»Richard O‘Brien‘s The Rocky Horror Show«
Deutsche Fassung von Frank Thannhäuser und Iris Schumacher
Janet Weiss Nathalie Thiede
Brad Majors Leonard Wilhelm
Dr. Frank’N’Furter Moritz Schulze
Magenta Jenny Weichert
Riff Raff Volker Muthmann
Columbia Andrea Strube
Rocky Julian Mantaj
Dr. Everett Scott Ronny Thalmeyer
Eddie Michael Frei
Erzähler Gerd Zinck
Phantoms Luca Dresbach, Dario Gödecke, Lou von Gündell, Lillian Sophie Jöster, Emilia Kolle
Band Michael Frei (Gitarre), Rolf Denecke (Bass), Hans Kaul (Klavier, Synthesizer), Frank Pecher (Gitarre), Sven von Samson / Christian Svenson (Schlagzeug), Anton Säckl / Rolf Rasch (Saxophon)
Regie Moritz Franz Beichl
Musikalische Leitung Michael Frei
Bühne Valentina Pino Reyes
Kostüme Elena Kreuzberger
Choreografie Felicitas Madl
Dramaturgie Michael Letmathe
Regieassistenz Lillian Sophie Jöster
Soufflage Carolin Kahnt
Inspizienz Uta Knust
Vocal-Coaching Julia Hansen
Regiehospitanz Jula Nickel
Kostümhospitanz Clara Ostermeier
Technische Leitung Marcus Weide / Produktions- und Werkstattleitung Lisa Hartling / Produktionsleitung (in Vertretung) und Assistenz der Technischen Leitung Henryk Streege / Technische Einrichtung Thomas Tessenow / Beleuchtung Michael Lebensieg (Leitung, Einrichtung), Martin Paluschkiwitz (Einrichtung) / Tontechnik Julian Wedekind (Leitung, Einrichtung), Mathis Albrecht, Frank Polomsky, Bernd Schumann (Einrichtung)/ Requisite Sabine Jahn (Leitung) / Patricia Opitz (Einrichtung) / Maske Frauke Schrader (Leitung, Einrichtung), Marlene Steinmann, Mats Marcinkowski (Einrichtung) / Kostümausführung Ilka Kops (Leitung), Heidi Hampe, Stefanie Scholz / Malsaal Eike Hansen / Schlosserei Robin Senger, Jonas Jonas Hagenow / Dekoration Regina Nause,
Axel Ristau / Tischlerei Maren Blunk
Aufführungsdauer ca. 2 Stunden, 20 Minuten, eine Pause (20 Minuten)
Aufführungsrechte © By Arrangement with ATG Entertainment GmbH and The Rocky Horror Company Ltd.
Probenfotos Georges Pauly
Bild- und Tonaufnahmen sind während der Vorstellung nicht gestattet.

»DON’T DREAM IT, BE IT«

Ein Plädoyer für politisches Pop-Theater
von Moritz Franz Beichl
1992 kam ich auf die Welt. Ich war ein klassisches Fernseh-Kind und hatte durch ältere Geschwister früh Zugang zu Pop-Musik. Mit acht oder neun Jahren saß ich im Wohnzimmer neben meiner Mutter und meiner Schwester: Ich sah das erste Mal die »Rocky Horror Picture Show« auf Videokassette – und plötzlich ahnte ich etwas von einer anderen, mir bis zu diesem Zeitpunkt fremden Welt. Jene fremde Welt offenbarte sich für mich in ihrer fulminanten Gänze erst sehr viel später, war es doch während meines Heranwachsens eher eine Seltenheit, dass das nicht-normierte Begehren thematisiert und vorgelebt wurde.
Die »Rocky Horror Show« ist ein Stück aus den 70er-Jahren, in dem Aliens auftreten, ein Monster im Reagenzglas geschaffen wird und Gehirne entnommen oder eingepflanzt werden. Da gibt es Laser-Pistolen, audiovibratorische physiomolekulare Transportmittel – und das alles verknüpft mit einer großen Portion Erotik und (queerer) Sexualität. Um die »Rocky Horror Show« hat sich längst ein Kult gebildet, der nach über 50 Jahren noch immer und stärker denn je anhält. Aber was ist es, dass uns an diesem Stoff nach wie vor packt und unsere Körper in Schwingungen versetzt? Und kann ein trashiges Unterhaltungs-Musical letzten Endes sogar eine Rolle im politischen Theater einnehmen?
Wenn ich auf den Mangel an queeren Vorbildern meiner Kindheit und Jugend zurückblicke, so merke ich, wie sehr uns Menschen die allumfassende Popkultur prägt. Nicht nur in unserem ästhetischen Empfinden, sondern auch in unserem Denken, Wahrnehmen und kognitivem Verknüpfen. Popkultur schafft Realitäten, mit denen wir uns identifizieren, die wir als unsere akzeptieren. Popkultur schafft verbindende Referenzen, die im Mainstream für die meisten gelten. Schließlich hat so gut wie jede*r eine Meinung zu Taylor Swift oder Harry Styles – nicht aber unbedingt zu Goethe und Schiller.
Popkultur prägt unsere Realität. Als ich beispielsweise das erste Mal in meinem Leben in New York war, kam es mir vor, als hätte ich in dieser Stadt schon tausende Leben gelebt – nur weil ich als Kind mit amerikanischen Sitcoms wie »Friends« aufgewachsen bin. Auf der anderen Seite ließ mich der Mangel an queeren Vorbildern im Fernsehen der 90er- und 00er-Jahre lange daran zweifeln, ob Möglichkeiten außerhalb der eingeengten, österreichischen Provinz, die mich damals umgab, existieren.

Der Begriff des politischen Theaters ist ein offener. Es gibt zahlreiche Stücke, die sich mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Wirtschaft, Macht, Krieg oder dem menschlichen Zusammenleben an sich befassen. Ich mache solche Stücke als Regisseur sehr gerne – aber in selbiger Rolle widme ich mich auch gerne (vermeintlich oberflächlichen) Phänomenen wie dem Leidensweg der Britney Spears – oder eben schwulen Aliens mit Laser-Pistolen, die Musical-Lieder singen. Und stelle dabei immer wieder fest: Tuntiger Trash im Theater ist keineswegs weniger politisch als es beispielsweise »Dantons Tod« von Georg Büchner ist.
Was kann das Theater? Letzten Endes kann es uns dabei helfen, die Realität, die uns umgibt, zu verarbeiten. Dazu kann das Theater eben jene Realität abbilden – sie verfremden, sie überhöhen. Oder auch: ganz neue, alternative Realitäten schaffen. Das mag paradox klingen: aber der Umweg über fiktionalisierte Lebenswelten kann uns manchmal treffend genau unsere konkreten Lebensrealitäten spiegeln.
Trash, Unterhaltung und überzogener Humor vermag, uns das Lachen im Halse stecken bleiben zu lassen, wenn wir uns in der verzerrten Fratze wiedererkennen. Zombies, Vampire oder Aliens lassen uns darüber nachdenken, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Popkulturelle Massenphänomene zu reflektieren, bedeutet über unser gesellschaftliches Zusammenleben nachzudenken. So wie es die »Rocky Horror Show« tut – ein Stück, das Menschen und Generationen verbindet – und für mich einen politischen, poetischen sowie philosophischen Beitrag zur Kultur leistet.
»ÖFFNE DEINEN VERSTAND – VERSTÄNDIGE DEINE ÖFFNUNG«

»Wir haben keine Zeit für Kartentricks«
Seit nunmehr 50 Jahren trotzt »The Rocky Horror Show« allen Konventionen und begeistert Generation um Generation mit einer einzigartigen Mischung aus Glamour, Trash, Musik, Sex-Appeal und Anarchie. Was 1973 als Musical von Richard O’Brien in London begann und 1975 als Film zur Legende wurde, ist längst mehr als ein Kult: Es ist ein Ritual, ein Befreiungsschlag, ein queeres Manifest im Glitzerkostüm.
Manche geraten beim Anblick exzentrischer Dragqueens in Unruhe – und genau darin liegt bis heute die explosive Aktualität dieses Werks. »Rocky Horror« feiert das Andere, das Übertriebene, das Uneindeutige – und tut das mit einer Lust, die in politisch rückwärtsgewandten Zeiten umso notwendiger erscheint.
Was macht diesen Film und dieses Musical so unwiderstehlich? Sind es die legendären Songs wie der »Time Warp«, die schamlos überdrehten Kostüme, die absurde Frankenstein-Parodie, der Muskelmann aus dem Reagenzglas oder die unzähligen Zitate aus Horror, Science Fiction und Popkultur? Wahrscheinlich ist es genau diese unverschämte Mischung, die sich jeder klaren Einordnung entzieht – und genau darin seine Kraft entfaltet.
Dr. Frank’N‘Furter – eine Figur, die heute ganz selbstverständlich als queere Ikone gelesen wird. Im Zentrum des Musicals steht Franks Schöpfung: Rocky! Ein makelloser Muskelmann, inspiriert von Michelangelos David. Dass dieser Adonis nicht gerade durch geistige Tiefe besticht, gehört zum Witz des Ganzen – Perfektion ist hier immer Pose, nie Ideal.
Und damit sind wir beim Herz der Sache: Camp. Dieser von Susan Sontag beschriebene Stil liebt das Künstliche, das Übertriebene, das Ernsthaft-Unernste. Camp zelebriert den guten schlechten Geschmack, sprengt Schönheitsnormen, ignoriert Geschlechtergrenzen und macht aus Übertreibung eine Haltung. »Rocky Horror« ist Camp in Reinform – und damit zugleich Pop, Parodie und politisches Statement. Und genau deshalb ist »Rocky Horror« bis heute kein Nostalgie-Stück, sondern ein lebendiges Ereignis: Das Publikum singt mit, wirft Konfetti, toastet, tanzt, feiert. Wer bleibt, wird Teil des Spiels. Wer geht, verpasst vielleicht die befreiendste Form von Theater, die es gibt.
Michael Letmathe
»I SEE YOU SHIVER WITH ANTICIPATION«

Das Publikum und Rocky Horror – Ohne euch geht hier gar nichts
»The Rocky Horror Show« ist kein Stück, das man einfach nur anschaut. Es ist ein Ereignis, ein Ritual, eine kollektive Verabredung zum Kontrollverlust. Seit fast 50 Jahren gilt: Dieses Werk gehört nicht nur der Bühne – es gehört genauso sehr dem Publikum.
Was als Musical begann und als Film zum Kult wurde, hat seine eigentliche Form erst durch die Zuschauer*innen gefunden. Sie haben die Regeln erfunden: das Mitsprechen, das Mitwerfen, das Mittanzen. Sie haben aus einer Vorstellung ein Event gemacht, aus einem Abend ein Fest. »Rocky Horror« ist eines der wenigen Werke der Theater- und Filmgeschichte, bei dem das Publikum nicht stören darf, sondern Teil der Inszenierung ist. Wer hier still sitzen bleibt, ist nicht falsch – aber wer sich einlässt, erlebt etwas Besonderes: Gemeinschaft, Übertreibung, Befreiung. Wenn beim »Time Warp« der ganze Saal tanzt, wenn beim »Toast« die Bierdeckel mit gedruckten Toasts fliegen, wenn Texte zurückgerufen werden, entsteht etwas, das kein Regiekonzept allein herstellen kann: ein kollektiver Moment.
Diese Form der Beteiligung ist mehr als Folklore. Sie ist Ausdruck dessen, was »Rocky Horror« im Kern ist: eine Feier der Abweichung, der Lust am Spiel, der Selbstermächtigung. Hier darf man laut sein, schräg, übertrieben, anders. Hier wird nicht angepasst, sondern aufgedreht. In einer Zeit, in der öffentliche Räume oft von Vorsicht, Abgrenzung und Verunsicherung geprägt sind, erinnert »Rocky Horror« daran, wie befreiend es sein kann, gemeinsam Regeln zu brechen – zumindest für einen Abend. Und keine Sorge: Man muss nichts wissen, nichts können, nichts mitbringen außer Neugier. Man darf einfach zuschauen. Aber man darf eben auch mittanzen, mitrufen, mitfeiern.
Warum das Ganze? Weil »Rocky Horror« eine Liebeserklärung ist. Ein Ort, an dem man für zwei Stunden jemand anders sein darf – oder endlich man selbst. In einer Welt, die immer öfter nach Ordnung, Eindeutigkeit und Zurückhaltung ruft, antwortet »Rocky Horror« mit Netzstrümpfen, Glitzer und einer großen Portion Konfetti. Also wundern Sie sich nicht, wenn Sie plötzlich mittanzen.
»ALSO WIRKLICH, DAS IST DOCH KEIN BENEHMEM AN DEINEM ERSTEN GEBURTSTAG«

Zeitsprung: Am 14.8.1975 kommt die »Rocky Horror Picture Show« in die Kinos.
Am 14. August 1975 kommt zunächst Großbritannien in den Genuss, im September folgen dann die Staaten: Als die »Rocky Horror Picture Show« in den Kinos startet, kann nur leider niemand so recht etwas mit dem bunten Grusel-Musical anfangen. Schauen wir uns im heutigen Time Warp – Pardon, Zeitsprung – an, was seitdem aus dem Streifen wurde.
»It’s astounding«, was da am 14. August 1975 über britische Leinwände flackert: Sex! Mutierte Muskelmänner! Tim Curry in Netzstrümpfen! Ein vermeintlich unschuldiges Paar stolpert in eine höchst unorthodoxe Veranstaltung, sieht sich separat von Dr. Frank N. Furter, einem »sweet transvestite from Transsexual, Transylvania«, verführt und in Marmorstatuen verwandelt. Man tanzt, man singt, man verspeist menschliche Überreste. Am Ende waren’s die Aliens. Man kann das nicht erklären; man muss das gesehen haben.

Sex! Mutierte Muskelmänner! Tim Curry in Netzstrümpfen!
Die Handlung stammt aus dem Londoner Quatsch-Musical Rocky Horror Show. Was als Selbstbeschäftigungsmaßnahme des arbeitslosen Schauspielers Richard O’Brien beginnt und stark vom Glam-Rock der frühen Siebziger beeinflusst wird, wandert über ein winziges Theater auf immer größere Bühnen und nistet sich schließlich für sagenhafte sechs Jahre in einem 500 Sitze starken Schauspielhaus in der englischen Metropole ein. Die Übertragung auf ein Bewegtbildformat liegt also nahe: Man kann einen Großteil der Theaterbelegschaft für das Filmprojekt gewinnen, darunter O’Brien selbst als Butler Riff Raff und Tim Curry als außerirdischen Doktor. Eigentlich will diese Rolle ja gern Mick Jagger übernehmen, aber gegen den charismatischen Curry kommt der Stones-Sänger mit seinen zweifelhaften Filmprojekten nun mal nicht an.
Das Musical gastiert mittlerweile auch in Amerika. Aus der dortigen Version klaubt man Meat Loaf in der Rolle des Eddie und holt außerdem eine noch unbekannte Susan Sarandon ins Boot. Die Maske übernimmt gar David Bowies persönlicher Make-up-Guru Pierre La Roche, sodass eigentlich alle Zeichen auf Erfolg stehen. Doch die Publikumsmassen bleiben aus.
Kultfilm mit Publikumsbeteiligung
Kurz nach Veröffentlichung droht dem Film die Versenkung, den breiten Geschmack trifft die fantastische Erzählung wohl doch nicht. So relegiert man den Streifen auf Mitternachtsvorstellungen, und des Nachts strömen scheinbar Figuren ins Kino, die sich mit der musikalischen »Freakshow« identifizieren können. Vor allem im New Yorker Waverly Theater entwickelt Rocky ab 1976 Kultstatus und ein andauerndes Phänomen zeichnet sich ab: Die Anwesenden beginnen, mit dem Gezeigten zu interagieren – und Reis, Toast und Toilettenpapier an die Leinwand zu werfen und eigene Textfragmente zu ergänzen. Besonders an Halloween zählen diese Vorstellungen noch heute zum Pflichtprogramm.
von Victoria Schaffrath und Christof Leim
https://thecircle.de/blogs/popkultur/rocky-horror-picture-show-kinostart-1975