Theater einBLICK
Vergangenheit und Gegenwart begegnen sich – neunzehnhundert-zweiundvierzig
An einem milden Augustabend begegnet sich die Gruppe der Teilnehmenden an dieser Vorstellung gespannt, aber gleichzeitig entspannt. So wird sich Anna Rosenberg sicher nicht gefühlt haben, deren Weg zum Bahnhof am 21.07.1942 im wahrsten Sinne „nachgegangen“ wird. Mit Kopfhörern ausgestattet bekommt man während des Audiowalks nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern eine fein ausgearbeitete Geräuschkulisse lässt einen Raum entstehen, mit dem Vergangenheit und Gegenwart zu verschmelzen scheinen. Dabei wird die Gefühlswelt der 50 Jüdinnen und Juden, die an diesem Julitag vom Bahnhof Göttingen ins Ungewisse deportiert werden sollen, spürbar gemacht.
Und während man als auffällige Gruppe mit Kopfhörern und Audiowalkguide in Leuchtweste mit bestimmtem Schritt durch die Straßen geführt wird, kann man sich des ungewöhnlichen Gefühls von den Passant*innen der Innenstadt beäugt zu werden kaum wehren. Wie mulmig und ängstlich muss sich Anna bei dem Marsch durch die Stadt, bepackt mit ihrem Hab und Gut, gefühlt haben.
Dieser Audiowalk, recherchiert und aufbereitet von Gernot Grünewald, berührt sehr. Vermutlich, weil wir Einzelschicksale von Menschen nachspüren dürfen, die durch genau dieselben Straßen gegangen sein könnten und dabei eine große Ungewissheit gespürt haben, wie wir als Publikum des Deutschen Theaters Göttingen gehen und mittels einfühlsamer Beschreibungen nachfühlen dürfen. Man bekommt dabei diese Ahnung wie, während der Zeit des Nationalsozialismus, bis zuletzt die Vorstellung, dass es so schlimm werden könnte, für die Menschen damals nicht möglich war. – Genau diese Tatsache sollte nachdenklich machen bei den aktuellen politischen Entwicklungen.
An der Probebühne am Güterbahnhof angekommen verändert sich für die Zuschauenden der Blickwinkel des Geschehens. Nun geht es nicht um die Menschen, die aus der Stadt deportiert wurden, sondern um Zwangsarbeiterinnen, die aus ihrer Heimat nach Göttingen gebracht wurden, um unter menschenunwürdigen Umständen als Arbeitskräfte ohne eigene Identität Schwerstarbeit zu leisten. Auch hier wird auf die Strukturen einer während und nach dem Zweiten Weltkrieg in Göttingen existierenden Wäscherei als Erlebnisraum zurückgegriffen. Dabei finden sich in diesen Szenen, von Lou von Gündell, Marie Seiser, Judith Florence Ehrhardt und Birte Leest äußerst eindrucksvoll gespielt, wie zuvor Bezüge zur Gegenwart, wo nicht nur das schwierige Thema der Wiedergutmachung bearbeitet wird, sondern erschreckenderweise heute weiterhin durch moderne, aber nicht minder miese Geschäftsstrukturen Ausnutzung und Ausbeutung von Arbeitskräften stattfindet.
Dieses beeindruckende Projekt ist etwas Besonderes, weil es so Vieles nah- und erlebbar macht. Natürlich gibt es einem auch Vieles zum Nachdenken mit; aber das ist genau gut so!
