Theater einBLICK
»Let’s Do the Time Warp Again« – Glamour, Verführung und ein Publikum außer Rand und Band
Noch bevor das Saallicht im Deutschen Theater Göttingen vollständig erlischt, liegt diese besondere, leicht aufgeregte Unruhe im Raum. Einige Zuschauer*innen kichern, andere rascheln neugierig in kleinen schwarzen Tüten, aus den hinteren Reihen hört man bereits erste Songzeilen. Schnell wird klar: Dieser Abend mit »The Rocky Horror Show« wird kein stilles Zurücklehnen im Theatersessel – er wird ein gemeinsames Spektakel.
Als sich der Blick auf die Bühne von Valentina Pino Reyes öffnet, entfaltet sich eine Welt, die irgendwo zwischen Science-Fiction, schillerndem Nachtclub und überdrehtem Gruselkabinett angesiedelt ist. Das Bühnenbild ist aufwendig gestaltet und voller überraschender Details: fließende, tropfende Formen ziehen sich durch das Szenario, als wäre die Architektur selbst in Bewegung geraten. Glänzende, bunte Kostüme – glitzernd und herrlich provokant von Elena Kreuzberger gestaltet – sowie scharfe Lichtkanten und Schatten lassen den Raum immer wieder neu erscheinen: mal geheimnisvoll, mal ironisch überzeichnet, mal geradezu opulent.
Im Zentrum dieses schrägen Universums steht Moritz Schulze als Frank – und er trägt diesen Abend mit beeindruckender Selbstverständlichkeit. Mit elektrisierendem Spiel, einer überzeugenden, kraftvollen Stimme und sichtbarer Freude an der exzentrischen Figur zieht er das Publikum sofort in seinen Bann. Schulze bewegt sich mit großer Bühnenpräsenz durch die Szenen, spielt mit verführerischen Gesten, Blicken und Pausen, als würde er das Publikum jederzeit direkt in seine Welt hineinziehen wollen. Jeder seiner Auftritte wirkt wie ein kleines Ereignis.
Doch auch abseits der Hauptfigur lebt diese Inszenierung von ihrer Energie. Das Ensemble trägt den Abend mit großer Spielfreude und sichtbarer Lust am überdrehten Spiel. In ständigem Wechsel zwischen ironischer Distanz, überzeichnetem Horror und ausgelassener Musicalnummer entsteht eine Dynamik, die die Bühne nie zur Ruhe kommen lässt.
Besonders die Live-Musiker unter der musikalischen Leitung von Michael Frei sorgen für eine Atmosphäre, die eher an eine Konzertshow als an einen klassischen Theaterabend erinnert. In typischen Rocky-Horror–Kostümen sind sie nicht einfach im Hintergrund verborgen, sondern werden selbst Teil des Geschehens. Sie treten hervor, reagieren auf das Spiel auf der Bühne und treiben mit ihrem kraftvollen Sound die Show immer weiter voran.
Und das Publikum? Macht begeistert mit. Viele Besucher*innen haben sich vor der Vorstellung die schwarzen ›Goodie Bags‹ besorgt – kleine Mitmach-Pakete, die während des Abends an unterschiedlichen Stellen zum Einsatz kommen. Immer wieder wird geworfen, geklatscht, gerufen, gelacht. Besonders bei den großen Musiknummern verwandelt sich der Saal in eine einzige ausgelassene Feier: Es wird mitgesungen, mitgetanzt, gejohlt und das Ensemble lautstark angefeuert. Die berühmten Showeinlagen werden mit sichtbarer Begeisterung aufgenommen – und die Energie schwappt mühelos zwischen Bühne und Zuschauerraum hin und her. Gerade diese Mischung aus bewusst überdrehter Theatralik, musikalischer Wucht und spielerischer Publikumsbeteiligung macht den Reiz von Moritz Franz Beichls Inszenierung aus. Man spürt, dass hier nicht nur ein Kultstück aufgeführt wird – es wird gemeinsam gefeiert.
Als sich der Abend schließlich dem Ende nähert und der Applaus durch den Saal rollt, wirkt das Publikum fast ein wenig aufgekratzt vor guter Laune. Und während draußen die kalte Göttinger Spätfebruarnacht wieder ruhig und gewöhnlich erscheint, bleibt im Inneren noch lange dieses Gefühl eines elektrisierenden Theaterabends zurück.
Ein Abend voller Glamour, Humor und hemmungsloser Spielfreude – und einer, der mit einem breiten Grinsen nachhallt. Unbedingt anschauen und mitmachen.
