Sarrasine

Internationale Händel-Festspiele Göttingen
dt.1
Premiere 10. Mai 2024
Dauer 180 Minuten
Myrsini Margariti Sopran • Mme de Rochefide
Samuel Mariño Sopran • Zambinella
Juan Sancho Tenor • Sarrasine
Sreten Manojlović Bass-Bariton • Balzac
FestspielOrchester Göttingen
George Petrou • Musikalische Leitung
Laurence Dale • Regie
Giorgina Germanou • Bühnenbild und Kostüme
John Bishop • Licht
»À la Balzac« nennen Literaturnerds eine Geschichte, die dem Modell des ›realistischen‹ Romans folgt. So sehr hat der französische Schriftsteller Honoré de Balzac die literarische Gattung geprägt. In seinen Büchern spiegelt sich die ganze Welt, seine Charaktere verhalten sich wie echte Menschen, und Durchschnittstypen sucht man bei ihm vergebens.
In der Novelle Sarrasine hat Balzac zwei Erzählstränge zu einem Gleichnis verschmolzen: Madame de Rochefide flaniert mit dem Ich-Erzähler über einen Pariser Ball. Als der Bewohner des Hauses erscheint, geschieht etwas Bizarres: Bei der Berührung der Madame beginnt der alte Mann zu schreien. Sie möchte daraufhin wissen, was es mit ihm auf sich hat. In einem abgeschiedenen Zimmer erfährt sie von ihrem Begleiter, dass der Greis einst in Rom als Opernsängerin Zambinella auftrat. In sie verliebte sich der Bildhauer Sarrasine, der nicht wusste, dass es sich bei der Sängerin um einen kastrierten Mann handelte.
Es ist eine Geschichte über die Unkontrollierbarkeit der Liebe, sagt George Petrou, der zusammen mit dem Regisseur Laurence Dale die Novelle als Händel-Oper neu auflegt. Denn Geschlechtertausch und sexuelle Doppeldeutigkeiten auf der Bühne waren im 18. Jahrhundert völlig normal: Sopranistinnen verkörperten männliche Titelrollen, Protagonisten wie Protagonistinnen wurden von Kastraten dargestellt. Mit ihren leuchtend brillanten Stimmen waren sie prädestiniert für Heldenrollen und Geliebte und wurden vom Publikum geradezu vergöttert. Petrou hat Arien ausgewählt, die Händel beim Opernkomponieren aussortiert hatte. Nicht, weil sie von minderer Qualität waren, so der Künstlerische Leiter, es seien geradezu Meisterstücke, die Händel damals aus dramaturgischen Gründen verworfen hat. Petrou hat sie jahrelang gesammelt und nun zu Balzacs Erzählung neu arrangiert. Er kreiert ein Musiktheater des 21. Jahrhunderts, mit einem Text, der 1830 veröffentlicht wurde, und schockierend guter Musik aus dem 18. Jahrhundert. Balzac wäre von der Erzählweise des ›All-Eins-Sein‹ begeistert.