Theater einBLICK
Eine Gondel aus der Puppenstube, die das blutige Finale einleitet
Rasant beginnt die Uraufführung des Stückes »Gewalt erben« von Lars Werner am Deutschen Theater Göttingen mit einer Erzählung von Stella Maria Köb, wie sie mit einem Schneemobil einen Berg hinabfährt. Köb gelingt es mit ihrer Erzählung, die Zuschauenden unmittelbar ins Geschehen hineinzuziehen, indem sie in den Zuschauendenköpfen die Bilder eines »möglichen Beginns eines Actionfilms« entstehen lässt.
So wird die Erzählung einer belasteten Familiengeschichte eingeleitet. Im Zentrum steht ein vermeintlich verfluchter, mit Brillanten besetzter Degen aus dem Zweiten Weltkrieg, für den Soldaten bereit waren, einander zu töten. Schließlich ist es ein Kind aus einer Gruppe von Beobachtenden, das den letzten Überlebenden ersticht, um selbst in den Besitz der Waffe zu gelangen. Im Zuge der deutschen Teilung werden die Kinder voneinander getrennt; der Degen wird zunächst in den Westen geschmuggelt, später jedoch an den ostdeutschen Teil der Familie ›weitervererbt‹. Hier setzt das Stück ein: Eine Kernfamilie versammelt sich auf einer Skihütte, um die verstorbene Mutter, Groß- und Schwiegermutter zu verabschieden. Diese hat verfügt, dass der Degen an jene Person gehen soll, der es gelingt, aus ihm noch Gewinn zu schlagen. Und setzt sich das blutige Erbe fort …
Das Stück wird in drei Strängen entfaltet:
- Das Bühnengeschehen selbst wird maßgeblich von der Präsenz der Schauspieler*innen getragen und führt die familiäre Eskalation eindrücklich vor Augen. Besonders hervor sticht Leonard Wilhelm in seiner Rolle als manipulativer Sohn, der zunächst alles unter Kontrolle zu haben scheint. Letztlich wird er jedoch zum Opfer seiner völlig überdrehten Mutter – eine Figur, die Andrea Strube sehr glaubwürdig und authentisch auf die Bühne bringt. Auch Gerd Zinck als versagender Vater und bereits gehörnter Ehemann sowie Moritz Schulz als zweiter Sohn, der das Leben ›nur‹ genießt, tragen ihren Teil zur Zuspitzung der Familientragödie bei. Komplettiert wird die zerrüttete Familie durch die Tochter, gespielt von Nathalie Thiede, die sich mit ihrer Berufswahl bewusst gegen die Familie stellt.
- Hinzu kommen Rückblenden, die mittels minimalistischen, verwackelten, teils verschwommenen Videoaufnahmen umgesetzt werden. Die dort aufgezeichneten Stimmen lassen das historische Geschehen nur erahnen. Damit wird bewusst Raum für die Vorstellungskraft des Publikums gelassen.
- Und schließlich Köb, die immer wieder abseits der Bühne als scheinbar außenstehende Beobachterin, aber auch Schwiegertochter ihre eigene Rolle kommentiert. Erst am Ende entpuppt sie sich als zentrale Figur, die das Schicksal der Familie maßgeblich bestimmt.
Besonders eindrucksvoll ist dabei das Bühnenbild von Ken Chinea: Eine rustikale Holzmauer, hinter deren erdrückenden, biederen Fassade das scheinbar heile Familienbild langsam zerbricht. Dazu kontrastierend die sanft beleuchtete Minigondel, die im Hintergrund auf- und abgleitet und eine fast märchenhafte, puppenstubenartige Atmosphäre erzeugt – als müsste ein gutes Ende garantiert sein. Dabei ist es genau diese Gondelabfahrt, die das blutige Finale einleitet. Auch die Kostüme, ebenfalls von Chinea gestaltet, greifen diese Ambivalenz auf: Die weiße Wäsche und die übergroßen, fast kindlich wirkenden Hausschuhe signalisieren Unschuld und Naivität und stehen damit in scharfem Gegensatz zum blutigen Ausgang der Handlung.
So erzeugen Bühnenbild und Kostüme eine kaum auszuhaltende Spannung zwischen äußerer Idylle und familiärer Eskalation. Der Regisseur Michael Lethmathe und die Dramaturgin Theresa Leopold erreichen mit der Diskrepanz zwischen ästhetischer Unschuld und inhaltlicher Brutalität größte Wirkung des Stücks.
