»neunzehnhundertzweiundvierzig MemoRails Göttingen«

Ein Rechercheprojekt von Gernot Grünewald

Uraufführung

Audiowalk Erzählerin Marie Seiser

 

Stimmen Florian Eppinger
Nikolaus Kühn
Volker Muthmann
Gerd Zinck

 

Inszenierung mit Judith Florence Ehrdardt
Lou von Gündell
Birte Leest
Marie Seiser

Regie Gernot Grünewald
Bühne und Kostüme Michael Köpke
Musik Daniel Sapir
Choreografie Felicitas Madl
Dramaturgie Michael Letmathe
Regieassistenz Lisa Böttcher, Henriette Kierbaum
Soufflage Gerald Liebenow
Audiowalkguides Hannah Grewing, Lisa Grewing, Charlotte Korte

 

 

Technische Leitung Marcus Weide / Leitung dt.2 | dt.x Tobias Gleitz / Beleuchtung Markus Piccio, Ottmar Schmidt / Ton- und Videotechnik Steffen Knoke, Lotta Lieberum Tobias Steinfort / Requisite Sabine Jahn (Leitung) / Daniela Niehaus (Einrichtung) /Maske Frauke Schrader (Leitung, Einrichtung), Marlene Steinmann (Einrichtung), Charlen Middendorf-Tinney (Einrichtung) / Kostümausführung Ilka Kops (Leitung), Heidi Hampe, Stefanie Scholz / Malsaal Eike Hansen / Schlosserei Robin Senger / Dekoration Regina Nause, Axel Ristau / Tischlerei Maren Blunk

 

Aufführungsdauer ca. 2 Stunden, 40 Minuten, eine Pause

Probenfotos Lenja Kempf

 

Bild- und Tonaufnahmen sind während der Vorstellung nicht gestattet.
Probenfoto

Bahnhof ohne Erinnerung

 

Das Theater kann historische Forschung aufgreifen, Geschichten in die Öffentlichkeit bringen und Räume schaffen, in denen Menschen gemeinsam über Vergangenheit und Gegenwart nachdenken. Genau an diesem Punkt setzt das Projekt »neunzehnhundertzweiundvierzig – MemoRails Göttingen« an. Ausgangspunkt ist der 21. Juli 1942. An diesem Tag wurden die letzten noch in Göttingen lebenden Jüdinnen und Juden, bis auf wenige Ausnahmen, aus der Stadt deportiert. Eine Gruppe von 50 Menschen musste vom Albaniplatz zum Bahnhof gehen und wurde über Hildesheim und Hannover nach Theresienstadt deportiert. Im Zentrum der künstlerischen Arbeit stand dabei eine intensive Recherche. Sie beschäftigte sich mit den Deportationen aus Göttingen im Jahr 1942, mit den Biografien der betroffenen Menschen, vor allem eine Auseinandersetzung mit der Familie Rosenberg und mit der Frage, wie sich die nationalsozialistische Verfolgung konkret in einer Stadt wie Göttingen vollzogen hat. Geschichte wird dabei nicht nur als großes historisches Ereignis betrachtet, sondern auch aus der Perspektive einzelner Menschen und ihrer Lebenswege erzählt. Gleichzeitig hat die Recherche einen weiteren Teil der Göttinger Stadtgeschichte in den Blick genommen: die Ankunft von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in Göttingen. Während Menschen aus Göttingen deportiert und aus der Stadt herausgebracht wurden, kamen gleichzeitig tausende Menschen aus den von Deutschland besetzten Gebieten nach Göttingen. Sie wurden zur Arbeit in privaten Haushalten, in Betrieben, in der Rüstungsindustrie und anderen Einrichtungen gezwungen. Diese beiden Bewegungen machen deutlich, wie eng die Geschichte des Nationalsozialismus mit der konkreten Geschichte einer Stadt verbunden ist. Die Recherche zu »neunzehnhundertzweiundvierzig« fragt deshalb nicht nur danach, was damals geschehen ist, sondern auch danach, welche Spuren diese Geschichte bis heute in Göttingen hinterlassen hat. Hier kann Theater etwas leisten, das über die Vermittlung historischer Fakten hinausgeht. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit führt zu Fragen an die Gegenwart. Wie entstehen Ausgrenzung und Entrechtung? Welche Rolle spielen Institutionen und gesellschaftliche Mehrheiten? Das Theater versucht hier Geschichte zum Ausgangspunkt eines gemeinsamen Nachdenkens zu machen.

 

Michael Letmathe

Familie Rosenberg

 

Die Geschichte der jüdischen Familie Rosenberg ist eng mit der Stadt Göttingen verbunden und spiegelt zugleich die allgemeinen Mechanismen von Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung wider. Mitglieder der Familie lebten über Jahre hinweg als anerkannte Bürgerinnen und Bürger in Göttingen, waren wirtschaftlich und sozial in das Stadtleben integriert und übten Berufe im Handel und Handwerk aus. Ihre Lebenswege zeigen, dass jüdisches Leben in Göttingen bis 1933 ein selbstverständlicher Teil der städtischen Gesellschaft war. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich die Situation der Familie Rosenberg grundlegend. Schrittweise wurden ihre Mitglieder durch antisemitische Gesetzgebung und lokale Maßnahmen aus dem öffentlichen Leben gedrängt: Berufsverbote, wirtschaftliche Boykotte und soziale Isolation führten zu existenziellen Einschnitten. Wohnungen und Geschäfte gingen verloren, Kontakte zu nichtjüdischen Nachbarn brachen ab oder wurden durch Angst und Anpassung ersetzt. Die Recherchen belegen, dass Angehörige der Familie Rosenberg schließlich Opfer der Deportationen wurden. Sie wurden aus Göttingen verschleppt. Für mehrere Familienmitglieder enden die archivalisch rekonstruierbaren Spuren in den Deportationslisten; ihr weiterer Weg führt in Ghettos und Lager, aus denen viele nicht zurückkehrten. In einigen Fällen bleiben Todesumstände und -orte ungeklärt, was die fragmentarische Überlieferung und das systematische Auslöschen von Biografien widerspiegelt. Da das Theater seine Probebühne direkt am Alten Güterbahnhof und in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof hat, verdeutlicht heute, wie abstrakte historische Prozesse konkret vor Ort wirksam wurden. Die Deportationen waren kein fernes Geschehen, sondern wurden mitten in der Stadt vorbereitet und durchgeführt. Die individuelle Geschichte der Familie Rosenberg macht deutlich, dass hinter den Zahlen der Deportierten konkrete Menschen, Beziehungen und Lebensentwürfe standen. Die Ergebnisse der historischen Recherchen unterstreichen die Notwendigkeit, sowohl Orte wie die Bahnhöfe als auch einzelne Familiengeschichten dauerhaft in die lokale Erinnerungskultur einzubinden. Sie ermöglichen eine personalisierte Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik und tragen dazu bei, das Bewusstsein für Verantwortung, Erinnerung und historisches Lernen in der Gegenwart zu stärken.

Zwangsarbeit und die Stiftung EVZ (Erinnerung, Verantwortung, Zukunft)

 

Das NS-Regime baute eines der gewaltigsten Zwangsarbeitssysteme der Geschichte auf. Etwa 26 Millionen Menschen wurden im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten zum Arbeitseinsatz gezwungen. Lange zählten sie zu den ,vergessenen’ Opfern des Nationalsozialismus – bis die Entschädigungsdebatte Ende der 1990er Jahre ihre Geschichte in die Öffentlichkeit trug.

 

Zwangsarbeit war während des Zweiten Weltkrieges überall sichtbar. Betroffene mussten unter unmenschlichen Bedingungen auf Baustellen, in Betrieben und Bergwerken, in der Industrie, in Arbeits- und Konzentrationslagern Schwerstarbeit leisten – und so ausgerechnet für jenes Land die Kriegsproduktion aufrechterhalten, das sie ausbeutete und vernichtete. Aber auch auf Bauernhöfen, in Kirchengemeinden und Privathaushalten wurden Zwangsarbeiter*innen eingesetzt. Die Auswirkungen der NS-Zwangsarbeit sind bis heute präsent: In den (Familien-)Biografien ehemaliger Zwangsarbeiter*innen, den unterschiedlichen europäischen Erinnerungskulturen und nicht zuletzt auf zwischenstaatlicher Ebene.

 

Verschleppung und Ausbeutung

 

Das digitale Interview-Archiv »Zwangsarbeit 1939-1945« definiert Zwangsarbeit im Nationalsozialismus als »die Verschleppung und Ausbeutung von mehr als 13 Millionen ausländischen KZ-Häftlingen, Kriegsgefangenen und ‚zivilen‘ Arbeitskräften in Deutschland. Zwangsarbeit gab es auch in Ghettos, Arbeitserziehungslagern und anderen Lagern im gesamten besetzten Europa und betraf insgesamt etwa 26 Millionen Menschen. Daneben herrschte in vielen besetzten Ländern ein allgemeiner Arbeitszwang für die Zivilbevölkerung. Davon abzugrenzen sind die Arbeitspflichten für die deutsche Bevölkerung (Reichsarbeitsdienst, Dienstverpflichtung, Landjahr), die unter völlig anderen Bedingungen stattfanden.“ Innerhalb der wissenschaftlichen Diskussion wird häufig zwischen ausländischen Zivilarbeiter*innen, Kriegsgefangenen und Häftlingen unterschieden.

Kein rein wirtschaftlicher Faktor

 

Das NS-Zwangsarbeitssystem erfüllte nicht nur einen wirtschaftlichen Zweck. Es war zugleich Instrument zur Verfolgung, Ausgrenzung und Unterdrückung gerade jener Gruppen, die von den Nationalsozialisten als ,minderwertig’ betrachtet wurden. Kurz: Die NS-Zwangsarbeit war Tat gewordene Rassenideologie. Mit steigender Radikalisierung wurde Zwangsarbeit zur physischen Vernichtung eingesetzt: vor allem KZ-Häftlinge, darunter viele Juden:Jüdinnen, Sinti:ze und Rom:nja sowie sowjetische Kriegsgefangene und Zivilarbeiter*innen (als „Ostarbeiter*innen“ bezeichnet), starben am häufigsten beim Arbeitseinsatz.

 

Bericht einer ehemaligen Zwangsarbeiterin

 

»Von morgens bis nachts mussten die Menschen für die Nazis Kohle fördern, hatten kaum zu essen und schliefen mit 60 anderen Personen in einer winzigen Kemenate. Jeden Morgen waren 10 bis 15 von uns tot.«

 

Deutsche Regierung lehnte Zahlungen ab

 

Nach 1945 lehnten die deutsche Regierung und Profiteur*innen des Zwangsarbeitssystems Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter*innen ab. Das Bundesentschädigungsgesetz von 1953 schloss im Ausland lebende sowie nicht rassistisch oder politisch Verfolgte weitgehend von Leistungen aus.  Auch die sogenannten Globalabkommen – Zahlungen der BRD an einzelne Staaten – sahen keine individuellen Entschädigungsleistungen an ehemalige Zwangsarbeiter*innen vor.

 

Der Wollheim-Prozess

 

Auftrieb erhielten die Forderungen nach Entschädigungszahlungen mit der erfolgreichen Klage des ehemaligen Zwangsarbeiters Norbert Wollheim gegen die I.G. Farbenindustrie AG. Infolgedessen einigten sich Wollheim, die Claims Conference und das Unternehmen auf eine Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter*innen in Höhe von 30 Millionen Deutsche Mark für jüdische KZ-Häftlinge, die für die IG-Farben Zwangsarbeit leisten mussten – und schufen einen Musterfall für weitere Klagen.

Die Gründung der Stiftung EVZ

 

Es sollten dennoch Jahrzehnte vergehen, bis sich die Bundesrepublik und deutsche Gesellschaft zu ihrer Verantwortung bekennen würden. Nach zunächst erfolglosen politischen Initiativen erzwang der anhaltende Druck in und aus den Vereinigten Staaten von Amerika Ende der 1990er Jahre die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. 1998 einigten sich die Fraktionen des Bundestags darauf, eine Stiftung zur Entschädigung von Zwangsarbeit unter finanzieller Beteiligung der deutschen Wirtschaft einzurichten. Das zentrale Ziel bei der Gründung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft im Jahr 2000 war die Auszahlung humanitärer Ausgleichsleistungen an ehemalige Zwangsarbeiter*innen und andere Opfer des nationalsozialistischen Unrechts. Diese Zahlungen wurden 2007 offiziell abgeschlossen. 1,66 Millionen Menschen in fast 100 Ländern erhielten Zahlungen in Höhe von insgesamt 4,4 Milliarden Euro.

 

Das Thema Zwangsarbeit behält Priorität

 

Das Thema Zwangsarbeit bleibt auch nach Abschluss der Zahlungen weiter oben auf der Agenda der Stiftung EVZ. Das spiegelt sich in der 2021 vom Bundesministerium der Finanzen initiierten Bildungsagenda NS-Unrecht wider, die mit ihrer Förderung gerade jene Projekte unterstützen soll, die »die Schicksale der verfolgten Menschen und Gruppen sichtbar machen, mit einem besonderen Fokus auf diejenigen, die bisher weniger öffentliche Aufmerksamkeit erhalten haben.«

https://www.stiftung-evz.de/themen/ns-zwangsarbeit/

Schneeweiß

Auf Seite 101 der Firmenchronik der Großwäscherei Schneeweiß von 1948 findet sich ein Foto mit der Unterschrift »1942 russische Mädchen im Schneeweiß-Kleid«. Zu sehen sind 18 junge Frauen in weißen Kleidern, die in die Kamera lächeln, zum Teil lachend, vor einer kleinen Parkanlage. Zusammen mit dem Text auf der vorhergehenden Seite entsteht der Eindruck einer schönen, angenehmen und vor allem ganz gewöhnlichen Arbeit. Ein Hinweis auf die Errichtung eines Barackenlagers wird bei den Leser*innen 1948 wenig Überraschung ausgelöst haben, waren doch Lager für Arbeitskräfte aus den besetzten Gebieten ein üblicher Anblick während der Kriegsjahre gewesen. Doch der Schein trügt, hinter der reingewaschenen Fassade verbirgt sich ein System von Zwang, Ausbeutung und Erniedrigung.

 

1882 gegründet, wäscht die Großwäscherei Schneeweiß an der Leine immer mehr Wäsche aus Göttingen und der Region. Durch den Kriegsbeginn kommen zu den üblichen Aufgaben auch Arbeiten für die Wehrmacht dazu. Schneeweiß wird zu einem »kriegswichtigen Betrieb« und erhält dadurch leichten Zugriff auf Zwangsarbeiter*innen. Insgesamt müssen zwischen 1939 und 1945 mindestens 80 Personen Zwangsarbeit bei Schneeweiß leisten. Sie kommen aus Frankreich, Serbien, den Niederlanden, der Sowjetunion und ab 1944 auch aus Polen. Zudem wird 1944 eine Einrichtung für Säuglinge auf dem Gelände der Firma eingerichtet. Dort werden Säuglinge von Zwangsarbeiter*innen versorgt, während die Mütter bei Schneeweiß arbeiten. Durch Mangelversorgung liegt die Sterblichkeit im Lager laut Cordula Tollmien bei etwa 40%. Die Zwangsarbeiter*innen müssen schwere Arbeiten verrichten, die Dämpfe der Wäscherei sind ohne ausreichenden Schutz eine Gefahr für die Gesundheit und insbesondere die Reinigung der teilweise blutigen Wehrmachtskleidung ist eine große psychische Belastung.

 

Schauen wir wieder in die Firmenchronik, sehen wir unter dem Bild mit den 18 jungen Frauen ein Eselgespann. Der Esel wird eingesetzt – so erfahren wir aus der Chronik – um Essen vom Lohberg zu holen. Trotz der firmeneigenen Küche bei Schneeweiß erhalten die Zwangsarbeiter*innen aus der Sowjetunion schlechteres Essen, das auf dem Lohberg – auch für Zwangsarbeiter*innen in anderen Betrieben – hergestellt wird. Eine Zeitzeugin beschreibt das Essen als wenig nahrhaft und ekelerregend. Untergebracht sind die Zwangsarbeiter*innen auf dem Gelände von Schneeweiß oder im großen Lager am Schützenplatz, lediglich die Französinnen leben im Regelfall in Privatunterkünften.

Die Tochter des Firmenbesitzers wählt persönlich im April 1942 mit der Berechtigung des Arbeitsamtes die 18 jungen Frauen für Schneeweiß aus. Sie sind überwiegend Studentinnen, unter anderem der Musik oder des Luftfahrtingenieurwesens. Neben der anstrengenden Arbeit führt diese Gruppe gegen zusätzliche Nahrung Kulturveranstaltungen im Lager und in der Region für andere Zwangsarbeiter*innen durch. Mit solchen Maßnahmen soll die Arbeitsleistung der Zwangsarbeiter*innen gesteigert werden. Für die Zwangsarbeiterinnen können so Momente der Selbstwirksamkeit entstehen, in denen sie in all dem Zwang und der Gewalt auch glückliche Momente erleben konnten. Trotz der Lebensumstände versuchen die Zwangsarbeiter*innen, ihre Lebensbedingungen selbst zu gestalten und ihre Situation zu verbessern. Dies sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie für die Behörden, die Betriebe und auch die meisten – nicht alle – deutschen Kolleg*innen lediglich Arbeitskräfte sind.

 

Mehr Informationen über die Zwangsarbeit in der Region Südniedersachsen, der Stadt Göttingen und speziell bei Schneeweiß finden sich in der Ausstellung »Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939-1945« (Godehardstraße 11, Göttingen, https://zwangsarbeit-in-niedersachsen.eu/de/index-de.html) und in der Broschüre der Geschichtswerkstatt Göttingen »Von der Konditorei zur Messtechnik. NS-Zwangsarbeit in Göttingen. Ein Stadtrundgang zu Fuß und mit dem Fahrrad«!

                                                                                                                               Arndt Kohlamnn