»Doping«

Nora Abdel-Maksoud

Lütje Wesel Marco Matthes

Ole Hagenfels-Jefsen-Bohn Volker Muthmann

Jagoda Hagenfels-Jefsen-Bohn Jenny Weichert

Gesine Agnes Mann

Dr. Bob Andrea Strube

 

 

Regie Schirin Khodadadian

Bühne, Kostüme Carolin Mittler

Musik Johannes Mittl

Dramaturgie Theresa Leopold

Regieassistenz Elisabeth Kräßig

Soufflage Julia Schröder

Regiehospitanz Henriette Kierbaum

Bühnenbildhospitanz Lydia Lehmann

 

Technische Leitung Marcus Weide / Produktionsleitung Lisa Hartling / Produktionsleitung (in Vertretung) Henryk Streege, Lars Werneke / Assistenz der Technischen Leitung Henryk Streege / Leitung dt.2 | dt.x Tobias Gleitz / Beleuchtung Markus Piccio, Ottmar Schmidt / Ton- und Videotechnik Steffen Knoke  / Requisite Sabine Jahn (Leitung) / Patricia Opitz (Einrichtung) / Maske Frauke Schrader (Leitung, Einrichtung), Marlene Steinmann (Einrichtung) / Kostümausführung Ilka Kops (Leitung), Heidi Hampe, Stefanie Scholz / Malsaal Eike Hansen / Schlosserei Robin Senger / Dekoration Regina Nause, Axel Ristau / Tischlerei Maren Blunk

 

Aufführungsdauer ca. 1 Stunde und 35 Minuten, keine Pause

 

Aufführungsrechte schaefersphilippen, Theater und Medien GbR, Köln

 

Probenfotos Georges Pauly

 

Bild- und Tonaufnahmen sind während der Vorstellung nicht gestattet.

»Ich kann eigentlich nur machen, was ich lustig finde«

 

Interview mit Nora Abdel-Maksoud während sie selbst »Doping« in München inszenierte

Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen die Ideen für Ihre Stücke kommen, wenn sie wütend sind. Worauf sind Sie denn gerade wütend?

 

Das, worauf ich wütend war, hat sich ein Jahr lang verstoffwechselt im Schreibprozess. Mittlerweile sind wir auf die Bühne gegangen und arbeiten seit sechs Wochen szenisch mit diesem Material. An diesem Punkt hat bei mir die Regisseurin quasi die Autorin aus dem Raum geschickt, ich arbeite fast musikalisch nur noch über Rhythmus, über Spannung und Entspannung. Gerade deswegen fällt es mir schwer zu antworten, worauf ich gerade wütend bin. Bezogen auf das Stück: Die ersten Ideen kamen mir bei einem Urlaub auf Sylt und auch, als Sylt ein großes Thema wurde, weil im Sommer zum einen dort natürlich geheiratet wurde und zum anderen Punker mit dem Neun-Euro-Ticket hingefahren sind und es zu einem vermeintlichen Clash kam. Da dachte ich, das ist ein interessantes Setting. Außerdem ist die FDP grundsätzlich eine Inspirationsquelle für mich.

Ist Wut eine kreative Energie bei ihnen?

 

Das ist ganz oft so bei Komödienschreiberinnen, dass sich an so einem Furor etwas entzündet. Das ist ein ganz gängiger Hebel. Man denkt einfach nach über die Sachen, die einen wütend machen, und aus diesen ganzen Gedankenspielereien entstehen dann groteske Figuren oder groteske Settings.

 

 

Und verknüpft sich bei ihnen damit auch die Hoffnung, etwas ändern zu können?

 

Ich hatte vor zehn Jahren noch mehr die Hoffnung, dass die Leute aus den Theatern stürmen und die Revolution anzetteln. Daran glaube ich nicht mehr, aber was tatsächlich passiert, ist, dass ein Theaterstück einen Diskurs anstoßen oder einen neuen Schwerpunkt setzen und überhaupt ein Bewusstsein schaffen kann. Ich erzähle gerne als Beispiel von der Premiere meines Stückes »Café Populaire« am Theater Neumarkt. Darin geht es um Klassismus. Nach der Premiere standen die Leute im Foyer mit ihren Sektflötchen, und alle, an denen ich vorbeiflaniert bin, haben über das Thema gesprochen. Ich war wahnsinnig stolz damals, dass es gar nicht so sehr darum ging, wer hat wie gespielt, wie war die Bühne, hat uns das Kostüm gefallen, sondern ich habe gemerkt, das hat eine Debatte angestoßen. Theater kann das, Kontrapunkte setzen in diesen großen Diskursen.

In Ihren Stücken thematisieren Sie zum Beispiel den Kulturbereich oder auch die soziale Ungerechtigkeit. Das klingt erst einmal überhaupt nicht lustig, und trotzdem schreiben Sie Komödien.

 

Es bietet sich grundsätzlich bei den Themen an, dass man an ein Sozialdrama denkt oder an ein anderes Genre. Aber das kann ich schlichtweg nicht, das ist mir nicht gegeben. Das büxt mir beim Schreiben sowieso aus. Ich könnte keine Tragödie schreiben. Mir liegt beim Dialogschreiben viel eher dieses flapsige Laufenlassen, und das finde ich ja auch ein ganz elegantes Mittel, um solche Themen unter die Leute zu bringen.

 

 

Die Vorstellung, man macht einen Witz in der Öffentlichkeit, und dann lacht keiner, ist ja enorm peinlich. Bei Ihnen folgt ein Gag auf den anderen, haben Sie da keine Angst, dass die einmal nicht zünden?

 

Wir proben hier im Haus, und mir ist es schon mehrmals passiert, dass jemand in der Kantine auf mich zugekommen ist und fragte: Wird es witzig? Dann schlucke ich schon immer. Ich schreibe natürlich erst mal ganz viel rein in ein Stück und komme zur Konzeptionsprobe mit mindestens zehn Seiten mehr als dann bei der Premiere gespielt werden. Dann gibt es die Schauspieler als Bullshit-Detektoren, die merken oft, was nicht zündet. Wir trennen sozusagen im Verlauf der Proben die Spreu vom Weizen. Natürlich ist nicht jeder Schuss ein Treffer, aber darum geht es im Kern auch nicht. Es ist viel wichtiger, dass die Themen verfangen, das ist mir die größere Herzensangelegenheit. Bei den Proben sind wir auch dabei, uns auf die Inhalte zu konzentrieren, sonst passiert es, dass man von Witzinsel zu Witzinsel zu Witzinsel hüpft, aber den inhaltlichen Bogen vergisst.

Stellen sie fest, dass an verschiedenen Orten unterschiedlich gelacht wird, also in München anders als in Berlin?

 

Als Regisseurin bekomme ich das nicht mit, weil ich nicht bei den unterschiedlichen Vorstellungen dabei bin. Aber als Schauspielerin habe ich das sehr wohl mitbekommen, dass es einen großen Unterschied macht, welches Stück an welchem Ort wie verstanden wird. Ich nehme das Münchner Publikum grundsätzlich als ein sehr wohlgesonnenes und ein sehr humordurstiges Publikum wahr. Ich habe hier immer das Gefühl, dass im Grundsatz gute Laune herrscht.

Ihr Stück heißt »Doping«. Dieser Titel steht schon lange fest. Woher kommt er?

 

Es ist ein Vorschlag von der Dramaturgie. Ich finde ihn eine gute Entscheidung. Er spricht viele Ebenen in dem Stück an.

 

 

Sie meinen die Ebene, dass jemand krank ist und trotzdem arbeiten und funktionieren muss?

 

Ja, das ist eine Ebene, die da drinsteckt. Oder auch die Frage, was Arbeit eigentlich ist, was als Arbeit bewertet und was bezahlt wird. Wir kreisen auch um das Thema Sorgearbeit, die auch eine Form des Dopings ist. Sie ist eine unbezahlte Ressource in einem Wirtschaftssystem, die die ganze Zeit ausgebeutet wird, um das System am Laufen zu halten.

 

 

In »Doping« arbeiten Sie sich auch an der FDP ab. Warum?

 

Die FDP begleitet mich schon so lange. Es gibt so viele Reibungsflächen zwischen mir und den Ideen der FDP, und sie ist ja auch eine sehr sendungsbewusste Partei. Ich habe mich in den letzten Wochen auch gefragt, ob wir uns eigentlich die falsche Partei ausgesucht haben. Aber trotzdem ist die FDP mit ihren Ideen von Chancengleichheit und Freiheit und diesen ganzen Chiffren, die im Kern oft bedeuten, den letzten beißen die Hunde, doch eine Partei, über die es sich nachzudenken lohnt.

In Ihrem Stück funktioniert das Gesundheitssystem überhaupt nicht mehr. Wie weit haben Sie da übertrieben?

 

Wir treiben es auf Sylt schon ein bisschen in die Apokalypse. Im Stück sind dort wirklich alle Krankenhäuser privatisiert und die gesetzlich Versicherten müssen mit Fähren ans Festland fahren. Das ist übertrieben, da gehen wir in die Satire. Was aber stimmt und was ich zu Beginn des Schreibens noch nicht wusste, ist, dass es auf Sylt keine Geburtenstation mehr gibt. Es war ein Recherchefund, und ich dachte: Aha, life copies art! Das kann ja wohl nicht wahr sein.

 

 

Wie stark recherchieren Sie denn für ein Stück?

 

Es gibt eine lange Bücherliste, die ich durchgearbeitet habe, darin geht es um das deutsche Gesundheitswesen, auch um Spindoktoren und Kniffe aus der Lokalpolitik, viel um feministische Ökonomie und Sorgearbeit. Ich recherchiere lang, manchmal zu lange vielleicht. Das brauche ich aber, das ist ja das Futter, aus dem ich die Figuren entwickle.

FDP in der Krise – Hat der Liberalismus eine Chance?

 

»Der Liberalismus ist in einer tiefen Krise. Die FDP ist an einer tiefen Krise«, sagt auch Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, stellvertretende Vorsitzende der FDP nahen Friedrich-Naumann-Stiftung, früher Justizministerin und seit über 45 Jahren Parteimitglied.

Zieht die liberale Idee in Deutschland im Jahr 2025 einfach nicht mehr oder hat die FDP die Idee nur nicht überzeugend umgesetzt?

Die FDP schien bis vor Kurzem auf eine Person hinauszulaufen: Parteichef Christian Lindner. Und auf ein Thema: Schuldenbremse. Die Partei fokussierte sich also vor allem auf wirtschaftsliberale Inhalte. Das Image der FDP war zuletzt das einer Partei für Besserverdiener, Apotheker, Zahnärzte, Porsche-Fahrer.

Aus Sicht des Politikwissenschaftlers Wolfgang Schröder hat die FDP die Idee des Liberalismus nicht überzeugend vertreten und sich »wenig um die Weiterentwicklung der liberalen Idee und Praxis gekümmert«. Stattdessen habe die Partei eine zutiefst dogmatische, fast orthodoxe Positionierung im ökonomischen Bereich praktiziert und damit der liberalen Idee einen Bärendienst erwiesen.

Aber auch etablierte liberale Politiker kritisieren den bisherigen Kurs der Partei. Wie beispielsweise Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Liberalismus dürfe nicht nur als eine wirtschaftliche wichtige Entwicklung gesehen werden, betont sie. »Sondern er hat nur einen Platz, wenn man Wirtschaft und Bürgerrechte zusammennimmt und das als ein Konzept vertritt.«

Ähnlich sah dies Gerhart Baum. Der im Februar 2024 verstorbene Politiker war eine der prägendsten Figuren der FDP und einer der letzten lautstarken Vertreter des linksliberalen Flügels der Partei. Bereits vor zwei Jahren mahnte er: »Wir waren einer Meinung, dass dieser Staat ein Sozialstaat ist, dass wir einen sozialen Liberalismus vertreten müssen.« Sein Appell: »Wir brauchen auch ein Zusammenhaltsgefühl, ein Miteinander. Neben allen rationalen Überlegungen müssen die Menschen das Gefühl haben, dass wir ihre Lage verstehen.«

Was steckt überhaupt hinter der liberalen Idee?

 

Judith Nisse Shklar, eine der bedeutendsten Liberalismus-Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts, erklärte die Idee so: Jeder erwachsene Mensch sollte in der Lage sein, ohne Furcht und Vorurteil so viele Entscheidungen über sein Leben zu treffen, wie es mit der Freiheit eines anderen vereinbar ist.

Der politische Liberalismus stellt also die individuelle Freiheit jedes einzelnen Menschen in den Vordergrund – dazu gehören Eigenverantwortung sowie freie Entfaltung. Außerdem soll eine Bevormundung durch staatliche Einrichtungen minimiert werden. Der Wirtschaftsliberalismus betont außerdem die Selbstregulierung der Wirtschaft auf der Basis persönlichen Eigentums.

Der Philosoph Berthold Oelze verweist in dem Zusammenhang auf zwei Sichtweisen auf liberale Ideen. Man könne den Liberalismus einerseits als eine Rationalisierung verstehen, »die nur dazu dient, zu bemänteln, dass die Menschen von Habgier getrieben sind und nur ihre eigennützigen Ziele verfolgen«. Denn im Liberalismus werde natürlich gelehrt, dass Eigennutz und Gemeinnutz sich nicht ausschließen.

»Auf der anderen Seite verdanken wir dem Liberalismus Freiheit, Menschenrechte, Gewaltenteilung, Toleranz.« Und die schärfste Kritik am Totalitarismus sei von Liberalen geäußert worden. Viele andere Intellektuelle seien dagegen »nicht nur auf den Nationalsozialismus hereingefallen und haben sich ihm angedient. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich ja auch viele dem Kommunismus angedient und den Stalinismus verharmlost. Und der Liberalismus – was immer man von ihm hält – bietet ein Bollwerk gegen den Totalitarismus, ob er nun von links oder von rechts kommt.«

Steckt der Liberalismus in der Krise und wie kann er politisch fortbestehen?

 

Basierend auf philosophischen Denkern wie John Locke, Montesquieu und Immanuel Kant ist der Liberalismus eine rationalistische Theorie, die vor allem auf pragmatische Vernunft setzt.

Darin sieht der Grünen-Politiker und Gründer des Thinktanks »Zentrum für liberale Moderne« Ralf Fücks eines der tieferliegenden Probleme: Der Liberalismus habe bisher »keine Antworten auf Gefühle in der Politik und auf die Macht der Emotionen gefunden«. Politik aber werde – verstärkt durch die sozialen Medien – immer mehr durch Emotionen, durch Populismus bestimmt. Weltweit erstarken antiliberale Kräfte – beispielsweise in China, Russland, der Türkei, aber auch in den USA.

Auch in Deutschland besteht eine Gefahr für die liberale Demokratie, sagt der Politikwissenschaftler Wolfgang Schröder. »Weil es so eine Sehnsucht nach einfachen Lösungen gibt, weil es eine Sehnsucht nach autoritären Dispositionen gibt.«

Ähnlich sieht es die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. »Ich glaube, diese Bedeutung von Freiheit, für die ja über Jahrhunderte unglaublich gekämpft werden musste, wird heute gar nicht so wertgeschätzt«, sagt sie. Stattdessen würde diese Errungenschaft als selbstverständlich hingenommen. »Und wenn man Gefahren sieht, dann wird zuallererst an den Staat gedacht oder an eine starke Persönlichkeit: an den, der sich durchsetzt, mit großen Ellenbogen. Und das ist natürlich eine vollkommen falsche Entwicklung.« Deswegen würde gerade jetzt liberale Politik dringend benötigt.

Doch kann dies die FDP bieten? So wie die Partei bisher aufgestellt ist – wohl kaum, meint zumindest der Politikwissenschaftler Wolfgang Schröder. »Die FDP in der Form, wie sie in der Regierung agiert hat und wie sie sich um die Weiterentwicklung der Liberalität gekümmert hat, ist komplett überflüssig.« Er plädiert stattdessen für »eine Stärkung der liberalen Kräfte in den Parteien der Mitte«.

Wohin steuert die FDP?

 

Die FDP hat auf ihrem Parteitag in Berlin nun eine neue Führung gewählt. Der bisherige Vorsitzende Christian Lindner gibt das Amt nach zwölf Jahren ab. Sein Nachfolger ist der frühere Fraktionsvorsitzende Christian Dürr.

Lange hatte Dürr nach der passenden Besetzung für den Posten des Generalsekretärs gesucht. Nun soll die Unternehmerin Nicole Büttner das Amt übernehmen. Die Managerin aus dem KI-Bereich ist zwar seit etwa 20 Jahren Parteimitglied, hat aber keine Erfahrung in struktureller Parteiarbeit.

Neben dem großen personellen Wechsel soll auch eine programmatische Neuausrichtung durch den Bundesvorstand geben. Dazu sagte Dürr im ZDF, die FDP wolle sich an Familien der Mitte richten, die extrem hart arbeiteten. Man wolle mit einem neuen Grundsatzprogramm die Frage beantworten, wie diese Familien sich etwas leisten könnten. »Wir müssen schauen: Was bewegt die Menschen – und eine Antwort finden«, betonte auch FDP-Präsidiumsmitglied Marie-Agnes Strack-Zimmermann.

Doch steht Dürr wirklich für einen Neuanfang? Auch er war jedenfalls Teil des gescheiterten Lindner-Teams.

Textnachweise:

Süddeutsche Zeitung, Yvonne Poppek; 4. April 2024.

Deutschlandfunk, 16.05.2025