Der Kirschgarten

Komödie von Anton Tschechow
dt.1
Premiere 23. September 2023
Dauer 135 Minuten
20.03
Mi
19:45-22:00 Uhr
Der russische Arzt und Autor Anton Pawlowitsch Tschechow verstarb am 15. Juli 1904 im Alter von 44 Jahren in Badenweiler, knapp ein halbes Jahr nach der Uraufführung des »Kirschgartens«. Sein Begräbnis hätte aus einer seiner Komödien stammen können: Die Moskauer Trauergäste folgten dem Sarg eines Generals, der im gleichen Zug transportiert worden war, während der tote Autor einsam in einem Waggon mit der Aufschrift »für Austern« auf seine Beisetzung wartete. Seine Stücke veränderten das Theater. Seine Figuren reden nicht mehr miteinander, sie reden aneinander vorbei. Und dort, wo sie plötzlich verstummen, wo Schweigen ausbricht, wird die Wahrheit sichtbar.
Mit dem Zauber seiner Blütenpracht zieht der alte Kirschgarten Ranjewskaja sofort in seinen Bann, als diese nach fünf in Frankreich verbrachten Jahren nach Hause zurückkehrt. Erinnerungen an unbeschwerte Tage werden wach und sie sind sehr viel angenehmer als die Realität, der sie sich eigentlich stellen müsste: Sowohl sie als auch ihr Bruder haben in den letzten Jahren über ihre Verhältnisse gelebt. Ihr Vermögen ist aufgebraucht und der Familienbesitz, zu dem der Kirschgarten gehört, ist hoch verschuldet. Für seine Rettung fehlen die Ideen und die Energie und so kommt es schließlich zur Zwangsversteigerung. Lopachin, ein reicher Kaufmann, dessen Vorfahren Leibeigene von Ranjewskajas Familie waren, bekommt den Zuschlag und er geht sofort tatkräftig ans Werk. Während die Gutsbewohner*innen noch in Nostalgie schwelgen, fallen schon die ersten Kirschbäume. Das Areal wird parzelliert und mit Datschen bebaut. Die neuen Zeiten verlangen nach Rendite statt nach Zauber.

In Tschechows Komödie verweigert sich eine Gesellschaft den Herausforderungen der Zukunft. Die Gutsbewohner*innen haben die Stagnation zum Lebensprinzip erhoben und darüber ist ihnen ihr Daseinsgrund und damit die Fähigkeit zum Handeln abhandengekommen. Der Glaube, die Zukunft ließe sich abwenden, indem man sie lange genug ignoriert, erweist sich als schwerer Irrtum. Mit den fallenden Kirschbäumen ist das vermeintliche Paradies zerstört. Ironie des Schicksals: Am Tage des Ausbruchs der Oktoberrevolution stand »Der Kirschgarten« auf dem Spielplan des Moskauer Künstlertheaters.

Pressestimmen

Bezaubernd lebensuntüchtig »Das Auge des Betrachters ist zunächst von den projizierten Kirschbaumblüten gefesselt … Optische Pracht verströmen auch die wunderbaren, farblich fein abgestimmten Kostüme, mit denen Elena Gaus den Persönlichkeiten textile Konturen verleiht … Den hat Choreograf Rocamora i Torà abermals in feinsten Bewegungsmustern gestaltet, die das Ensemble mit bewundernswerter Präzension nachzeichnet … Zurück bleibt einzig der alte, kranke Lakai Firs, bewegend in seiner Personenzeichnung: Johannes Granzer … Auch Gutsbesitzer Simjonow-Pischtschek, souverän: Ronny Thalmeyer … Tochter Anja, mit viel Präsenz: Anna Paula Muth, ist von dem ewigen Studenten Trofimow, wunderbar verbummelt und stets an der Realität vorbeiphilosophierend Bastian Dulisch … Warja, zupackend Tara Helena Weiß … Dunjascha, perfekt naiv: Nathalie Thiede … Sie würde jeden nehmen, sogar den Kontoristen Jepichodow, fein grotesk: Benjamin Kempf … Sehr komisch auch Gouvernante Charlotta, perfekt misslungene Kartentricks: Marie Seiser … Erich Sidlers konsequent durchdachte Inszenierung des personenreichen Stückes ist für das Haus und für das Ensemble ein glänzender Start in die neue Spielzeit … Die Bilder und Stimmungen dieses ›Kirschgartens‹ werden lange haften.«
Michael Schäfer, Göttinger Tageblatt 25.9.2023

Der Schein der Idylle trügt »Sidler stellt den Umbruch vom Gestern ins Heute, von der Leibeigenschaft in eine unbestimmte Zukunft ins Zentrum und rückt ihn damit nah an jene Zeit seiner Entstehung – Uraufführung war 1904 in Moskau. Mit dem hervorragenden Ensemble gelingt dem Regisseur ein Gesellschaftsporträt, in dem jede Figur ihre eigene tragische Rolle ausfüllt, ohne eine notwendige Schnittmenge zu den anderen Protagonisten aufzubauen. Rebecca Klingenberg verleiht der Ranjewskaja eine mädchenhafte Naivität und lässt sie doch als schillernde Persönlichkeit auftreten, um die sich alles dreht. Ihr Bruder Gajew wird von Gerd Zinck als glatter Lebemann angelegt, der sich in seinem eigenen Schein am wohlsten fühlt. Bewusst verzichtet die Inszenierung auf viele Requisiten und Umbauten. Wird ein Fest gefeiert, dann tanzen die Darsteller, findet ein Ortswechsel statt, dann erfährt das Publikum dies durch die Gespräche ... So entsteht ein Gesellschaftsporträt einer vergangenen Zeit, in dem jede Person ihren eigenen Platz hat. Sidler spart jeden Gegenwartsbezug aus – eine Transferleistung, die auf der Grundlage des von ihm entworfenen gesellschaftlichen Bildes leicht fällt. Eine besondere Rolle kommt dem Diener Firs (Johannes Granzer) zu ... Sein Anzug weist das gleiche Muster wie die Wände auf, er verschwimmt quasi mit dem Hintergrund, wird unsichtbar und am Ende von allem im Haus vergessen.«
Kirsten Ammermüller, HNA 27.9.2023

Bloß keine Hektik »Das Ensemble darf an diesem Abend nicht allzu viel Emotion zeigen, beweist aber zu jeder Zeit großes Gespür für Timing und – auch textliche – Präzision. Marie Seiser gehört der komischste Moment des Abends, den sie auch voll auszufüllen vermag. Ronny Thalmeyer lässt seinen Boris in mancher Szene so elegant zur Seite kippen, dass man meinen könnte, er sterbe gerade tatsächlich einen langsamen Tod – auch wenn die Figur immer wieder und insbesondere am Stückende ins Leben zurückfindet. Gerd Zinck spielt den redseligen Onkel ebenso überzeugend wie Rebecca Klingenberg die diesseitsfremde und überforderte Gutbesitzerin. Anna Paula Muth beweist als Anja besonders gute Körperbeherrschung, Tara Helena Weiß als Warja überzeugt insbesondere durch ihre gekonnte Stimmmodulation. Die großen Eindrücke des Abends gehören Bastian Dulisch, der mit seiner Rolle als ewiger Student Pjotr wahrlich verschmilzt, und Paul Trempnau, der mit seiner ergreifenden Darstellung des Kaufmanns Jermolaj die zweite Stückhälfte entscheidend prägt. Eine in jeder Hinsicht gelungene Ensembleleistung.«
Marcel Lorenz, unddasleben.wordpress.com 25.9.2023

Ohne Miteinander gelingt Nichts »Das Bühnenbild (Jörg Kiefel) ist angenehm klar, reduziert und konzentriert sich auf die wunderschönen Kirschblüten im Kirschgarten … Beeindruckend stark ist die tänzerische Choreografie von Valentí Rocamora i Torà. Hier wird in einem komplexen Konstrukt das aneinander vorbeileben und agieren der Figuren am deutlichsten. Dies zusammen mit dem sich subtil ständig verändernden Videoinstallation (Jonas Link) der Kirschblüten, macht den Abend zu einem interessanten und wertvollen Theaterbesuch.«
Ingrid Rosine Floerke, Scharfer Blick/Kritiker*innenclub 23.9.2023

Der unausweichliche Tanz der Axt »Eine Stärke der Inszenierung von Erich Sidler ist die Fokussierung auf die Geschwisterbeziehungen, die gleichzeitig den Kontrast der Generationen symbolisieren: Auf der einen Seite stehen die Boomer*innen Ranjewskaja und Gajew, die sich weigern, erwachsen zu werden, der Realität ins Auge zu blicken und ihr Verhalten zu adaptieren, die nicht nur ihre eigene Zukunft sondern auch die Zukunft ihrer Nachkommen verunmöglichen. Das kluge Kostümbild (Elena Gaus) verstärkt diesen Eindruck. Ihnen gegenüber stehen Warja (Tara Helena Weiß) als Vertreterin der Gen Y, die als »Generation Praktikum« und durch unermüdliche Arbeit den Laden am Laufen hält – in Kooperation mit der Gen Z, Anja, die zunächst naiv und mädchenhaft, jedoch durch das Versagen der Elterngeneration gezwungen wird, schneller erwachsen zu werden als es wünschenswert wäre … Die Enge der Guckkastenbühne wirkt zusätzlich beengend durch übergroße projizierte Kirschblüten (Bühne: Jörg Kiefel, Video: Jonas Link). Sehr eindrucksvoll wirken auch die durchdachten Choreografien von Valentí Rocamora i Torà, in denen sich die Figuren in ihren Bahnen über die Bühne bewegen, manchmal miteinander tanzen, ohne dabei je wirklich miteinander in Kontakt zu treten.«
Katja Hagedorn, Ronja Kirschke, Scharfer Blick/Kritiker*innenclub, 3.10.2023

Lustwandeln im Stillstand »Es wird deutlich, welche Mühsal es für Menschen bedeuten kann, eine Brücke vom Um-sich-selbst-Kreisen zur wirklichen Reflektion zu schlagen, in einer wirklichen Verbindung zu einem anderen Menschen sich selbst zu offenbaren oder Verantwortung für den eigenen Lebensweg zu übernehmen ... Das Komische, das in diesem Tragischen liegt, gelingt in den 120 Minuten Spielzeit beeindruckend durch das Schauspieler*innen-Ensemble und seinem Gespür für das richtige Timing. Die bissigen, zum Teil bösen Dialoge stehen im scharfen Kontrast zu der perfekten Kirschblüten-Kulisse … Dabei bietet das minimalistische, aber wunderschön blütenprächtige Bühnenbild (Bühne Jörg Kiefel, Video Jonas Link) den Darsteller*innen den perfekten Entfaltungsraum, um die zwischenmenschlichen Beziehungen (bzw. deren Fehlen) in den Fokus zu rücken. Das stimmungsvolle Kostümbild (Elena Gaus) und der Wechsel zwischen den prächtigen Gewändern der feinen Herrschaften zeigen atmosphärisch die Szenenwechsel an und stehen im Gegensatz zu den gleichbleibenden Kostümen derer, denen nicht die Gnade der hohen Geburt zuteil wurde. Der älteste Diener des Hauses, Firs (Johannes Granzer), – zu seinen Lebzeiten aus der Leibeigenschaft befreit – ist dennoch so Teil des Inventars, so verdinglicht, dass sein Kirschblütenanzug sich überhaupt nicht von der Umgebung abhebt.«
Lisa Eisenkrätzer, Scharfer Blick/Kritiker*innenclub, 4.10.2023

Eine großartige Klassikerinszenierung, die den Zeitnerv trifft »Fulminanter Start in die neue Spielzeit ... Die große Bühne im dt.1 als Guckkasten von Jörg Kiefel gestaltet, zeigt an den drei Wänden übergroße Kirschblüten, die im Laufe des Spiels durch eine sensible und passgenaue Licht- und Videoregie in immer neuen Schattierungen und Nuancen erscheint und das Publikum von Beginn an in seinen Bann zieht. Drei Bänke als zentrale Requisiten, die im Handumdrehen zu immer neuen Spielflächen werden; mehr ist nicht nötig, um den Raum wirkungsvoll zu gestalten ... Rebecca Klingenberg verkörpert die Figur der Andrejewna glänzend in all ihren emotionalen Facetten – absolut ausdrucksstark und leidenschaftlich. Der junge Kaufmann Lopachin, ihr einstiger Bewunderer und Sohn eines ehemaligen Leibeigenen, ebenso überzeugend dargestellt von Paul Trempnau, sieht den Ausweg aus der finanziellen Misere im Verkauf des Kirschgartens, um das Areal zu parzellieren und Datschen zu bauen und um auf diesem Weg das gut zu retten ... Kulminationspunkt all ihrer Verdrängungsmechanismen ist die von Valentí Rocamora i Torà glänzend choreografierte Ballszene zu Beginn des zweiten Aktes, in der die Protagonistin der Zeit der größten Krise ein rauschendes kostspieliges Fest entgegensetzt, was vom Publikum mit offenem Szenenapplaus bedacht wurde ... Alle Schauspieler*innen brillierten mit einer starken Bühnenpräsenz … Alles in allem erlebten die Premierenbesucher*innen eine hervorragende Ensembleleistung in einer großartigen Klassikerinszenierung, die vom Publikum mit langanhaltendem Applaus und Bravo-Rufen bedacht wurde. Absolut sehenswert.«
Christine Wegener, Scharfer Blick/Kritiker*innenclub 21.10.2023

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