Theater einBLICK

03.03.2026

Die Fass-Adé muss aufrechterhalten werden

Vincent Sartorius, Scharfer Blick / Kritiker*innenclub 2. März 2026
Der Revisor
Zum Stück

Ein Revisor kommt in die Stadt. Unerkannt soll er Geschäfte in einer Stadt auf wirtschaftliche Verstöße prüfen. Dumm nur, dass ausgerechnet die Postmeisterin (Judith Strößenreuter) das Briefgeheimnis nicht achtet und jeden Brief liest. Gerichtet von einer Freundin an die Bürgermeisterin wird von einem Revisor, der bald in die Stadt kommt, berichtet. Nachdem die Stadtgemeinschaft davon erfährt, sind alle in großer Bredouille. Was, wenn Korruption und Bestechung von Beamten ans Tageslicht kommt? Das muss verhindert werden! Die Bürgermeisterin (Rebecca Klingenberg) gibt den Auftrag, möglichst viele Baustellenzäune aufzubauen, damit alle Welt denkt, die Stadt arbeitet. Außerdem sollen an jedem Krankenbett in lateinischer Sprache die Krankheit und der Name der Patient*innen stehen. Der Richter (Florian Eppinger) soll Ordnung in seinem Gerichtsgebäude schaffen und der Schulinspektor (Nikolaus Kühn) soll die Lehrer besser überwachen, sodass keiner auf die Idee kommt, das zu machen, was er möchte. Sie sollen nicht aus ihrer gesellschaftlichen Norm ausbrechen. Die Stadtbewohner*innen versuchen, das Schlimmste zu verhindern und bestechen eine*r nach der*dem anderen den vermeintlichen Revisor, welcher dankbar jede ›Spende‹ annimmt und mit Geschenken überhäuft wird. Sie kämpfen alle um die Gunst dieses Revisors. Der Mann, der bis jetzt für den Revisor gehalten wurde, spielt das Spiel mit und verlobt sich sogar mit der Tochter (Tara Helena Weiß) der Bürgermeisterin. Chlestakow, der vermeintliche Revisor, verschwindet kurz darauf aus der Stadt und schreibt einen bitterbösen Brief an seinen Journalistenfreund, in dem er über jede*n Bewohner*in herzieht und deren Schwächen enthüllt.

Regisseurin Ulrike Arnold hat das Theaterstück von Nikolai Gogol aus dem Jahr 1835 in ihrer Inszenierung nach Deutschland in die heutige Zeit übertragen. Die Bühne (Lara Roßwag) besteht aus einer gewundenen Treppe und einem Fahrstuhl. An eine Wand außerhalb des Fahrstuhls werden die Schauspieler*innen projiziert, die sich im Fahrstuhl befinden. Das eröffnet eine spannende Ebene für die Inszenierung, wenn die Bühne leer ist. Zum Inventar auf der Bühne gehören auch zwei Sessel, die immer wieder hin und her transportiert werden, um neue Räume zu etablieren. Die Kostüme (Julia Ströder) sind der heutigen Zeit entsprechend modern. Allgemein dienen hier die Kostüme der Funktion. Acht Schauspieler*innen spielen 20 Rollen und wechseln ihre Kostüme im rasenden Tempo. Dabei hat die Kostümabteilung eine bewundernswerte Rolle inne. Die Bürgermeisterin trägt einen Anzug und eine blonde Perücke, was an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erinnert. Die Figuren im Stück hat Gogol im 19. Jahrhundert als scharfer Beobachter erschaffen, um der russischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. In grotesker Manier spielen die Schauspieler*innen mit der Angst, erwischt zu werden. Das Stück besitzt eine Allgemeingültigkeit, weil in jedem Staat mehr oder weniger viele wirtschaftliche Straftaten begangen werden. Durch den Bezug zu Deutschland – durch die Merkel-Raute der Bürgermeisterin oder deutsche Polizeiuniformen – fühlt man sich unweigerlich ertappt. Nur ganz wenige Hinweise auf Russland gibt es, wie zum Beispiel ein Samowar, ein Heißwasserbereiter für Tee.

Es ist eine durch und durch vergnügliche Inszenierung, die unheimlich zum Lachen anregt, weil man sich durch viel absurde Situationskomik ertappt fühlt. Eine Mechanik der Komik ist die von Requisiten auf der Bühne, indem beispielsweise immer mehr Bücher verteilt werden oder alle Stadtbewohner*innen die Bürgermeisterin mit vielen Blumen und Sekt beglückwünschen, weil sie die Schwiegermutter des vermeintlichen Revisors (Marco Matthes) wird und eine Karriere in Hauptstadt hinlegt. Als stilistisches Mittel werden Sätze dauernd zweimal hintereinander gesagt, was dazu dient, dem Gesagte Nachdruck zu verleihen. Ein weiterer Witz ist die Obrigkeitshörigkeit der Stadtbewohner*innen, die der vermeintliche Revisor ausnutzt, um Eindruck zu schinden. Die fröhliche Musik (Florian Rynkowski) untermalt während des gesamten Stückes die absurde Situationskomik. Das Publikum weiß schon sehr früh, dass es der falsche Revisor ist und sieht den Darstellenden beim eigenen Scheitern zu. Am Ende fragt die Bürgermeisterin das Publikum »Worüber lacht ihr?« und hält dem Publikum den Spiegel vor. In den Wirren von Bürokratie, überall Baustellen und Steuerskandale in Deutschland fühlt sich vermutlich das Publikum selbst gemeint.

Ein absurd grotesker Abend mit einem großartigen Ensemble ging vor ausverkauftem Hause mit tosendem Applaus zu Ende. Die Schauspieler*innen zeigten eine große Spielfreude und durch den satirischen und absurden Charakter des Stückes bleibt der Abend lange in Erinnerung.