»Der Revisor«

Komödie von Nikolai Gogol
Deutsch von Ulrike Zemme

Bürgermeisterin Rebecca Klingenberg
Anton, ihr Mann / Polizist / Geschäftsmann  Gabriel von Berlepsch
Marja, ihre Tochter / Buchhändlerin  Tara Helena Weiß
Schulinspektor / Polizist /Geschäftsmann Nikolaus Kühn
Richter / Kellner / Polizist /Geschäftsmann Florian Eppinger
Direktorin der Krankenhäuser und Pflegeheime für Sozialfälle / Frau Bobtschinskij / Polizistin Gaby Dey
Postmeisterin / Frau Dobtschinskij /Polizistin   Judith Strößenreuter
Chlestakow  Marco Matthes

 

Regie Ulrike Arnold

Bühne Lara Roßwag

Kostüme Julia Ströder

Musik  Florian Rynkowski

Dramaturgie Sonja Bachmann

Regieassistenz Justin-Silvan Middeke

Soufflage Gerald Liebenow

Inspizienz  Bénédicte Gourrin

Bühnenbildhospitanz Marie Ott

Kostümhospitanz Julie Vincent

 

Technische Leitung Marcus Weide / Produktions- und Werkstattleitung Lisa Hartling / Produktionsleitung (in Vertretung) Lars Werneke  /Assistenz der Technischen Leitung Henryk Streege / Technische Einrichtung Marco Wendt/ Beleuchtung Michael Lebensieg (Leitung, Einrichtung) / Tontechnik Julian Wedekind (Leitung, Einrichtung), Mathis Albrecht, Frank Polomsky (Einrichtung)/ Requisite Sabine Jahn (Leitung) /Daniela Niehaus (Einrichtung)/ Maske Frauke Schrader (Leitung)/ Mats Marcinkowski (Einrichtung), Charlen Middendorf-Tinney (Einrichtung)/ Kostümausführung Ilka Kops (Leitung), Heidi Hampe, Stefanie Scholz/ Malsaal Eike Hansen / Schlosserei Robin Senger, Jonas Jonas Hagenow / Dekoration Regina Nause, Axel Ristau / Tischlerei Maren Blunk

 

Aufführungsdauer 1 Stunde, 30 Minuten, keine Pause

Aufführungsrechte Rowohlt Theater Verlag, Hamburg

Probenfotos Thomas Müller

 

Bild- und Tonaufnahmen sind während der Vorstellung nicht gestattet.

Schimpf nicht auf den Spiegel, wenn deine Fratze verkommen ist.

Russisches Sprichwort

Nikolai Gogol: Der Revisor ist unser wach gewordenes Gewissen

 

Denken Sie sich einmal aufmerksam in die Stadt hinein, die in dem Stück dargestellt wird: ausnahmslos alle stimmen darin überein, daß es eine solche Stadt nicht gibt. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daß ausnahmslos alle Beamten eines Ortes solche Unholde wären; wenigstens zwei oder drei anständige pflegen darunter zu sein, hier aber ist nicht ein einziger. Mit einem Wort, solch eine Stadt gibt es nicht. Nicht wahr? Was aber, wenn es sich nun hier um unsere seelische Stadt handelt, und sie in jedem von uns steckt? (…) Dieser Revisor ist unser wach gewordenes Gewissen, das uns plötzlich auf einmal zwingt, uns selbst gründlich unter die Lupe zu nehmen. Vor diesem Revisor bleibt nichts verborgen, denn er ist auf allerhöchsten Willen gesandt, und die Kunde von ihm kommt uns erst dann zu Ohren, wenn wir schon keinen Schritt zurück mehr tun können. Plötzlich tut sich vor dir, ja eigentlich in dir ein derartiges Schreckensbild auf, daß dir vor Entsetzen die Haare zu Berge stehen. Besser ist es, die Revision von allem, was in uns ist, zu Beginn des Lebens vorzunehmen und nicht an seinem Ende. Begeben wir uns, statt daß wir uns nichtssagender, ichbezogener Salbaderei und Selbstbeweihräucherung hingeben, besser schon jetzt in unsere ungestalte seelische Stadt, die um vieles schlimmer ist als jede andere Stadt, in der unsere Leidenschaften wie die unholden Beamten ihr Unwesen treiben und den Schatz unserer eigenen Seele stehlen! Nehmen wir uns zu Beginn unseres Lebens einen Revisor und überprüfen wir mit ihm Hand in Hand alles, was in uns ist, und zwar einen wahren Revisor, keinen falschen! (…) Blicken Sie nicht mit den Augen Chlestakows, sondern mit denen des wahren Revisors auf sich! Ich schwöre, unsere seelische Stadt ist es wert, über sie nachzudenken, wie ein guter Herrscher über sein Reich denkt. Edel und streng, wie er aus seinem Land die Schädlinge vertreibt, laßt uns unsere seelischen Schädlinge vertreiben! Es gibt ein Mittel, es gibt eine Geißel, mit der man sie austreiben kann. Mit dem Lachen, meine lieben und guten Landsleute! Mit dem Lachen, das alle unsere niedrigen Leidenschaften so fürchten! Mit dem Lachen, das geschaffen wurde, um über alles zu lachen, was die wahre Schönheit des Menschen besudelt. Geben wir dem Lachen seine echte Bedeutung wieder! Nehmen wir es denen fort, die es in den leichtfertigen weltmännischen Spott über alles und jedes, ob gut oder böse verwandelt haben. Lassen Sie uns in genau derselben Weise, in der wir über die Schlechtigkeit eines anderen Menschen gelacht haben, großzügig über die eigene Schlechtigkeit lachen, die wir in uns selbst aufspüren!

 

 

aus: Nikolai Gogol: Schlüssel zum Verständnis des »Revisor«, in: Angela Martini (Hg.): Nikolai Gogol. Gesammelte Werke, Bd. 3 (Dramen), Stuttgart 1985

Katja Guttmann: Korruption weltweit auf dem Vormarsch

 

Korruption nimmt laut der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International weltweit zu. Deutschland ist in einem jährlichen Korruptionsranking auf Platz zehn geklettert. Es konnte sich um zwei Punkte auf 77 Zähler verbessern und wieder in die Top Ten vorstoßen. Damit sei es im Vergleich zum Vorjahr um fünf Ränge aufgestiegen, dies erkläre sich in erster Linie aber aus dem Abstieg anderer Länder wie Australien, Irland oder Uruguay, wie die Organisation in Berlin mitteilte. Weltweit nehme Korruption mit dem Erstarken von Rechtsnationalen und Populisten zu.

Deutschland ist zwar das einzige Land in den Top Ten, das sich verbessern konnte. Damit sollte sich die Bundesrepublik allerdings nicht zufriedengeben, sagte Margarete Bause, stellvertretende Vorsitzende von Transparency Deutschland. Vor zehn Jahren erreichte Deutschland noch 81 Punkte: »Das Ziel sollte sein, dass Deutschland in die Top fünf aufsteigt.«

 

Der Korruptionswahrnehmungsindex (CPI) basiert auf Einschätzungen zur Korruption im öffentlichen Sektor, die von Experten aus internationalen Institutionen und Forschungsgruppen abgegeben werden. Die Skala reicht von null Punkten – als sehr korrupt wahrgenommen – bis zu 100 Punkten für völlige Korruptionsfreiheit. Er umfasst 182 Staaten und Gebiete. Zum achten Mal infolge erreicht Dänemark den Spitzenplatz. Die letzten Plätze belegen Südsudan und Somalia. Der globale Durchschnitt habe den tiefsten Wert seit mehr als zehn Jahren, erreicht (42 Punkte).

 

Deutliche Rückschritte seien auch in Demokratien zu verzeichnen. »In Ländern, in denen Rechtsextreme und populistische Parteien an die Macht gekommen sind, werden Schutzmechanismen gegen Korruption meist massiv abgebaut«, sagte Alexandra Herzog, Vorsitzende von Transparency International Deutschland. Auch Deutschland betrachtet die Organisation mit Skepsis. Herzog warnte vor einem Rückbau von Maßnahmen gegen Korruption im Zuge der von der Bundesregierung vorangetriebenen Entbürokratisierung und Beschleunigung von Verfahren: »Gerade in Anbetracht der neuen Sondervermögen brauchen wir eigentlich mehr Kontrolle und nicht weniger.«

 

aus: Süddeutsche Zeitung vom 11. Februar 2026

Hans Leyendecker: Die geschmierte Republik

 

Jedes Jahr präsentiert das Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA) ein »Lagebild Korruption«. In den Vorbemerkungen steht meist, dass »exakte Aussagen« zur Lage gerade nicht gemacht werden können. Denn erstens bekommt das BKA nicht alle Daten der Justiz, zweitens ist Korruption ein typisches Delikt aus dem Bereich der so genannten Kontrollkriminalität. Das heißt: Wo nicht kontrolliert wird, fällt sie in der Regel auch nicht auf. Die oberste Polizeibehörde jedenfalls geht von einem »Dunkelfeld in beachtlicher Größe« aus. Andererseits gilt: Wo gegraben wird, wird auch gefunden. Überall, wo sich Staatsanwaltschaften oder Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften ernsthaft um die Aufdeckung von Korruptionsfällen bemühen, stoßen sie auf »situative Korruption«, wie die Kriminologen spontane Abzockereien umschreiben. Damit sind Vorgänge gemeint wie dieser:

Im hessischen Hanau fiel eine CDU-Oberbürgermeisterin auf, die sich im Spätherbst 2002 von ihrem Chauffeur zu einer kosmetischen Operation in eine Spezialklinik nach Warschau hatte bringen lassen. Auch ein Familienessen im Wert von 650 Euro wurde aus Steuergeldern bezahlt. Mitarbeiter hätten, erklärte die 1943 geborene Dame, ohne ihr Wissen Namen angeblicher Mitesser aufgeschrieben. Der Restaurantbesuch ging als »Operation Zwiebelschnitzel« in die Stadtgeschichte ein, weil auf der Rechnung auch ein Zwiebelschnitzel stand und einer der erfundenen Teilnehmer an dem Essen Wert darauf legte, dass er niemals Zwiebelschnitzel isst. Selbst einen Blumenstrauß für ihre Mutter über zwanzig Euro hatte die Gute aus der Stadtkasse bezahlen lassen. Am 11. Mai 2003 ist die Dame, die immerhin neun Jahre lang Oberbürgermeisterin war, von den Bürgern der Stadt abgewählt worden.

 

Wichtiger als die situative ist die strukturelle Korruption – allerorten haben sich Kartelle und Netzwerke gebildet, die längst ein Eigenleben führen. Es gibt keinen Bereich, in dem nicht kriminell der Vorteil gesucht wird. Es gibt keinen Fußbreit Boden in der Politik, in der Wirtschaft, den man sorglos betreten könnte. Und das gilt auch für die Medien und den Journalismus.

 

In Kommunen wie Wuppertal oder Köln sind längst geschlossene Gesellschaften entstanden, die nach eigenen Regeln funktionieren, Regeln, die in einer Demokratie nichts zu suchen haben. Denn ihr Lebenselixier ist sicher nicht das Schweigegebot, sie braucht vielmehr Offenheit und Transparenz. Auch Großstadtverwaltungen wie München, Berlin oder Frankfurt haben ihre eigenen Korruptionsaffären, und das Problem ist, dass die. Beispiele beliebig vermehrbar sind.

(…)

Schleichend hat sich das Land verändert. Postenvergabe nach Proporz und Parteienherrschaft haben die Moral der Bürger zerstört. Weil das Minenfeld aus privaten Interessen, öffentlicher Kungelei und kaum noch verhüllter Apathie der Verantwortlichen nie geräumt wurde, hatte die Wirtschaftskriminalität beste Chancen, sich üppig zu entwickeln.

 

Ein System des Gebens und Nehmens ist entstanden. Lokalbehörden sind in Deutschland mit geldlicher Nachhilfe dazu zu bewegen, das eine Auge für die Notwendigkeiten offen und das andere vor dem Gesetz geschlossen zu halten. Horst Eberhard Richter hat diesen Zustand der Gesellschaft einmal mit der »Ars corrumpendi« beschrieben, deren besonderes Kennzeichen die Geringschätzung der Folgen für das Gemeinwohl ist.

(…)

Die Gier von Managern (…) hat eine gesellschaftliche Vertrauenskrise ausgelöst, die sich unter anderem in ungewöhnlich großer Aktivität der Justiz ausdrückt. Staatsanwälte tauchen Woche für Woche in Chefetagen auf. Topmanager werden bisweilen wie Kriminelle behandelt, manchmal sogar in Handschellen abgeführt. Deutsche Bank, WestLB, Dresdner Bank, TUT, Babcock-Borsig, MLP: Die Liste namhafter Firmen, die in der jüngeren Vergangenheit von Ermittlern heimgesucht wurden, ist lang. Mit ungläubigem Staunen erkennen die düpierten Oligarchen, dass sie keinen Sonderstatus mehr besitzen. (…) Seit 2001 die große Krise ausgebrochen ist wie eine unheimliche Krankheit, werden die Ermittler von Teilen der öffentlichen und veröffentlichten Meinung geradezu angefeuert, es den Oberen zu zeigen. Der Konsens der Verachtung scheint allgemein.

 

Aber Vorsicht. Sicher müssen Straftaten verfolgt werden. Und sicher soll man sie ächten. Aber hinter der Übertreibung, die gegenwärtig sichtbar ist, verbirgt sich zugleich eine der Lebenslügen unserer Tage. Manager sind im Durchschnitt keineswegs gieriger als wir alle. Sie haben bisweilen nur andere Möglichkeiten, ihre Gier zu befriedigen. Bei »denen da unten« geht es auch wild zu. Jedenfalls sind Spesenschinderei und Versicherungsbetrug längst zum Volkssport geworden. Rund 2,5 Milliarden Euro geben die Assekuranzunternehmen nach einer Schätzung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft jährlich für vorgetäuschte Schäden aus. Autobesitzer bestellen den Diebstahl ihres Fahrzeugs und kassieren den Neuwert; das BKA geht bei gestohlenen Fahrzeugen heute von einer Betrugsziffer zwischen dreißig und fünfzig Prozent aus. Urlauber behaupten, ihnen sei im Ausland der Koffer gestohlen worden. Und selbst wenn daheim der liebe Kleine eine teure Vase zerdeppert, fragt man einen Freund, ob der den Schaden nicht seiner Haftpflichtversicherung melden könnte. Jeder fünfte Haftpflichtversicherte räumte bei einer Befragung ein, seine Versicherung schon einmal oder des Öfteren betrogen zu haben. Neunzig Prozent der erschwindelten Versicherungssummen lagen unter 500 Euro. Immer wieder entdecken wir den Volkssport Versicherungsbetrug neu und tun so, als handele es sich um ein ganz unbekanntes, unerhörtes Problem. Und immer wieder wird er mit dem Hinweis als Kavaliersdelikt abgetan, dass »die da oben« doch noch ganz anders abräumen würden.

 

»Die da oben« – eine Wegweisung, die in die Irre führt. Schon aus statistischen Gründen ist es sehr unwahrscheinlich, dass Wirtschaftsgrößen und auch die politische Klasse mit mehr Defekten belastet sind als die übrige Bevölkerung. Richtig ist vermutlich die These, die Regierenden seien eine Art soziologisches Lackmuspapier. Das heißt, an ihrem Verhalten lassen sich die Auffälligkeiten einer Gesellschaft ablesen. Skandale und Affären sind im Übrigen in einer offenen Gesellschaft nichts Außergewöhnliches. Entscheidend für den Befund über politische Sitten und Kultur ist ihre gesellschaftliche Verarbeitung.

 

aus: Hans Leyendecker: Die Korruptionsfalle, Reinbek bei Hamburg 2003

Tanja Rabl: Die Psychologie von Korruption

 

In der empirischen Überprüfung (…) zeigt sich, dass der Wunsch und der Wille, bestimmte berufliche oder private Ziele zu. erreichen, für sich genommen noch kein korruptes Handeln auslösen. Wer also z.B. aus privaten Gründen Geld braucht oder dringend für sein Unternehmen einen Auftrag gewinnen will, der handelt aufgrund der Dringlichkeit dieser Ziele allein noch nicht korrupt. Korruption wird bei der Erstinitiierung nicht bereits im Vorfeld als Mittel zur Zielerreichung eingeplant. Erst dann, wenn sich die Gelegenheit zu Korruption ergibt, trifft der Akteur seine Entscheidung darüber, ob er korrupt handelt. Dabei sind vor allem drei Komponenten, die in der Theorie des geplanten Verhaltens eine Rolle spielen, dafür verantwortlich, dass sich ein Unternehmensmitarbeiter erstmalig auf korruptes Handeln einlässt: (1) die Einstellung des Akteurs zu Korruption (Wie wird korruptes Handeln bewertet?), (2) die Normen anderer bezüglich Korruption (Wie bewertet das Umfeld des Akteurs Korruption?) und (3) die Kontrolle, die der Akteur glaubt, über sein eigenes korruptes Handeln zu haben (Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, die korrupte Transaktion mit geringem Risiko erfolgreich durchzuführen?). Je mehr ein Akteur korruptes Handeln als positiv und vorteilhaft bewertet und je mehr Korruption auch in seinem Umfeld auf Akzeptanz stößt oder toleriert wird, umso stärker ist sein Wunsch, die korrupte Handlung auszuführen. Je mehr er darüber hinaus glaubt, hohe Kontrolle über sein Verhalten zu haben und der Ansicht ist, das angestrebte Ziel über korruptes Handeln ohne großes Risiko und mit der Aussicht auf nur geringfügige Strafen ausführen zu können, umso stärker wird seine Absicht sein, für die Zielerreichung korrupt zu handeln. Je stärker diese ausgeprägt ist, umso wahrscheinlicher wird Korruption dann auch tatsächlich erfolgen.

 

 

(…) Wie Korruption ein Teil organisationaler Strukturen und Prozesse und von Organisationsmitgliedern als tolerierbares oder sogar wünschenswertes Verhalten verinnerlicht und an neue Organisationsmitglieder weitergegeben wird: Drei Prozesse, die sich wechselseitig verstärken, liegen dabei der Normalisierung von Korruption in Unternehmen zugrunde:
(1) Über den Prozess der Rationalisierung nutzen korrupte Akteure oftmals sozial gelernte Strategien, um ihr Handeln in ihren eigenen Augen zu rechtfertigen und sich selbst in einem positiven Licht zu sehen.

 

Beispiele für typische Rechtfertigungsstrategien

Legalität: »Aber es steht doch nirgends geschrieben, dass ich das nicht darf.«


Leugnung der Verantwortung: »Es war die einzige Möglichkeit, unseren Gewinn zu steigern.«, »Das macht doch jeder so!«


Leugnung des Schadens: »Das hat doch niemandem geschadet. Es hatten doch alle etwas davon.«, »Es ging doch nur um verhältnismäßig kleine Beträge.«


Leugnung des Opfers: »Sie meinen wegen der Konkurrenz?«, »Die können ruhig auch einmal den Kürzeren ziehen.«, »Warum denn? Weil die Mitbe­werber leer ausgehen? Tja, so ist das Geschäft!«


Soziale Gewichtung: »Andere machen da noch ganz andere Sachen, um an Aufträge zu kommen.«


Appell an höhere Ziele: »Ich habe nur alles getan, um die Auftragslage und den Gewinn unseres Unternehmens zu steigern.«, »Ich habe nur versucht, die gute Geschäftsbeziehung zu einem guten Kunden zu erhalten.«


Metapher des Kontos: »Wieso soll ich die guten Beziehungen, die ich über Jahre hinweg mühsam aufgebaut habe, nicht auch nutzen?«


Refokussierung der Aufmerksamkeit: »Immerhin habe ich den Auftrag fair unser Unternehmen an Land gezogen.«

Eine empirische Studie (Rabl/Kühlmann 2009) zeigt, dass Rechtfertigungsstrategien korrupter Akteure oftmals nicht primär auf eine Leugnung der negativen Implikationen korrupten Handelns abzielen. Argumente, die die Verantwortung abstreiten, die die Schäden und die Opfer verneinen, spielen eine untergeordnete Rolle. Vielmehr heben die am häufigsten genutzten Rechtfertigungsstrategien die ›positive‹ Absicht hervor, die hinter dem korrupten Handeln steht. Dabei wird zum einen an höhere Ziele appelliert: »Ich habe nur versucht, die gute Geschäftsbeziehung zu einem guten Kunden zu erhalten« oder »Ich habe nur alles getan, um die Auftragslage und den Gewinn unseres Unternehmens zu steigern«. Zum anderen fühlen sich korrupte Akteure berechtigt, korrupt zu handeln, weil sie über die im Job erbrachten Anstrengungen ähnlich wie bei einem Konto Guthaben angesammelt haben, das ihnen dann solches Handeln erlaubt (Metapher des Kontos): »Wieso soll ich die guten Beziehungen, die ich über Jahre hinweg aufgebaut habe, nicht auch nutzen?«

(2) Über den Prozess der Sozialisation lernen neue Organisationsmitglieder durch die Identifikation mit dem Unternehmen und seiner Ideologien korruptes Handeln zu akzeptieren und ggf. sogar selbst auszuführen. Sie werden gleichsam Teil eines »sozialen Kokons« (Ashforth/Anand 2003: 26), in dem die Einstellung zu Korruption geformt und die Identifikation mit der Gruppe gefördert wird. Dabei werden die neuen Organisationsmitglieder nach und nach von relativ harmlos scheinendem unethischem Handeln zu immer starkem ausgeprägtem korruptem Handeln geführt. Sie haben über Handlungsalternativen in ethische Dilemma-Situationen zu entscheiden, in denen Korruption als das kleinere Übe erscheint. Die bei korruptem Handeln entstehenden kognitiven Dissonanze (»Ich bin doch eigentlich eine ethisch handelnde Person; warum habe ich da dann gemacht?«) werden über die Anwendung von im Umfeld genutzten Rechtfertigungsstrategien aufgelöst. Gleichzeitig verändern auch die Belohnungen, di aus dem korrupten Handeln resultieren, auf subtile Weise die Einstellung der neuen Organisationsmitglieder zu Korruption. Diese Sozialisationsmechanismen können auch eine Form von Zwang beinhalten, der sich durch die Forderung nach Loyalität und die Furcht vor dem Gruppendruck äußert.

(3) Über den Prozess der Institutionalisierung werden korrupte Praktiken oft unbewusst zur Routine. Sie werden zunehmend in den Strukturen und Prozessen des Unternehmens verankert und durch Prozesse der Gewöhnung schließlich als normal angesehen.

 

Literaturnachweise:

Rabl/Kühlmann 2009: Tanja Rabl / Torsten M. Kühlmann: Why or why not? Rationalizing corruption in organizations, in: Cross Cultural Management. An International Journal 16 (3), Seite 268-286.

Ashforth/Anand 2003: 26: Blake E. Ashford / Vikas Anand: The normalization of corruption in organizations, in: Research in Organizational Behavior 25, Seite 1-25.

 

aus: Tanja Rabl: Korruption aus der Perspektive der Psychologie, in: Peter Graeff / Jürgen Grieger (Hg.): Was ist Korruption? Begriffe, Grundlagen und Perspektiven gesellschaftswissenschaftlicher Korruptionsforschung, Baden-Baden 2012