Theater einBLICK

18.05.2026

Individuelle Leistung oder doch lieber gesellschaftliche Anschauung mal dopen?

Jonas Wiemann, Scharfer Blick / Kritiker*innenclub 7. Mai 2026

Wir bewegen uns auf der Bühne … nein, unter Wasser … oder doch auf einer Marathonstrecke? Auf jeden Fall auf Sylt, unter Neoliberalen der Ortsgruppe Wenningstedt-Braderup. In einem Lauftempo, das sich bis zu einem Sprint steigert, um dann in ein gemächliches Gehen zu wechseln, um daraufhin wieder in ein rhythmisches Laufen zu verfallen. So gestaltet sich Schirin Khodadadians Aufführung des Stücks »Doping« in einem fesselnden Wechsel der Geschwindigkeit. Geistreiche Anekdoten, laute Lacher, ulkige Musicaldarstellungen und Aussagen, die einen die Hände vor den offenstehenden Mund schlagen lassen, um das Gesagte auf der Bühne zu verdauen.

Die Zuschauer*innen werden mit einem Bühnenbild von Carolin Mittler begrüßt, das auf eine Pressekonferenz schließen lässt: eine Bühne, Mikrofone, ein grau-blauer Vorhang mit dem deutschen Adler als Emblem und Stühle vor der Tribüne im gleichen Stoff wie der Vorhang. Seriös, formell, ernsthaft. Nur die Lampen, die zwar kaltes weißes Licht ausstrahlen, um eine klare, unanfechtbare Tatsache auszuleuchten, bilden mit ihrer TicTac-Form und der originellen, zapfenförmigen Glühbirne einen Kontrast zur Steifheit. Gekonnt werden im Laufe des Stücks mit Licht, Stühlen und einem Wasserstrahl aus der Bühnenmitte Ortswechsel kenntlich gemacht.

Großes Lob gilt den Kostümen, mit denen Carolin Mittler einen Grad der Seriosität erschafft, der dann zugleich die komödiantische Erscheinung der Figuren zulässt. Die Lokalpolitiker*innen sind in einem Blau gekleidet, passend zueinander. Jedoch wird durch einen zu knappen Pullover, eine wunderliche Herren-Handgelenkstasche und eine komisch-stilistische Umhängetasche die Ernsthaftigkeit der Drei in Frage gestellt. Von dem unstimmig weiß gebleichten Zähnen ganz abzusehen. Dr. Bob in seinem weißen Joggeranzug und seine Krankenschwester und Hebamme Gesine, in ihrem senfgelben, samtigen Outfit mit lässiger Bauchtasche, lassen einen Schmunzler im Gesicht aufkommen. Die Charaktere der Figuren als vorzeige ›Macher‹-Kommunalpolitiker mit Geltungsanspruch, pseudointellektuellen Arzt mit Drogenproblem und ulkige Krankenschwester werden passend untermauert und zugleich wird ein Raum geschaffen, in dem die Figuren sich fluide wandeln.

Sylt – eine Insel der Reichen, die es in ihrem Leben durch vermeintlich, individuelle Leistung weit geschafft haben. Lütje Wesel, ein Lokalpolitiker und Rhetorikgenie, gefunden und finanziell gefördert von Ole Hagenfels-Jefson-Bohn, soll als Parteispitzenkandidat hoch hinaus. Doch bei seiner Ansprache pisst er sich ein. Ein PR-Debakel. Finanzgeber Ole und seine Tochter Jagoda Hagenfels-Jefson-Bohn – Zweite auf der Wahlliste der Partei – greifen zu allen möglichen Mitteln, um einen Imageschaden an Lütje zu verhindern und ihn für seine folgenden Auftritte funktional zu machen. Immerhin muss Lütje in 24 Stunden eine Pressekonferenz geben. So landen die drei in einer Privatklinik von Dr. Bob und seiner Assistentin Gesine. Eine wunderliche Behandlungsmethode soll Lütje wieder zum Vorzeigeentrepreneur machen. Was ein U-Boot, ein Geldberg, einige Pimmel, ein Trump-Riesenbaby und ein Flipchart damit zu tun haben … muss man selbst sehen.

Die stimmige Besetzung schafft es, die Zuschauenden zu fesseln und gleichzeitig an den richtigen Stellen zum Hinterfragen einzuladen. Hervorzuheben ist Agnes Mann, die der Rolle der Gesine eine so flüssige und mitnehmende Charakterentwicklung mitgibt. Es macht großen Spaß und beeindruckt, wie Frau Mann es schafft, mit ihrem nonverbalen Ausdruck das Bild der Gesine über das Stück hinweg zu verändern. Von Treu-doof hin zu radikal-feministisch.

Mit der generationenübergreifenden Durchmischung von typisch gebrauchten Sprachphrasen im Stück schafft es die Autorin, Akzente zu setzen und den Figuren Gehör zu verschaffen. Detaillierte zeigt sich dies durch Referenzen zu früheren politischen Personen und Geschehnissen sowie durch Jugendwörter aus aktueller Zeit, die mal mehr, mal weniger passend Verwendung finden, um eine lebhafte und heitere Atmosphäre zu schaffen – checkst du? Nora Abdel-Maksoud kritisiert die Missstände in der Gesellschaft und ballert förmlich die Gegebenheiten der offensichtlichen Nutznießer und Benachteiligten des Systems ins Gesicht der Besucher*innen. Das Stück glänzt mit einer humoristischen Aufarbeitung von Systemkritik und des Patriarchats. Männer dominieren, stehen im Vordergrund, sind Profiteure, werten ab und ignorieren. Die unsichtbare (Ver-)Sorge(ungs)arbeit, der mental Load, die emotionale Unterstützung, die vor allem von FLINTA*-Personen übernommen wird, ist schlichtweg nicht gewürdigt. Eine Geschichte wird erzählt, die an Sci-Fi erinnert und zugleich stets auf dem Boden der Tatsachen bleibt, indem sie reale gesellschaftliche Ungerechtigkeiten aufgreift. Es wird vielumfassende Kritik geübt und gleichzeitig ganz präzise, mit dem Finger genau deutende Beschreibungen gegeben, die bei mir als Zuschauer oft ein Nicken, ein Bejahen auslösten. Wer übernimmt Care-Arbeit in der Gesellschaft? Wer sorgt dafür, dass High-Performer performen können? Warum werden Ideen von Frauen erst gehört, wenn sie ein Mann wiederholt?

Wer Lust auf einen komödiantischen, leistungsgesellschaftskritischen, sexismusanprangernden Abend hat, sollte sich dieses Stück zu Gemüte führen.