Theater einBLICK

06.02.2026

Dramaturgie eines Diskurses

Felicitas Klingler, Scharfer Blick / Kritiker*innenclub 2. Februar 2026
Im Namen des Volkes
Zum Stück

Mit »Im Namen des Volkes« greift die Regisseurin Susanne Frieling einen der vielen gesellschaftspolitischen blinden Flecken auf: den Machtmissbrauch in deutschen Justizvollzugsanstalten – exemplarisch am 2024 bekannt gewordenen Fall der JVA Augsburg-Gablingen. Sie macht darauf aufmerksam, dass auch in Deutschland Menschenrechtsverletzungen und ausbeuterische Haftbedingungen Realität sind, und stellt sich damit gegen eine Haltung, die Missstände gern anderswo verortet, jedoch selten vor der eigenen Haustür sucht. Dieser gesellschaftspolitische Impuls ist notwendig – und wird noch immer zu selten gesetzt.

Formal verweigert sich das Stück einer klassischen Dramaturgie. Anstelle einer geschlossenen Handlung entsteht eine Collage aus Spielszenen, dokumentarischen Einschüben, Originaltonaufnahmen betroffener Gefangener sowie interaktiven Momenten mit dem Publikum. Charlotte Wollrad, Stella Maria Köb und Paul Trempnau treten unter ihren Klarnamen auf; es entsteht der Eindruck, sie hätten selbst recherchiert und brächten ihr persönliches politisches Engagement auf die Bühne. Die Produktion wirkt dadurch stellenweise eher wie eine öffentliche Diskussionsveranstaltung, die den Theaterraum als Resonanzraum nutzt.

Weniger gelungen finde ich eine Videosequenz mit Paul Trempnau, die dem Theaterpublikum einen Spiegel vorhalten soll: In der Anmutung des Checker Tobi sitzt er auf einer Parkbank und genießt demonstrativ ein Tofu-Sandwich, während er über die Thematik spricht. Man mag sich als Kulturbürger*in beim guten, saturierten Leben ertappt fühlen, während andernorts Menschen leiden. Doch die Szene bleibt problematisch. Ihre Kritik operiert mit dem Klischee eines bestimmten akademischen Milieus und lässt andere Gesellschaftsschichten unbehelligt. Damit verengt sie den gesellschaftlichen Adressatenkreis und gerät in Spannung zum Titel des Stücks, der mit dem Begriff des ›Volkes‹ einen umfassenderen Anspruch formuliert. So droht der intendierte Spiegel zur Karikatur einer einzelnen Gruppe zu werden.

Die von Chani Lehmann gewählte einheitliche Lederkleidung der Darsteller*innen – möglicherweise ein Verweis auf Macht, Dominanz oder sadistische Strukturen – erinnert daran, dass es sich um eine künstlerische Setzung handelt. Frieling gelingt so eine Inszenierung, die die Grenze zwischen Theater und Wirklichkeit verwischt. Besonders deutlich wird dies im Schluss: Wenn Bastian Dulisch aus dem Publikum heraus das Finale einleitet, erinnert der Abend eher an eine moderierte Talkrunde als an ein klassisches Theaterende. Das Stück entscheidet sich damit weniger für eine ästhetische Zuspitzung als für den offenen Diskurs – und überlässt es dem Publikum, die moralische Dringlichkeit in eigenes Denken und Handeln zu übersetzen.