Theater einBLICK

25.02.2026

Wir brauchen mehr Enthüller*innen

Andreas Arnemann, Scharfer Blick / Kritiker*innenclub 24.2.2026
Im Namen des Volkes
Zum Stück

Im Zentrum der Bühne ein flaches, quadratisches Podest, circa fünf mal fünf Meter, links und rechts davon jeweils eine schwarze Sitzbankreihe, wie man sie aus Wartebereichen gewohnt ist. Über dem Zentrum sieht man einen leuchtend blauen Himmel mit einigen Wolken. Darstellerin Stella Maria Köb begrüßt zunächst das Publikum, um anschließend mit den Kolleg*innen Charlotte Wollrad und Paul Trempnau über ihre Recherchen zu berichten und einige Fakten über Justizvollzugsanstalten zu präsentieren. Ganz sachlich werden auch Zahlen genannt und die räumlichen Aufteilungen sowie Strukturen in den Haftanstalten werden beschrieben. Dann wird dem Publikum fast gnadenlos und in beklemmender Weise vor Augen geführt, was sich hinter einer sauberen Fassade verbergen kann. Die menschenunwürdige Behandlung von Gefangenen in Justizvollzugsanstalten wird offenbart: In fast gnadenloser Weise werden Schilderungen eines misshandelten Gefangenen per Audio abgespielt, der die Hölle in einem besonders gesicherten Bereich erleben musste. Im Laufe der Inszenierung werden auf dem zentralen Bühnenboden die Grundrisse von Zellen aufgeklebt. Der kleine Bereich, der Menschen in Einzelzellen zur Verfügung steht, ähnelt den Bedingungen in der Massentierhaltung. Erschreckend anschaulich werden die Lebensumstände im Knast sichtbar gemacht. Morgens: Lebendkontrolle, Frühstück, verpflichtende Arbeitszeit, Pausen, Mittagessen, Abendbrot und sonstige Termine wie Sport oder der abendliche Einschluss in die Zelle sind genau festgelegt. Tagesstruktur mit festen Regeln unter den Augen von Aufseher*innen, die mit den lauten, fast mittelalterlichen Schlüsselbunden, Kerkermeistern gleichen und Regelbrüche der Gefangenen hart bestrafen. Die Unterbringung in Isolationshaft scheint der Hölle gleich und manch Häftling würde wohl lieber tot sein als unter diesen Bedingungen dahinzuvegetieren und weiterhin der Macht der herrschenden, einiger gnadenloser Justizvollzugsbeamt*innen ausgesetzt zu sein. Diese verhalten sich nach Aussagen der Anstaltsleitung, welche sehr stolz auf ihre Einrichtung ist, natürlich korrekt. Die Macht der Richter*innen wird dem Publikum chorisch in Form eines ›Richterbekenntnisses‹ übermittelt, welche im Namen des Volkes urteilen und so die Weichen in eine möglicherweise grundgesetzwidrige Unterbringung stellen können. Die Umsetzung durch die Schauspieler*innen als synchron sprechende Choreinheit ist beeindruckend und erschreckend zugleich.

Die Stückentwicklung der Regisseurin Susanne Frieling mit dem Ensemble und die Fragen von Bastian Dulisch zu Gerechtigkeit, Macht und Verhältnismäßigkeiten machen nachdenklich. Die drei Protagonist*innen haben ihre Recherche authentisch gespielt und die Ergebnisse in wechselnden Rollen dem Publikum sehr nah gebracht. Die Strukturen und Machtgewalt des deutschen Strafvollzuges wurden ungeschönt gezeigt, die schrecklichen Auswirkungen sind kaum zu glauben. Diese Aufführung deckt menschenunwürdige Zustände auf und ermutigt zum Haltung zeigen. Sie haben am Ende Gelegenheit, sich selbst zur Thematik zu positionieren und sich im Plenum über Gerechtigkeit und Demokratie auszutauschen, auch dieser Dialog ist, im Namen des Volkes, absolut erlebenswert.