Theater einBLICK
Liebes Göttinger Publikum: Da geht noch mehr!
Seit 53 Jahren ist das Musical »Rocky Horror Show« von Richard O’Brien ein vielfach gefeiertes Kultstück. Das Travestie-Science-Fiction-Musical richtet sich gegen Biederkeit und gesellschaftliche Konventionen und feiert zugleich sexuelle Freiheit und Queerness. Im Zentrum stehen drei Figuren: das verlobte Paar Brad und Janet, das nach einer Autopanne im abgelegenen Schloss von Frank’N‘Furter nach einem Telefon sucht, sowie der egozentrische und selbstverliebte Frank’N‘Furter selbst, der damit experimentiert, sich eine Kreatur ganz nach seinen eigenen sexuellen Vorstellungen zu erschaffen. Ganz nebenbei gelingt es ihm auch, den unerfahrenen Brad und Janet zu verführen und sie in die Lust der Liebe einzuführen.
Seinen Charme bewahrt das Stück seit über fünf Jahrzehnten nicht nur durch seine zeitlose Botschaft, sondern auch durch zahlreiche Running Gags und interaktive Elemente. Es lädt das Publikum dazu ein, mit den Schauspieler*innen zu interagieren und selbst Teil der Inszenierung zu werden: Über die Biederkeit von Brad und Janet darf gespottet werden, Frank Furters Selbstgefälligkeit wird aufs Korn genommen, der Erzähler wird beschimpft, und auch Konfettiwürfe sowie das Mittanzen sind ausdrücklich erwünscht.
Dafür haben das Ensemble des Deutschen Theater und Regisseur Moritz Franz Beichl ganze Arbeit geleistet: Moritz Schulze überzeugt mit einer fulminanten Bühnen- und Stimmenpräsenz als hochmütiger Frank Furter. Seine arrogante Maske lässt er schließlich beim Song »I’m Going Home« im zweiten Akt fallen – ein überwältigender Moment, in dem man als Zuschauer*in kaum noch zwischen Rolle und Darsteller unterscheiden kann. Nathalie Thiede und Leonard Wilhelm verkörpern das naive Paar Janet und Brad mit viel Humor und feinem Gespür. Gerd Zinck nimmt die Rolle des vermeintlich ›langweiligen‹ Erzählers selbstironisch an und hält souverän allen Schmähungen aus dem Publikum stand.
Die hochemotionale und zugleich lässige Schlossbewohnerin Columbia wird von Andrea Strube gespielt, die sich eine augenzwinkernde Anspielung auf eine romantische Szene aus Dirty Dancing nicht verkneifen kann. Das Geschwisterpaar Riff Raff und Magenta, dargestellt von Volker Muthmann und Jenny Weichert, überschreitet mit sichtlicher Spielfreude Tabus – von Inzest bis Kannibalismus. Julian Mantaj nutzt die Rolle des naiven Rocky für akrobatische Einlagen, während Michael Frei als Eddie kurzfristig die Band verlässt und musikalisch eindrucksvoll auf der Bühne präsent ist. Als Dr. Scott sorgt Ronny Thalmeyer im Rollstuhl und mit Strapsen für eine überraschende Pointe. Auch das übrige Ensemble trägt mit energiegeladenen Tanzeinlagen, choreografiert von Felicitas Madl, maßgeblich zur ausgelassenen Partystimmung bei.
Nicht nur schauspielerisch, auch gesanglich und musikalisch überzeugt die Inszenierung. Die von Michael Frei geleitete Band auf der Empore ist dabei der zentrale Motor des Abends und hat die große Schleife im Hintergrund wahrlich verdient. Insgesamt besticht das Bühnenbild von Valentina Pino Reyes durch Offenheit, Helligkeit und einen klaren Showcharakter, der die ausgelassene Stimmung unterstützt. Auch die Kostüme von Elena Kreuzberger greifen dies auf: Statt düsterer Ästhetik dominieren Glitzer, Glamour und Sex-Appeal – ganz im Sinne des politischen Statements, das Figuren wie Frank Furter und sein Team abgeben.
Zusammengefasst lädt das Deutsche Theater sein Publikum dazu ein, Konventionen und Begrenzungen hinter sich zu lassen und ganz im Sinne des Mottos »Don’t dream it, be it« zu feiern. Nun liegt es am Publikum, diese Einladung auch anzunehmen. Liebe Göttinger*innen: Da geht noch mehr!
