Theater einBLICK
Es läuft alles wie geschmiert
Helle Aufregung bei den Verantwortlichen der kleinen Stadt. Ein Revisor aus der Hauptstadt kommt – inkognito – um die Funktion der Behörde auf Ordnungsmäßigkeit zu prüfen. Diese Nachricht bleibt nicht geheim. Das Problem: Alle hier haben Dreck am Stecken.
Die Komödie »Der Revisor« von Nikolai Gogol aus dem Jahr 1835 wird in der Regie von Ulrike Arnold schwungvoll und auf höchst vergnügliche Weise in die Gegenwart fortgeschrieben. Im Zentrum der Bühne (Lara Roßwag) befindet sich ein betongrauer Treppenaufgang nebst Fahrstuhltür, durch die – nach dem obligatorischen »Ping« – die Ensemblemitglieder, teils in immer wieder neuen Rollen und Kostümen (Julia Stöder), die Bühne betreten. Als vermeintlicher Revisor wird der unlängst angereiste Iwan Chlestakow ausgemacht und unter Führung der korrupten Bürgermeisterin (resolut und gewissenlos von Rebecca Klingenberg gespielt) wird sofort begonnen, diesen mit den üblichen Mitteln für sich zu gewinnen. Und alle spielen mit. Der hilflos devote, aber immer einem Kartenspiel aufgeschlossene Schulinspektor (Nikolaus Kühn), der überhebliche Richter (Florian Eppinger), die gewissenlose Direktorin der Krankenhäuser, die Postmeisterin, die Geschäftsleute und die Polizei.
Iwan Chlestakow (zuerst überrascht, zweifelnd und im Verlauf zunehmend skrupellos gespielt von Marco Matthes) findet Gefallen an den scheinbar freundlichen Menschen im Ort, kann sich jedoch bald vor unterwürfigen Schmeicheleien (»habe die Ehre …«) und Geschenken (»Nur als Darlehen, ich zahle es zurück, wenn ich wieder flüssig bin.« Antwort: »Das ist völlig überflüssig.«) nicht mehr retten.
Währenddessen wird untereinander eifrig denunziert und sich wichtig gemacht. Frau Dobtschinskij und Frau Bobtschinskij (Judith Strößenreuter und Gaby Dey) sind hier ganz vorne mit dabei und bei der Polizei wird Vorformuliertes für den Revisor eingeübt: »Ich bin sehr zufrieden und die Kirche ist leider abgebrannt.« Dann verliebt sich auch noch die Tochter (Tara Helena Weiß) der Bürgermeisterin und der selbstverliebte, leider untalentierte Gatte (Gabriel von Berlepsch) der Bürgermeisterin in den vermeintlichen Revisor. Die Bürgermeisterin sieht sich aufgrund der lukrativen Verbindung schon am neuen Ziel ihrer Karriereträume als Staatssekretärin in der Hauptstadt.
Schein und Sein. So viel sei verraten, am Ende kommt es anders.
Das temporeiche Stück beinhaltet eine von der Spielfreude des gesamten Ensembles und der Musik getragenen und begleiteten Fülle von komischen bis fast grotesk überzeichnete Szenen und Details, Anspielungen, Wortakrobatik und Körpersprache: Behäbige Businesskleidung, fahle Gesichter, gestelztes Auftreten. Ein Präsentkorb. Bargeld. Ein Geschäftsmann ohne Hose. Immer mehr Geld in der Sofaritze. Schmeicheleien, Drohungen. Die Bürgermeister*innenkette, die sich nach ausschweifender Umarmung plötzlich an Iwan Chlestakows Hals befindet. Die gesamten Honoratioren untergehakt auf Rollschuhen, um Gleichgewicht und Kontrolle ringend. Treppenstürze der Bürgermeisterin. Polizei, die weiße Fähnchen schwenkt … und den Wagen vorfährt (frei nach TV-Kommissar Derrick). Und immer fährt der Fahrstuhl (dessen Inneres als Projektion außen zu sehen ist) auf und ab – und mit ihm die Beteiligten.
Zum Ende der Aufführung wendet sich die Bürgermeisterin herausfordernd an das Publikum:
»Worüber lacht ihr? Über euch selbst !!«
Dieser Abend kommt in Gestalt einer schwungvollen Komödie daher, dahinter jedoch stehen Themen, die auch nach fast 200 Jahre nichts an Aktualität und Dramatik verloren haben: Machtmissbrauch, Korruption, Opportunismus, Verdrängung. Das Premierenpublikum spendet reichlich Applaus, zu Recht.
