»Welcome to Schöny – please get the fuck out!«

Rebekka Kricheldorf

Uraufführung

 

Premiere: 5. September 2026

Clementine, Bürgermeisterin / Mara, auch genannt die Souvenir-Oma Gaby Dey

Marvin, Destinationsmanager und Lover von Clementine Marco Matthes

Hovi, Altfreak Ronny Thalmeyer

Stef, Wirt des Fischrestaurants »Zur fidelen Makrele« / Erzähler Volker Muthmann

Maria, Anführerin der Stiefkinder des Konsums / Amiri, Beauty Therapist Nathalie Thiede

Ed, Architekt / Aiko, Naturschützer / Nico, Stiefkind des Konsums und Lover von Maria Bastian Dulisch

Fred, Autor / Terry Xanadu, Wellness-Resort-Betreiber / Robin, Stiefkind des Konsums Daniel Mühe

 

 

Regie Erich Sidler

Bühne Lara Roßwag

Kostüme Elena Gaus

Musik Michael Frei

Choreografie Michael Tucker

Dramaturgie Sonja Bachmann

Regieassistenz Elisabeth Kräßig

Soufflage Julia Schröder

Inspizienz Uta Knust

Bühnenbildhospitanz Anna Keppler

 

 

Technische Leitung Marcus Weide / Produktionsleitung (in Vertretung) Henryk Streege / Technische Einrichtung Marco Wendt / Beleuchtung Michael Lebensieg / Tontechnik Julian Wedekind (Leitung),  Mathis Albrecht (Einrichtung) / Maske Frauke Schrader (Leitung, Einrichtung), Charlen Middendorf-Tinney (Einrichtung) / Requisite Sabine Jahn (Leitung, Einrichtung) / Kostümausführung Ilka Kops (Leitung), Heidi Hampe, Stefanie Scholz / Malsaal Eike Hansen / Schlosserei Robin Senger / Dekoration Regina Nause, Axel Ristau / Tischlerei Maren Blunk

 

 

 

Aufführungsdauer ca. 2 Stunden, keine Pause

Aufführungsrechte Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH, Berlin

Probenfotos: Georges Pauly

Bild- und Tonaufnahmen sind während der Vorstellung nicht gestattet.

Die wichtigste Industrie des Jahrhunderts

 

Der Tourismus ist zur wichtigsten Industrie dieses neuen Jahrhunderts geworden. Laut der Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) beliefen sich die Erträge aus dem internationalen Reisegeschäft 2016 auf 1,4 Billionen US-Dollar.1 (…) Die Bedeutung des Tourismus für die nationalen Ökonomien lässt sich schwerlich überschätzen. In Europa leistete der Tourismus 2016 einen (direkten und indirekten) Beitrag zum europäischen BIP in Höhe von 10,2 Prozent. In Spanien trägt der Tourismus sogar mit 14,2 Prozent zum BIP und mit 14,5 zur Be­schäftigung bei, in Frankreich mit 8,9 Prozent zum BIP und mit 9,9 zur Beschäftigung, in Italien mit 11,1 Prozent zum BIP und mit 12,6 zur Beschäftigung (Zahlen für 2016).2 Allgemeiner lässt sich sagen, dass der Tourismus in denjenigen Ländern oder Städten eine abnorme Bedeutung hat, in denen die Zahl der Besuche aus dem Ausland die Zahl der Einwohner übersteigt (wie das in Frankreich, Spanien, Griechenland, Portugal, aber auch in der Tschechischen Republik der Fall ist). Wenn im Übrigen die Finanzmetropole London während der großen Krise 2008/09 nicht allzu sehr unter der Rezession gelitten hat, so deshalb, weil der Wertverlust des Pfund zu einer Zunahme des Fremdenverkehrs aus dem Ausland führte und die finanziellen Verluste der City bei der Beschäftigung und den Einkünften wieder wettmachte.

Tatsächlich muss man zum direkten Umsatz sämtliche mit dem Tourismus verbundenen Wirtschaftszweige hinzurechnen. Unter direktem Umsatz versteht man dabei die Beherbergungs- und fast die ganze Verpflegungsindustrie sowie den Umsatz, der mit dem Transport von Touristen erzielt wird. So beliefen sich beispielsweise die Einkünfte aus dem internationalen Flugverkehr 2016 auf 709 Milliarden US-Dollar.3 Neben diesen Industrien, die vollumfänglich zur Kategorie »Tourismus« gehören, gilt es weitere zu berücksichtigen: zunächst die Flugzeugbauindustrie (und die Flughafenindustrie), die zum Großteil für den Tourismus arbeitet, sodann den Schiffsbau (von Kreuzfahrtschiffen und Privatwasserfahrzeugen). Vom Tourismus speist sich auch ein Gutteil der Automobilindustrie, des Bauwesens (Zweit­wohnsitze, Hotels, Touristenresorts) sowie des Straßen- und Autobahnbaus (letztlich also auch der Zement- und der Stahlindustrie). Natürlich ist der Wohnungsbau nicht als eine vom Tourismus abhängige Industrie entstanden (es gibt ihn schon ein paar Jahrtausende länger), es lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres einschätzen, wie viele Gebäude weniger ohne den Tourismus gebaut würden. Um die kolossale Dimension der touristischen Bauspekulation festzustellen, braucht man in Spanien bloß die andalusische Küste mit ihren scheußlichen seriellen Betonburgen oder in der Türkei an der Ägäis entlangzufahren, wo endlos lange Reihen verwahrloster und oft leerstehender sitesi auf Käufer, meist nach Deutschland emigrierte Türken, warten. Vom Tourismus konzeptionell ebenfalls unabhängig ist die Luft­fahrtindustrie, aber auch hier ist schwer zu ermitteln, wie viele Flugzeuge weniger unterwegs wären, wenn es den Tourismus nicht gäbe. Es wäre interessant, für den Tourismus ein Leontief-Modell aufzustellen.

 

Weiterhin gibt es die Souvenir-, Postkarten-, Reiseführer- und Landkartenindustrie … Von anderen, weniger respektablen Industrien, die nur dank dieses Sektors der Weltwirtschaft exis­tieren, ganz zu schweigen. Es handelt sich inzwischen um eine ganze Galaxie von Firmen und Institutionen (Reisebüros, Hotelketten, Reisebuchverlagen, lokalen Tourismusinformationsstel­len, Werbeagenturen, ganze staatliche Abteilungen und örtliche Behörden, eigens eingerichtete Bank-Servicestellen mit dem Auftrag, Kredite zur Urlaubsfinanzierung einzuräumen und zu ver­kaufen, Immobilienunternehmen – die Liste ließe sich endlos fortsetzen), die Stephen Britton »tourism production system«, den touristischen Produktionsapparat, genannt hat.4

Gerade weil er eine so gewichtige Infrastruktur (und einen solchen »Überbau«) mitbringt, ist der Tourismus auch der größte Umweltverschmutzer: Der UNWTO zufolge verursacht allein der touristische Luftverkehr fünf Prozent der globalen menschlichen Kohlenstoffemissionen, und wenn die aktuelle Entwicklung sich fortsetzt, werden im Jahr 2035 die touristischen Kohlen-stoffemissionen um 130 Prozent angestiegen sein:5 Aus diesem Grund wird immer häufiger ein »nachhaltiger Tourismus« beschworen, ein ebenso widersprüchlicher Begriff wie »nachhaltige Entwicklung«.

Die Geschichte des Tourismus

 

Erinnern wir uns, dass der Tourismus im modernen Verständnis eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist und dass er seinen Boom im vergangenen Jahrhundert erlebte. In Schwung kam er im 19. Jahrhundert dank der unglaublichen Revolution des Verkehrs- und Kommunikationswesens (Eisenbahn und Dampfschifffahrt, Telegrafie), aber erst im 20. Jahrhundert hat sich unsere Gesellschaft zu einer vollwertigen »touristischen Gesellschaft« entwickelt. Im 19. Jahrhundert sehen wir mit dem Unternehmen von Thomas Cook das erste Reisebüro entstehen. Auf Thomas Cook (1808-1892) geht die erste organisierte Exkursion (1841) zurück, die erste Gruppenreise (1845), die erste organisierte Reise um die Welt (1872) zum Preis von 200 Guineen und in 222 Tagen (unter anderem erfand Thomas Cook 1874 auch eine Vorform der späteren Travellerschecks).6 Zur selben Zeit entstand die Industrie der Reiseführer, von denen einige sogar zum Synonym für diese Sorte Bücher wurden, etwa die Reihe des Deutschen Karl Baedeker oder andere ziemlich berühmte, wie die des Engländers John Murray III. (sein Vater John Murray II. war der Verleger von u. a. Jane Austen sowie Lord Byron und dachte sich für die Reiseführer seines Filius den Begriff Handbook aus). Auf Murrays Reiseführer gehen auch die Sterne zur Kennzeichnung besonders interessanter Orte zurück.7

Von Anfang an ließ die Mobilität, die durch die neuen Verkehrsmittel immer breiteren Bevölkerungskreisen zuteilwurde, eine Entwertung des Reisens befürchten. (…) Die Eisenbahn, schrieb John Ruskin 1849, »verwandelt den Menschen aus einem Reisenden in ein lebendiges Paket«; ein französischer Zeitgenosse Ruskins befand, der Bahnreisende kenne kaum »die Namen der Städte, die er passiert hat, und nur flüchtig erkennt er sie an den Türmen der berühmtesten Kathedralen, welche ihm wie die Bäume einer weit entfernten Chaussee erscheinen«. Der Metapher vom »Touristen als Postpaket« war in den folgenden eineinhalb Jahrhunderten großer Erfolg beschieden.8

Auf damals geht die Unterscheidung zwischen dem »Reisenden« und dem »Touristen« zurück, wobei ersterem eine positive, letzterem eine negative Bedeutung vorbehalten ist: 1871 schrieb der englische Geistliche Robert Kilvert in sein Tagebuch: »Wenn mir etwas ganz besonders zuwider ist, dann, wenn man gesagt bekommt, was man bewundern soll, und mit dem Zeigestock da­rauf gestoßen wird. So ist von allen Schädlingen der Tourist der schädlichste.«9 Noch heute sprechen wir von »Touristenhorden«.

(…)

Bereits seit dem Ende des 16. Jahrhunderts war eine »Vergnügungs- und Bildungsreise« für die Sprösslinge aus den Adelshäusern Vorschrift (und Privileg). Wie uns Francis Bacon in seinem zweiseitigen Essay mit dem Titel Über das Reisen (1625) mitteilt, war es im Hinblick auf die später so genannte Grand Tour für einen jungen Mann unerlässlich, die Sprachen der Länder, die er besuchen wollte, vorab zu erlernen; außerdem sollte ihn ein ortskundiger Tutor, auch zur Überwachung seiner Fortschritte, begleiten. (…) Die Grand Tour war für den Adel des 18. Jahrhunderts mehr oder minder eine Pflichtübung. Für einen Adligen aus dem Piemont wie Vittorio Graf Alfieri (1749-1803) bedeutete sie den Besuch von Mailand, Florenz, Rom, außerdem Paris, London, St. Petersburg, Spanien, Portugal, Deutschland, Holland.10 (…) Als das aufstrebende Bürgertum zu Beginn des 19. Jahrhunderts dem Adel in der Praxis der Grand Tour nacheiferte, um sich das kulturelle Kapital anzueignen, das aus der großen Reise erwuchs, verwandelte sich die Tour in etwas anderes, genauso wie sich die Texte mit Rat­schlägen und Vorschriften für die jungen adligen Reisenden in Reiseführer verwandelten. Die Aufholjagd kommt nie ans Ende, und mit jeder Etappe verändert sich die verfolgte Praxis.

(…)

Je massenhafter der Tourismus tatsächlich praktiziert wird, desto mehr verfängt Gobineaus alte Stigmatisierung, denn der Tourist unterliegt zwei unerbittlichen Beschränkungen – des Geldes und der Zeit -, durch die ihm verwehrt bleibt, dass er sich mit Muße dem Reisen und der Besichtigung hingibt: Die Eile, das hit and run gehören untrennbar zum konventionellen Bild des Massentourismus dazu. Während die beschränkten Mittel natürlich stärkeren Zwang auf die urlaubenden Proletarier ausüben (und die ihnen zur Verfügung stehende Zeit verkürzen, weil jeder Reisetag kostet), betrifft die Zeitknappheit wiederum auch die neue herrschende Klasse, die im Unterschied zu den alten Eliten unermüdlich arbeitet. (…) In keiner touristischen Situation ist der ökonomische Zwang so augenfällig, so zur Schau gestellt und so verinnerlicht wie auf dem Campingplatz. Im Tourismus der Arbeiter wird das Campen zur Massenpraxis: Der erste organisierte Campingplatz, von dem man Kenntnis hat, wurde 1894 in Howstrake auf der Isle of Man eröffnet – zehn Jahre später standen darauf bereits 1500 Zelte aber erst mit der Verbreitung des Automobils und des Arbeiter­urlaubs griff das Camping massenhaft um sich: 2015 zählten die knapp 30 000 Campingplätze der Europäischen Union 247 Millionen Übernachtungen.10 Auf der Skala der Verachtung, die den Tourismus im Zeitalter seiner Proletarisierung unauslöschlich befleckt, steht der Camper ganz unten. Wenn auch die Angehörigen der Industriebetriebe, die Arbeiter, Touristen werden, dann wird der Tourismus selbst zur »Industrie« (Touristikindustrie) und fällt unter die Kategorie des »Massenkonsums«, wird Bestandteil der »Massenkultur«, der man folglich getrost den verächtlichen Blick der Frankfurter Schule auf den »entfremdeten Konsum« anhängen kann.

Ohne zwei weitere zugehörige »Vermassungen«, die des Automobils und die des Fliegens, hätte der Tourismus jedoch nicht wirklich zum Massenphänomen werden können. Erst mit der Verbreitung des »Kleinwagens« (auch hier wieder die soziale Verachtung!) im Europa der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts und später mit den Billigflügen (die sich end­gültig in den neunziger Jahren durchsetzten) wurde der Tourismus – speziell der internationale – zum richtiggehenden Massentourismus. In diesem Sinne ist die touristische Weltrevolution ein Phänomen der Nachkriegszeit.

(…)

Mit den Billigflügen hat sich der Tourismus globalisiert: Während in den fünfziger Jahren die fünfzehn wichtigsten Destinationen 98 Prozent der internationalen Reisen absorbierten, lag das Verhältnis 1970 bei 75 und sank dann bis 2007 auf 57 Prozent. Daran, dass der Tourismus inzwischen global ist, besteht kein Zweifel: Eine Milliarde und 186 Millionen Reisen pro Jahr bedeuten, dass einer von sieben Menschen Auslandsreisen unternimmt: eine monströse Flut, eine Horde, der ein jeder von uns wohl oder übel angehört. Zählte man zu guter Letzt auch noch Reisende im jeweils eigenen Land hinzu (deren Zahl man ermittelt, indem man die Anzahl der internationalen Touristen mit dem Faktor 4 multipliziert), so hätte man vor sich ein Bild der ganzen Menschheit in immerwährender, rastloser Betriebsamkeit.

1 United Nations World Tourism Organization (UNWTO), Tourism Highlights 2017, online verfügbar unter: {http://www.e-unwto.org/doi/ pdf/io 18111/978 928 441 9029} (Stand Januar 2018), S. 2 (Flugkosten sind mit einberechnet).

2 Für die EU insgesamt: World Travel & Tourism Council, »Travel & tourism. Economic impact 2017. Other Europe«, online verfügbar unter: {https ://www.wttc.org/-/media/files/reports/economic-impact-rese arch/regions-2017/othereurope2o17.pdf}, S. 8; für Spanien: {https: //www.wttc.org/-/media/files/reports/economic-impact-research/ countries-2017/ spain2017.pdf} ; für Frankreich: {https://www.wttc. org/-/media/files /reports /economic-impact-research /countries-2017 /france2017.pdf}; für Italien: {https://www.wttc.org/-/media/files/ reports/ economic-impact-research/ countries-2017/ italy2017.pdf} (alle Stand Januar 2018).

3 International Air Transport Association, »Fact sheet industry statistics« (Dezember 2017), online verfügbar unter : {https://www.iata.org/ pressroom / facts_figures / fact_sheets/ Documents/ fact-sheet-industry-facts.pdf} (Stand Januar 2018).

4 Britton, Stephen, »Tourism, capital and place: towards a critical geography of tourism«, in: Environment and Planning D: Society and Space 9 (1991), S. 451-478, S. 455.

5 World Tourism Organization, From Davos to Copenhagen and Beyond: Advancing Tourism’s Response to Climate Change, UNWTO Background Paper, Madrid: World Tourism Organization 2009, online verfügbar unter: {http ://sdt.unwto.org/ sites/ all/files/ docpdf/fromdavostoco penhagenbeyondunwtopaperelectronicversion.pdf} (Stand Januar 2018).

6 Vgl. Brendon, Piers, Thomas Cook. iso Years of Popular Tourism, London: Secker and Warburg 1991.

7 Vgl. Buzard, James, The Beaten Track. European Tourism, Literature, and the Ways to »Culture« (180o-1918), Oxford: Clarendon Press 1993, insb. S. 65-77.

8 Zitiert nach Schivelbusch, Wolfgang, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 1989, S. 187 f., Anm. 8 u. 9.

9 Zitiert nach Buzard, The Beaten Track, S. i f. (Hervorhebung des Autors). Dem Oxford-Dictionary zufolge taucht der Begriff »tourist« 1780 auf.

10 Alfieri, Vittorio, Vita. Mein Leben, aus dem Italienischen übersetzt, mit Anmerkungen, einem Nachwort und einer Bibliografie versehen von Gisela Schlüter, Mainz: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung 2010 [1803], vgl. die gesamte »Dritte Epoche: Jugend. Rund zehn Jah­re lang: ein Leben der Reisen und Ausschweifungen«, S. 99-205. Die Vita wurde ins Französische, Englische, Deutsche und Schwedische übersetzt.

11 Daten von Eurostat, »Nights spent at tourist accommodation estab­lishments«, dort in der Kategorie »Camping grounds, recreational ve­hicle parks and trailer parks« ; online verfügbar unter: http://appsso. eurostat.ec.europa.eu/nui/submitViewTableAction.do} (Stand Janu­ar 2018).

 

aus: Marco d’Eramo: Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters, aus dem Italienischen von Martina Kemper, Berlin 2018

Overtourism

Direkte negative Effekte

 

Neben der – auch objektiv fassbaren – reinen physischen Überfüllung von räumlichen Settings können von Besuchern auch eine Reihe von direkten negativen Effekten ausgehen. Zu den negativen direkten Effekten einer intensiven touristischen Frequentierung einer Destination zählen:

(1) Überlastete Infrastruktur

(2) Lärm und Störung durch das Verhalten der Touristen

(3) Irritation durch die Präsenz von Touristen.

 

Zu (1) überlastete Infrastruktur: Nicht ganz klar vom Overcrowding zu unterscheiden – und mit fließenden Übergängen – können hohe Besucherzahlen über den öffentlichen Raum auf Straßen und Plätzen hinaus auch dann negative Auswirkungen auf die Bewohner haben, wenn diese die gleichen Angebote nutzen wie die Besucher. Die betrifft die entsprechende Infrastruktur. Öffentliche Verkehrsmittel können durch die zusätzliche Nachfrage von Besuchern an ihre Kapazitätsgrenzen gelangen. Überlastete öffentliche Verkehrsmittel können (zumindest in bestimmten Bereichen oder zu bestimmten Zeiten) als negative Auswirkungen für die Bewohner angesprochen werden. Gleiches gilt, wenn beide Gruppen Plätze in gastronomischen Einrichtungen oder Kulturangeboten nachfragen und die Nachfrage durch die Besucher es den Bewohnern erschwert, einen Platz in einer Gaststätte oder eine Eintrittskarte für ein kulturellen Angebot zu erhalten.

 

Zu (2) Lärm und Störung durch das Verhalten der Touristen: Stark auch mit dem Verhalten der Touristen in Zusammenhang stehen die von diesen möglicherweise ausgehenden Störungen. Hierzu zählt der Lärm, der – insbesondere nachts – vom Aufenthalt der Besucher vor allem in der Außengastronomie oder beim Unterwegs sein in den Stra­ßen ausgehen kann. Nächtigen Besucher in Privatgebäuden, in denen sie über AirBnB oder eine andere Sharing-Plattform eine Wohnung angemietet haben, kann die Störung von unangemessenem Verhalten im Treppenhaus oder nächtlichen Partys in der angemieteten Wohnung ausgehen. Ähnliches gilt auch für mögliche Hinterlassenschaften der Touristen (Müll oder sogar Körperausscheidungen nach exzessivem Alkoholgenuss).

 

Zu (3) Irritation durch die Präsenz von Touristen: Das Gefühl der Störung bzw. Irritationen entstehen aber auch teilweise ohne konkrete direkte physische Emissionen. Besucher aus anderen Kulturkreisen oder anderen Lebensstilgruppen können auch als „fremd“ empfunden werden und damit als direkt störend, ohne dass von diesen (durch inadäquates Verhalten) objektiv fassbare Beeinträchtigungen ausgehen.

Vor dem Hintergrund partiell xenophober Tendenzen bei Teilen der Wohnbevölkerung wird vermutet, dass z. B. physiognomisch als aus der arabischen Welt stammend zu identifizierende Besucher*innen (Verschleierung) als störend empfunden werden. Teilweise werden diesen dann über sekundäre Rationalisierung Verhaltensmuster zugeschrieben, die konkrete Störungen bedeuten (z. B. inadäquates Sozialverhalten), um die generellen Berührungsängste zu kaschieren.

Indirekte Effekte

Das Gefühl der „Fremdheit“ in der eigenen Stadt oder im eigenen Wohnquartier ist gleichzeitig auch der Übergangsbereich zu den eher indirekten Effekten. Auch in diesem Bereich ist es – obwohl manche der Effekte auch konkret objektiv messbar sind – wieder vor allem die Wahrnehmung der Bewohner, die für die Artikulation von Irritationen wirksam wird.

Als indirekte Effekte einer intensiven touristischen Frequentierung einer Destination, die von den Bewohnern als negativ empfunden werden können, zählen:

(1) Strukturwandel im Einzelhandelsangebot

(2) Veränderungen im gastronomischen Angebot

(3) Nutzungskonkurrenz, z. B. auf dem Wohnungsmarkt.

 

Zu (1) Strukturwandel im Einzelhandelsangebot: In Straßenzügen mit einer intensiven touristischen Frequentierung entstehen üblicherweise mehr und mehr vor allem auf die Bedarfe der Besucher ausgerichtete Dienstleistungsangebote. Entlang der sog. „Straße der Ameisen“ häufen sich Souvenirläden bzw. kunstgewerbliche Angebote. Diese werden von den Bewohnern kaum nachgefragt und ersetzen früher an diesen Standorten vorhandene stärker auf den Bedarf der Bewohner ausgerichtete Geschäfte.

Oftmals wird unterstellt, dass die über eine höhere Zahlungsfähigkeit (rent paying ability) verfügenden tourismusorientierten Geschäfte klassische quartierbezogene Einzelhandelsangebote verdrängen. Auch wenn dieser Verdrängungseffekt existiert, ist es aber auch oftmals so, dass im Zuge des klassischen Strukturwandels im Einzelhandel auch ohne den Einfluss von touristisch ausgerichteten Angeboten ein Großteil der kleinteiligen, inhabergeführten, der Quartiersversorgung dienenden Ladenlokale in den letzten Jahrzehnten aufgegeben worden sind. Hintergrund ist die verstärkte Orientierung der Bewohner auf größere, oftmals an nicht-integrierten Lagen am Stadtrand entstandene großflächige Einzelhandelsangebote bzw. auf innerstädtische Einkaufszentren und Passagen mit einem hohen Filialisierungsgrad (genauer z. B. bei Bearing Point und IIHD 2015). Die Veränderung der Geschäftsstruktur ist dem­entsprechend nur selten monokausal der zusätzlichen touristischen Nachfrage zuzuordnen. Gleichwohl wird durch das Verschwinden von traditionellen Geschäftslokalen für die Quartiersversorgung oftmals das Gefühl verstärkt, dass es eben nicht mehr das „eigene“ Viertel ist, sondern man sich als Fremder in der eigenen Wohnumgebung fühlt.

 

Zu (2) Veränderungen im gastronomischen Angebot: Ähnlich verhält es sich auch mit dem gastronomischen Angebot, auch wenn dieses tendenziell eher als reine Souvenirläden auch von den Bewohnern wahrgenommen wird. Mit induziert durch eine zunehmende touristische Nachfrage erhöht sich einerseits oftmals das gastronomische Angebot und kann dementsprechend auch dazu führen, dass für die Bewohner ein breiteres Spektrum zur Verfügung steht. Andererseits entstehen aber oftmals auch gastronomische Angebote, die nur begrenzt von den Bewohnern nachgefragt werden. Auch passen sich bestehende gastronomische Einrichtungen in vielen Fällen der touristischen Nachfrage an, so dass sich Bewohnern oftmals in „ihren“ Stammlokalen nicht mehr wohl fühlen.

 

Zu (3) Nutzungskonkurrenz, z. B. auf dem Wohnungsmarkt: So lange Übernachtungsgäste weitgehend auf gewerbliche Übernachtungsangebote in Hotels, Hostels etc. konzentriert waren, hatte dies kaum Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Das Vordringen von Sharing Angeboten führt – bei nicht dem ursprünglichen Sharing-Gedanken entsprechenden Gebrauch – dazu, dass dem Markt Wohnmöglichkeiten für die Langzeitvermietung entzogen werden. Die Verknappung trägt dann auch zu einer Verteuerung bei.

Auch wenn dieser Effekt bezogen auf gesamte Städte insgesamt eher als gering anzusprechen ist, kann er in manchen Quartieren durchaus spürbare Auswirkungen aufweisen. Die Nutzungskonkurrenz führt dann zu entsprechenden negativen Reaktionen der Wohnbevölkerung.

 

aus: Andres Kagermeier: Overtourism, München 2021