Theater einBLICK
Die Bredouille: Natur, Arbeit, Geld oder Urlaub?
Blauer Himmel mit weißen Wolken, grüne Landschaft auf der Bühne des Deutschen Theaters. Vor dieser Idylle sitzen Fred (Daniel Mühe) und Ed (Bastian Dulisch). Das queere Paar tauscht sich über die Alltagsprobleme der Oberklasse aus. Die Silhouette eines riesigen Kreuzfahrtschiffes erscheint von links kommend auf der Bühne und schiebt sich, fast alles erdrückend in den Vordergrund. Die Natur verschwindet hinter dem Schiff, nur ein kleiner Teil ist an der rechten Seite noch zu erahnen. Der Gigant wird von der Bürgermeisterin Clemetine (Gaby Dey) beiseitegeschoben, und ein reger Austausch mit Bewohner*innen des Dörfchens Schöny beginnt. Vor 10 Jahren wurde im Ort darüber abgestimmt, das Kreuzfahrtterminal auszubauen und Kapazitäten für den Tourismus zu erhöhen. Seitdem explodieren die Kosten für Mieten und Wasser. Unfallzahlen durch unachtsame oder alkoholisierte Touristen nehmen zu, Notaufnahmen sind überlastet. Der Tourismusboom bringt Probleme, welche Clementine als Herausforderungen einer neuen Ära bezeichnet. Nur wenige profitieren vom Massentourismus, wie Terry Xanadu (Daniel Mühe) und Stef (Volker Mutmann), Inhaber sowie Koch der »Fidelen Makrele«. Diese beiden wünschen natürlich keine Veränderungen, obwohl Stef gerne mal wieder qualitativ hochwertige Speisen zubereiten würde, statt ständig billiges Fastfood. Er wünscht sich einen hochklassigen Tourismus, anstatt Invasionen von Tagestourist*innen. Die Bürgermeisterin hat den Freizeitwissenschaftler (Marco Mathes) engagiert, der auch ihr Liebhaber ist. Über Game Change, Umleitung der Tourist*innenströme, sensiblen Umgang mit der Natur und den Einsatz von Awarenessteams wird referiert. Die Studierenden Marie (Nathalie Thiede), Nico (Bastian Dulisch) und Robin (Daniel Mühe) werden Aktivist*innen, demonstrieren in eindrucksvoller Weise für den Naturschutz und Chancengleichheit. Gibt es ein Recht auf Fernreisen? Ihre Petition für Null Tourismus hat Erfolg. 60 Prozent der Einwohner*innen stimmen für eine radikale Wende. Das Kreuzfahrtterminal wird gesprengt und plötzlich kommt eine kaum erwartete Wende. Bewohner*innen ziehen in die Ferne, um dort ihr Einkommen zu haben. Das Insel-Urgestein, der konservative Hovi, welcher ehemals als Poseidon Werbung für Sushi-Kurse gemacht und diese öffentlich kritisiert hat, zeigt sich der rechten Szene zugewandt und wird später Fischer. Stef, der Inhaber der »Fidelen Makrele«, zwischenzeitlich auch Fischer, wird zum Erzähler (Volker Mutmann) und führt auf humorvolle, impulsgebende Weise weiter durch die Aufführung. Diese zeigt viele Dilemmata der heutigen Gesellschaft. Unbequeme Themen, wie: zerstörte Natur, Klassismus, Massentourismus, Populismus, Munitionsfabriken, Ausbeutung von Menschen, Betrug, Lobbyismus, unbezahlbare Mieten und Nebenkosten werden dem Publikum ans Herz gelegt. Aber auch Impulse zu Lösungen der Problematiken werden aufgezeigt, wie ökologischer Tourismus, neue Arbeitsfelder, Kooperation von jung und alt sowie arm und reich. Kurz gesagt gibt es positive Sichtweisen für die Zukunft, sogar der wohlhabende Geschäftsmann Terry erlebt einen Sinneswandel, agiert plötzlich auf Augenhöhe und setzt sich für ein Miteinander auf Augenhöhe sowie den Naturschutz ein. Diese Komödie von Rebekka Kricheldorf wurde vom Regisseur Erich Sidler und dem Ensemble eindrucksvoll auf die Bühne gebracht. Das Bühnenbild (Lara Roßwag) unterstrich stets die Szenen, wobei der Farbwechsel des Hintergrundes (blauer Himmel, einfarbig rot, grün) und eingangs das riesige Kreuzfahrtschiff ihren Eindruck hinterlassen haben. Die Schauspielenden schlüpften bewegend und polarisierend in ihre Rollen und füllen diese authentisch, sehr beeindruckend mit Leben. Eine besondere Leistung ist, dass fast alle Mitglieder des Ensembles viele Rollen spielen, die sich zum Teil im Charakter sehr unterscheiden. Der fliegende Wechsel war für Zuschauer*innen kaum bemerkbar, die Kostüme (Elena Gaus) unterstreichen stets den jeweiligen Rollencharakter. Jede*r der Besucher*innen wird durch diese Augen öffnende Aufführung zum Nachdenken angeregt und kann entscheiden, wo sie/er steht. Niemand fühlt sich an den Pranger gestellt. Dieses Stück ist demokratisch, denn Menschen mit verschiedensten Ansichten und aus unterschiedlichen Gesellschaftsklassen gehen in den Dialog, Minderheiten zetteln ein Volksbegehren an und gewinnen. Diese Aufführung regt zweifelsfrei auch Sie zum Austausch an. Machen Sie sich nach einem Besuch dieser Komödie Ihr eigenes Bild, wo stehen Sie?
