Theater einBLICK
Familiengeschichte(n) – Bürde der Vergangenheit oder Summe unserer Teile?
Du setzt dich auf deinen Platz, Reihe 5 ganz rechts, und willst es dir für einen entspannten Theaterabend gemütlich machen – doch plötzlich bist du mitten in einer Berghütte. Direkt vor dir ist eine Treppe zu einem Podest, Felle laden zum Verweilen ein, Champagner steht bereit. Die Urne der toten Großmutter thront wie ein Mahnmal auf dem Regalbrett an der Hüttenwand. Die rustikalen Bretter trennen dich von der schroffen Bergwelt draußen. Es fühlt sich an wie ein ›Hüttenzauber‹. Dann geht das Licht aus …
Dalila (Stella Maria Köb) holt dich mit eindringlicher Stimme in die Wirklichkeit. Sie malt mit Worten eine Atmosphäre aus Düsternis und Verrat. Sie gibt dir einen ersten Blick darauf, wie der Abend enden wird. Als dann Julian (Leonard Wilhelm), seine Mutter (Andrea Strube), seine Geschwister (Nathalie Thiede, Moritz Schulze) und seinen Vater (Gerd Zinck) zur Trauerfeier der verstorbenen Großmutter im engsten Familienkreis begrüßt, schwingt bei allem Humor der theatralisch inszenierten Auftritte der Familienmitglieder in dir auch immer ein bitterer Beigeschmack mit. In der Diskussion darüber, wie die Beerdigung erfolgen soll, werden mit jedem Tropfen Alkohol, der fließt, und mit jeder Hülle, die fällt, Verletzungen und Verborgenes jeder*s Einzelnen erkennbar und Familiengeheimnisse – von Affären bis hin zu einer geheimen Schwangerschaft – offenbart. Du befindest dich in einem ständigen Auf und Ab aus Erheiterung, Überraschung, Anspannung, Mitgefühl und Abneigung. Eingespielte Videosequenzen nehmen dich mit auf eine Reise in die Vergangenheit – in Zeiten von Krieg und Frieden, Ost und West – und geben dir die Möglichkeit, die Familie über Jahrzehnte zu begleiten, tief in ihre Geschichte einzutauchen und aktuelle Entwicklungen auf der Bühne in einem neuen Licht zu sehen. Als dann ein kurfürstlicher Gardedegen als prunkvolles Erbstück und gleichzeitig verbindendes Familienelement über Generationen zu Tage tritt, wird das tatsächliche Erbe der Familie erkennbar. Im großen Showdown liegen alle Geschehnisse, Konflikte und Schicksale offen und es wird klar, dass es für kein Familienmitglied ein Entkommen (aus der eigenen Geschichte) gibt.
»Die Hütte singt ein Klagelied. Doch wen betrauert sie?«
Hol also lieber noch einmal tief Luft, wenn du dich in deinen Theatersessel sinken lässt. In den nächsten 90 Minuten wird sie dir garantiert das ein oder andere Mal wegbleiben.
Dem Regisseur Michael Lethmathe gelingt es, verschiedenn Ebenen und Handlungsstränge einer Familiengeschichte über Jahrzehnte hinweg als eine komplexe Einheit zu präsentieren, die sich nach und nach entblättert und so das Publikum auf eine besonders atmosphärische Reise mitzunehmen. Dabei lässt er gekonnt unterschiedliche Erzählweisen ineinanderfließen, die das Publikum immer wieder auf neue Art gefangen und direkt mit in die Handlung nehmen.
Ken Chinea holt mit seinem Bühnenbild direkt aus den Alpen auf besondere Weise das Gefühl von Vertrautheit und Familie verbunden mit Düsternis und Bedrohung auf die Vorbühne des Theatersaals. Er schafft Raum für alle Ebenen der Familiengeschichte und paart dies mit besonderen Überraschungsmomenten, welche die humorvollen Stückelemente und die Situationskomik gekonnt untermalen. Seine Kostüme verdeutlichen im Verlauf der Geschichte durch einen ›Lingerie- Look‹ gekonnt die Vertrautheit innerhalb der Familie und die Verletzlichkeit jedes Charakters.
In der perfekt konstruierten Familienwelt bewegt sich das Ensemble feinfühlig zwischen Humor und Tiefgründigkeit und lässt alle Emotionen, Verletzungen und Zerrissenheit der Charaktere sichtbar werden, sodass ein intensives Erlebnis über die Theaterbühne hinaus entsteht. Dabei agieren die Schauspieler*innen sowohl als einzelnen Charakteren wie auch im Zusammenspiel als Familie überaus authentisch und in jedem Moment so pointiert, dass man manchmal meint seinem eigenen Familiendrama zuschauen zu können.
