Theater einBLICK

12.05.2026

Die Frage nach dem Untergang des liberalen Patriarchats

Felicitas Klingler, Scharfer Blick / Kritiker*innenclub, 7. Mai 2026

Die politische Komödie »Doping« von Nora Abdel-Maksoud, die das Deutsches Theater Göttingen in seinen Spielplan aufgenommen hat, erweist sich im Kern als radikale Kritik am liberalen Patriarchat, bei der auch der Feminismus nicht ungeschoren bleibt.

Vordergründig erzählt das Stück von einem Lokalpolitiker und seinem Wahlkampfteam, das fieberhaft versucht, eine plötzlich auftretende Inkontinenz ihres Kandidaten therapieren zu lassen. Über alte Seilschaften geraten sie dabei an einen gescheiterten Arzt und eine feministische Krankenschwester, die gemeinsam eine Privatklinik in einem U-Boot betreiben und dabei zu fragwürdigen Methoden greifen. In seiner verzweifelten Lage, kurz vor einem entscheidenden Auftritt, bleibt dem Politiker nichts anderes übrig, als sich darauf einzulassen.

Im weiteren Verlauf driftet die Handlung zunehmend ins Absurde, stellenweise sogar ins Infantile ab, sodass man sich zeitweise eher in einem Abenteuer-Kinderstück wähnt als in einer politischen Komödie. Etwa wenn die von Agnes Mann gespielte Protagonistin mit Steiff-Ohrknopf und behaarten Teddybeinen auftritt oder wenn am Ende eine U-Boot-Klinik auf einem Geldberg unter Wasser zu zerschellen droht und die Crew heillos überfordert ist. Diese infantilen Elemente sorgen nicht nur für ausgiebige Lacher, sondern legen zugleich die fehlende Bereitschaft der Figuren offen, sich mit der Komplexität der Welt auseinanderzusetzen und Verantwortung zu übernehmen.

Das Stück wirkt in zweifacher Hinsicht entlarvend: Es demontiert sowohl die Vorstellung, gesellschaftliche Anerkennung sei an Leistung gebunden, als auch die Annahme, Feminismus könne unabhängig vom Patriarchat existieren. Die Entscheidung, die FDP als konkrete Vorlage zu wählen, spitzt die Kritik auf eine Partei zu. Gerade patriarchale und antisoziale Denkmuster lassen sich aber auch in anderen Parteien wiederfinden. Die Autorin hätte meiner Meinung nach hier weniger konkret werden müssen. So läuft die Inszenierung Gefahr, dass sich weniger Menschen von der Kritik angesprochen fühlen. Bemerkenswert ist die Flut an Seitenhieben, die das Publikum regelrecht überfordern. Diese reichen von Anglizismen aus dem Wirtschaftsbereich wie Pitch über ironische Spitzen gegen die Body-Positivity-Bewegung – etwa wenn Lizzos »Song Good as Hell« chorisch angestimmt wird –, bis zur Kritik an toxischem Positivdenken (»Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, nicht krank zu sein.«) oder auch die Reproduktion leerer Phrasen patriarchaler Trinkkultur. All dies führt exemplarisch vor Augen, wie tief liberale und patriarchale Denkweisen in gesellschaftlichen Strukturen verankert sind.

Das Ensemble präsentiert sich in Schirin Khodadadians inspirierender Inszenierung als hervorragend eingespieltes Team, das sich mit sichtbarer Spielfreude jeder noch so albernen Situation hingibt. Besonders Agnes Mann ragt als ›wahre‹, zugleich exzentrische Feministin heraus. Sie verkörpert eindrucksvoll den Zwiespalt zwischen kämpferischem Anspruch und moralischer Bestechlichkeit: In einem Solo legt sie die Kosten des Patriarchats offen, nur um am Ende doch zu ihrem ›guten Kerl‹ zurückzukehren. Marco Matthes überzeugt als erkrankter Politiker im Zentrum des Geschehens, dessen Verlogenheit sich in Sätzen wie »Ich wache nachts auf, weil ich glücklich bin« entlarvt. Volker Muthmann gestaltet den egoistischen Patriarchen, der sogar seine eigene Tochter im Stich lässt, mit eindringlicher Präsenz und betont dessen infantile Züge. Andrea Strube in überdimensionierten Cowboystiefeln gelingt es, die tragikomische Figur des gescheiterten Arztes mit Humor und Selbstironie zu zeichnen. Jenny Weichert schließlich entwickelt ihre Rolle von der fleißigen, ambitionierten Mitarbeiterin, die an der gläsernen Decke scheitert, zur ernüchtert Erwachten überzeugend.

Besonders hervorzuheben sind die von Johannes Hintzen Mittl gestalteten chorischen Passagen aus der Popkultur, etwa mit »What Is Love« oder »I’ll Be There for You«. Dieses vergleichsweise einfache musikalische Mittel unterbricht die Handlung wirkungsvoll und macht deutlich, dass trotz aller Widersprüche letztlich alle Figuren Teil desselben liberal-patriarchalen Spiels bleiben.

Das Bühnenbild von Carolin Mittler bleibt bewusst reduziert. Lediglich schwere graue Samtvorhänge, versehen mit dem Emblem des Bundesadlers, setzen einen markanten Akzent – womöglich ein Sinnbild für die allgegenwärtige Macht des Patriarchats. Ergänzt wird dies durch zusätzliche, mit dem gleichen Stoff bezogene Stühle, die zu Beginn als für die FDP reserviert erscheinen und das Publikum unmittelbar in die Szenerie einer Wahlveranstaltung einbinden.

So ist »Doping« ein ebenso überdrehtes wie ernstes Theatererlebnis, das sein Publikum Tränen lachen lässt und zugleich mit der unbequemen Frage konfrontiert, wie tief es selbst in die Mechanismen des liberalen Patriarchats verstrickt ist. Klar bleibt: Sein Untergang bleibt in weiter Ferne.