistischen politischen Parteien bestehen nie auf der Notwendigkeit der Kraftprobe, weil ihr Ziel eben nicht die radikale Umwälzung des Systems ist.« Die Arbeiterklasse war Fanon zufolge zu einer Arbeiteraristokratie geworden, die nur darauf aus war, die Privilegien der weißen Arbeiter*innen zu erlangen. Er argumentiert, dass allein die Bauern und Bäuerinnen sowie das Lumpenproletariat die wahren Freiheitskämpfer*innen seien; sie waren in seiner berühmten Formulierung die letzten, die die ersten sein würden.

Gewalt als Gegenmittel zum Kolonialismus
»Einen Europäer erschlagen, heißt zwei Fliegen auf einmal treffen … Was übrigbleibt, ist ein toter Mensch und ein freier Mensch.« Nicht zuletzt solche Aussagen haben die Lektüre von »Die Verdammten dieser Erde« als Gebrauchsanweisung für den bewaffneten Befreiungskampf begünstigt. Die Ironie liegt allerdings darin, dass dieser Satz gar nicht von Fanon selbst stammt, sondern aus dem Vorwort zum Buch. Autor der vor Zorn bebenden Zeilen war niemand Geringerer als Jean-Paul Sartre. Viele sind offenbar, wie der Essayist Lothar Baier einmal spöttisch bemerkte, über die Lektüre von Sartres Vorwort nie hinausgekommen und haben sich die dort vorgenommene rigorose Zuspitzung von Fanons Thesen zu Eigen gemacht. Dessen Argumentation war zwar kompromisslos, aber doch nuancenreicher und subtiler als in der Sartreschen Verkürzung. Gleichwohl lässt sich nicht leugnen, dass Fanon letztlich die Gewalt als einzig wirksames antikoloniales Gegenmittel propagierte. Vom Gedanken der Menschenwürde, wie er im Westen vertreten werde, distanzierte er sich hingegen explizit: »Von jenem idealen Menschen hat der Kolonisierte niemals gehört. Was er auf seinem Boden gesehen hat, ist, dass man ihn ungestraft festnehmen, schlagen, aushungern kann.« Der Glaube an Rechts- und Menschenrechtsversprechen war für ihn lediglich ein faules Arrangement mit den kolonialen Unterdrücker*innen.
Fanons Sicht von Gewalt als Gegeninstrument zur Kraft des Kolonialismus hat eine Reihe von anderen afrikanischen Intellektuellen inspiriert. Vor allem aber hat sie Intellektuelle im Westen angesprochen, die die Folgen dieser Gewalt nicht tragen mussten. Fanon zeichnete den Kolonialismus in diesem Zusammenhang als manichäische Welt: Einer der am häufigsten, auch im Film »Concerning Violence – Nine Scenes from the Anti-Imperialistic Self-Defence« (Schweden/USA/Dänemark/Finnland 2014, R: Göran Hugo Olsson) zitierten Sätze aus »Die Verdammten dieser Erde« lautet: »Die kolonisierte Welt ist eine zweigeteilte Welt.« Doch entgingen ihm die Ambivalenzen der kolonialen Ordnung, die Versuche und Möglichkeiten der Kolonisierten, sich mit den Einmischungen der Kolonialherren auseinanderzusetzen, sie gar für sich zu nutzen. Sicher, Fanons Kritik an den nur ihre eigenen Interessen verfolgenden Nationalisten*innen seiner Generation erwies sich als durchaus weitblickend. Gleichwohl lieferten seine Vorstellungen nicht selten die Legitimation für staatliche Projekte, die keineswegs jenen libertären Zielen dienten, die Fanon vorschwebten. Die Regierung Guineas etwa nahm Fanons Ansatz, nur die wahren Antikolonialisten*innen hätten Platz in der politischen Arena, zum Anlass, Gewerkschaften, Parteien und zivilgesellschaftliche Gruppen zu verbieten.
Fanons Analysen heute
In den 1980er-Jahren weitgehend vergessen, erlebt Fanon seither ein großes Comeback vor allem im Feld der postkolonialen Studien. Doch bis heute wird sein Werk häufig aus dem historischen Kontext gerissen und zugespitzt entweder auf eine Rechtfertigung der Gewalt oder als Vorläufer postkolonialer Theorien gedeutet. Die jüngere Rezeption weist im Übrigen Fanons 1952 publizierten Erstling »Schwarze Haut, weiße Masken« (»Peau noire, masques blancs«) immer größere Bedeutung zu und deutet das Buch zunehmend als einen dem Nachfolgewerk »Die Verdammten dieser Erde« ebenbürtigen Referenztext. In »Schwarze Haut, weiße Masken« entfaltet Fanon eine Körper und Sprache mit einbeziehende, differenzierende Phänomenologie des Rassismus, die in der Tat – trotz problematischer Aspekte –weiterhin bedenkenswert ist. Und er bietet in diesem Buch keineswegs überholte Perspektiven auf den Kolonialismus, der auf höchst problematischen >Werten< beruhe: »Wiewohl man im Namen der Intelligenz und der Philosophie die Gleichheit der Menschen verkündet, beschließt man in ihrem Namen auch ihre Ausrottung.«
Textnachweise: »Der Freitag«; Sabine Kebir; Ausgabe 30/2019
https://www.bpb.de/lernen/filmbildung/193512/frantz-fanon-und-sein-buch-die-verdammten-dieser-erde/; Andreas Eckert; 21.10.2014