Theater einBLICK
Erinnern heißt Verantwortung
Zu Beginn der neuen Spielzeit am Deutschen Theater Göttingen hatte am 29. August das Theaterstück »neunzehnhundertzweiundvierzig. Memorails Göttingen« Premiere. Ein Rechercheprojekt, gefördert vom Bund und der Stiftung EVZ. Es setzt sich mit der Judendeportation und Zwangsarbeit in Göttingen auseinander. Einer Stadt, die seit den 1920er-Jahren rechtsextrem war. In der ersten Stunde führt ein Audiowalk durch die Stadt über verschiedene Stationen. Diese Stationen beschreiben den Weg von Jüdinnen und Juden zum Bahnhof, zu den Gleisen. Man erfährt etwas über das Leben der 84-jährigen Anna Rosenberg, wo sie gewohnt hat und wie Stück für Stück Göttingen zu einer Stadt der Ausgrenzung wurde. Wie Entrechtung, Denunziation, Gewalt und Ausbeutung zum Alltag und vor aller Augen der Stadtbevölkerung sichtbar wurde. Wie aus Menschen Täter wurden. Zerstörte Geschäfte, eine Verbrannte Synagoge – all das sind Spuren, denen wir auf diesem Walk nachgehen. Für mich ist es ein immersiver Gang, da der damalige und heutige Alltag sich überlagern. Zum Beispiel, wenn man Autos oder Rennräder hört oder wenn die Stadtgesellschaft uns anschauen. All das Unrecht, das hier geschehen ist, lässt mich erschaudern und fragen, wie ich mich damals verhalten hätte. Angesichts von erstarkendem Rechtsextremismus und Antisemitismus. Angekommen beim Güterbahnhof hören wir die Geschichte von Heinz Rosenberg, dem Enkel von Anna Rosenberg und ein Holocaustüberlebender. Eine mahnende Stimme der Erinnerung.
Das dem Walk folgende Theaterstück verschiebt den Fokus von der Deportation der Jüdinnen und Juden zu den Millionen Zwangsarbeiterinnen im NS-Staat, die am gleichen Bahnhof ankamen. In Göttingen gab es ca. 9000 Zwangsarbeiterinnen, die in Rüstungsfabriken, in Betrieben und privaten Haushalten arbeiteten. Es gab verschiedene Lager in Göttingen, wie den Schützenplatz, wo sie lebten. Die Bühne (Michael Köpke) besteht aus Stühlen, die in einem konzentrischen Kreis auf die Mitte gerichtet sind. An einer Wand ist eine Bühne aufgebaut und darüber werden zu den Szenen Bilder und Videos vom damaligen Göttingen projiziert. Die Zwangsarbeiterinnen bekommen ein Gesicht und ihre Geschichten werden von vier Schauspielerinnen erzählt. Diese Gesichter der Zwangsarbeiterinnen sind als Fotos auf den Masken erkennbar. Die Schauspielerinnen wechseln dabei im schnellen Tempo zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, wann immer sie die Maske überziehen.
Exemplarisch wird in der Inszenierung die Firma Schneeweiß betrachtet, eine Großwäscherei am Leineufer, die während des Krieges die Uniformen von Soldaten wusch. Zwölf Stunden ohne Pause mussten die Zwangsarbeiterinnen mit Bleichmitteln arbeiten, die ihre Hände verletzten. In der Inszenierung von Gernot Grünewald wird dies durch eine Choreografie (Felicitas Madl) dargestellt. Volle Wäschesäcke werden in die Mitte des Raumes gebracht, gestapelt und die Wäsche teilweise herausgenommen. Bis zur Erschöpfung schlagen die Schauspielerinnen auf den Boden der Bühne, während gleichzeitig eine düstere Musik (Daniel Sapir) läuft. Neben dem Arbeitsalltag gab es auch den privaten Alltag, in dem Frauen gemeinsam musizierten oder die Möglichkeit hatten, zum Friseur zu gehen. Eine weitere Ebene ist die der Verantwortung heutiger deutscher Konzerne und ihre Rolle im NS-System. Genannt wurde u.a. die Keksfabrik Bahlsen und eine Schauspielerin – modern gekleidet – spielte Verena Bahlsen, die behauptete, Bahlsen hätte ihre Zwangsarbeiter gut behandelt. Nach einer Stunde ging das Theaterstück mit viel Applaus zu Ende. Anschließend luden die Schauspielerinnen die Zuschauer*innen dazu ein, das Geschehene bei einem Getränk zu diskutieren.
Ein emotionales Stück, mit großer Wucht gespielt und einem Audiowalk, der das Gefühl vom damaligen Göttingen in einer besonderen Art und Weise wiedergibt. Ein unvergessenes Erlebnis, das nachhallt und eine sehr gelungene theatralische Auseinandersetzung mit dem Thema Zwangsarbeit in Göttingen. So bleibt die Hoffnung, dass sich wieder mehr Menschen für diese Geschichten interessieren und sie nicht ins Abstrakte verschwinden.
