Theater einBLICK

12.05.2026

Zwischen Macht, Müdigkeit und Maßlosigkeit

Kira Boese, Scharfer Blick / Kritiker*innenclub 6. Mai 2026
SANKT FALSTAFF
Zum Stück

Mit »SANKT FALSTAFF« bringt Ewald Palmetshofer eine ebenso sprachlich wie inhaltlich radikale Bearbeitung von William Shakespeares »King Henry IV« auf die Bühne. Die Inszenierung bewegt sich dabei konsequent im Spannungsfeld zwischen politischem Machtspiel und exzessiver Clubkultur und entfaltet daraus einen vielschichtigen Theaterabend, der sowohl fordert als auch fasziniert.

Der Text ist eine radikale Überschreibung und überführt die höfische Welt Shakespeares in eine Gegenwart, in der Macht nicht mehr durch göttliche Ordnung legitimiert ist, sondern durch Gewalt und Opportunismus.

Es beginnt mit einem schleichenden Gefühl von Erschöpfung: Eine politische Ordnung ist zerfallen, die Macht liegt in den Händen eines Mannes, der sie zwar errungen hat, aber sie kaum noch tragen kann. Heinrich, ein selbsternannter Autokrat, der nach der vorzeitig beendeten Regierung von Richard II., die politische Machtposition übernommen hat, ist nun ein kranker und müder Quasikönig und regiert ein Land, das aus den Fugen geraten ist. In dieser brüchigen Gegenwart verlegt Ewald Palmetshofer das Königsdrama in eine Welt, die unserer eigenen beunruhigend ähnelt: eine Zeit multipler Krisen, politischer Radikalisierung und demokratischer Erosion.

Heinrich erscheint als Mann, der die Kontrolle behalten möchte, obwohl ihm die Kraft dazu längst fehlt. Seine Suche nach einem Nachfolger ist daher nicht nur eine politische Notwendigkeit, sondern auch ein existenzielles Eingeständnis von Schwäche. Der Sohn Harri verweigert sich dieser Logik zunächst komplett und statt sich auf die Bühne der Macht zu begeben, verliert er sich im Nachtleben, in dem Container-Club von Frau Flott, einem Ort, der als Gegenwelt zur politischen Sphäre fungiert. Der Club ist ein Resonanzraum für Sprache, Exzess und Gemeinschaft. Hier begegnet Harri dem titelgebenden Falstaff, einem Antihelden wie er widersprüchlicher kaum sein könnte. Falstaff ist lebensfroh, unangepasst und gleichzeitig überraschend reflektiert. In einer Welt, die zunehmend von Zynismus und Machtkalkül bestimmt wird, wirkt er wie ein Anachronismus, fast schon utopisch. Palmetshofer zeichnet ihn als moralisches Zentrum des Stücks, seine Witze sind scharf, die Beobachtungen präzise und hinter seiner Lebenslust verbirgt sich eine tiefere Skepsis gegenüber gesellschaftlichen Konventionen. Gabriel von Berlepsch gelingt es, die Figur nicht zum Clown zu machen, sondern zum Alltags Philosophen, einem Beobachter, der sich weigert, die Regeln eines Systems zu akzeptieren, dass er durchschaut hat.

Auch die Nebenfiguren sind präzise gezeichnet. Henri Percy, der hitzköpfige Provinzpolitiker, stellt die Kontrastfigur zu Harri da: ehrgeizig, impulsiv und bereit Verantwortung zu übernehmen, aber vielleicht auch gerade deshalb ungeeignet. Heinrich selbst bleibt ambivalent und zeigt sich weder als tyrannischer Bösewicht noch als tragischer Held, sondern als Mann, der sich in den eigenen Widersprüchen verstrickt hat.

Besonders gelungen ist die Darstellung der Berater des Königs Mundwerk und Hirn, die ebenfalls zwischen den Herrschafts- und Clubszenen pendeln, die sinnbildlich für Handeln und Denken stehen und die Frage nach Verantwortung und Außenwirkung aufwerfen.

Die Inszenierung setzt auf Reduktion statt Überwältigung, die Kostüme von Elena Gauss und das Bühnenbild von Jörg Kiefel verordnen das Geschehen klar in der Gegenwart, ohne sich in Details zu verlieren. Der Container-Club wirkt roh und provisorisch, ein Ort des Übergangs,

während die Räume der Machtausübung als Kontrast kühl und funktional wirken. Diese visuelle Trennung unterstützt die inhaltliche, einen Gegensatz von Leben und Ordnung, Macht und Vitalität, Gegenwart und Zukunft.

Die Sprache ist dabei der Kern der Inszenierung. Der Kontrast zwischen der an Shakespeare angelehnten Sprache und der plötzlichen, direkten modernen Sprache lässt eine Spannung entstehen, die das Stück zugleich ernst und ironisch wirken lässt. Sprachlich wird mit Wiederholungen, Brüchen und rhythmischen Verschiebungen gearbeitet, die den Text zugleich poetisch und sperrig machen. Besonders in den Dialogen zwischen Harri und Falstaff entfaltet sich eine Dynamik, die zwischen Zärtlichkeit und Ironie wechselt. Hier wird deutlich, dass es nicht nur um Politik geht, sondern auch um Beziehungen, um Loyalität, Nähe und Verrat.

Die Deutung als »SANKT FALSTAFF« mag zunächst irritieren, erweist sich aber als schlüssig. Heilig ist Falstaff nicht im religiösen Sinne, sondern in seiner Haltung, geprägt von unerschütterlicher Hoffnung auf das Gute im Menschen und in seiner Weigerung, sich von Macht und Geld korrumpieren zu lassen. In einer Welt, die zunehmend von Härte dominiert ist, wirkt diese Haltung fast subversiv. Falstaff wird so zur Gegenfigur einer Politik, die sich von Moral verabschiedet hat.

Erich Sidlers Inszenierung liefert keine einfachen Antworten, sondern zeigt die Ambivalenzen einer Zeit, in der klare Entscheidungen immer auch Verluste bedeuten. Harri muss sich entscheiden, ob er König werden will, aber wenn ja: um welchen Preis? Was bleibt von der Freundschaft zu Falstaff? Diese Fragen hallen noch lange nachdem der Vorhang gefallen ist nach.

Insgesamt gelingt mit »SANKT FALSTAFF« eine Theaterarbeit, die sowohl intellektuell herausfordernd als auch emotional berührend ist. Sie verbindet klassische Stoffe mit aktuellen Diskursen, ohne sich in Aktualisierungsrhetorik zu verlieren, stattdessen vertraut sie auf Figuren, die in ihrer Widersprüchlichkeit glaubwürdig bleiben. Gerade in einer Zeit, in der politische Systeme weltweit unter Druck stehen, zeigt diese Inszenierung eine besondere Relevanz.

Am Ende bleibt das Bild eines Mannes, der nicht herrschen will und eines anderen, der nicht herrschen sollte. Dazwischen: ein Land, das nach Orientierung sucht und einen Falstaff, der lacht, vielleicht als letzter.