Theater einBLICK

05.05.2026

Wenn ich Techno anmache, dann verschwinden die Gespenster

Claus Lampe, Scharfer Blick / Kritiker*innenclub 29. April 2026
Altbau in zentraler Lage
Zum Stück

In »Altbau in zentraler Lage« von Raphaela Bardutzky aus dem Jahr 2024 werden ambitioniert die Themen Wohnungsnot, Gentrifizierung, Inklusion und Kapitalismuskritik verwoben. Herausgekommen ist ein Sozialdrama mit Gespensterelementen und Technobeats, eine »Schaueroper«, die von Daniel Foerster auf die Göttinger Bühne gebracht wird.

Ein Mietshaus von 1880 ist das Zuhause der jungen Zoey, die sich als Servicekraft in der Clubszene ihrer Stadt über Wasser hält, und ihrer tauben Nachbarin Trisha. Sie sind die letzten verbleibenden Mieterinnen des Wohnhaues, für das eine Kernsanierung geplant ist. Zoey wird parallel zu den Entmietungsschreiben – die sie ignoriert – durch die Geister ehemaliger BewohnerInnen bedrängt.

Das Theaterpublikum hat direkten Einblick in jeden Winkel von Zoeys Wohnung, die von Lydia Huller und Robert Sievert liebevoll gestaltet wurde. Zu Beginn des Stücks inspizieren die Gespenster der Wohnung ihrerseits jedoch erstmal das Publikum, um sich danach wie selbstverständlich zuhause zu fühlen und zu musizieren. Die Gespenster sind mit Florian Eppinger (souverän überheblich), Gerd Zinck (freundlich naiv), Ronny Thalmeyer (herzlich unbeholfen) , Marie Seiser (distanziert eiskalt) und Moritz Schulze (charmant irritierend) gut besetzt und werden von Rafael-Evitan Grombelka / Janos Giuranna harmonisch ergänzt, die als Gebärdendolmetscher agieren.

Zoey versucht, diese Gespenster mit hämmernden Technobeats zu vertreiben, stört aber mit den Vibrationen vor allem den Schlaf ihrer tauben Nachbarin Trisha. Beim folgenden Kennenlernen treffen Hören und Nicht- Hören aufeinander, die Verständigung der beiden Frauen ist ein Kernthema des Stücks. Sie schreiben sich Zettel, deren Inhalt für das Publikum über der Bühne eingeblendet wird. Zoey lernt erste Gebärden. Trisha wird von der gehörlosen Laura Levita Valyte gegeben, deren intensive und ruhige Präsenz überzeugt. Bei Gestik und Mimik meint man, die Spannung des Publikums förmlich zu spüren. Charlotte Wollrad als Zoey wirkt wir ein Gegenpol und lässt ihrer Verunsicherung, ihrer zunehmenden Verzweiflung und Wut überzeugend freien Lauf.

»Alles, was du dir wünschst, ist eine Tür, die du hinter dir zusperren kannst.«

Auch im weiteren Handlungsverlauf ist das Thema Wohnungsnot in Gegenwart und Geschichte durchgängig präsent und wird konsequent zu einem dramatischen Ende geführt. Der Hausmeister stürzt betrunken aus dem Fenster zu Tode. Nach einer Zwangsräumung wird Zoey obdachlos und stirbt dann bei einem Autounfall. Trisha hingegen ist ausgezogen und bei ihrer Schwester untergekommen. Nach Jahren besucht sie den Ort Ihres ehemaligen Zuhauses – und spürt – bei aller Trauer – im Asphalt …… den Beat.

Insbesondere das Zusammenspiel und die Begegnung von hörenden und nicht hörenden Akteur*innen auf und vor der Bühne trägt auch über weniger starke Stellen im Handlungsablauf. Eindrucksvolle Bilder und Momente bleiben in Erinnerung.